Gicht und Nervensystem

S. Cohn
1921 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Die von mir auf Orund tierexperimenteller Ergebnisse vertretene Ansicht'), daß ein Ueberschuß von Na-Salzen für die Pathogenese der Gicht von ausschlaggebender Bedeutung ist, hat bisher, ebensowenig wie irgendeine andere Hypothese, soweit ich die Literatur übersehe, eine allgemeine Zustimmung gefunden. Das kommt vielleicht daher, daß man sich nach dem bisherigen Stand der Wissenschaft keine rechte Vorstellung davon machen konnte, wie der Na-Ueberschuß zu Ablagerungen der (irate zu führen
more » ... Nachdem ich aber gezeigt habe2), daß es eine biologische Eigenschaft der Na-Salze ist, sich Eiweißstoffe und deren Abkömmlinge anzulagern, mußte diese Frage erneut geprüft werden, zumal ja zweifellos vor jedem Anfall, also vor jeder Tophusbildung, eine N-Retention erwiesen ist. Auch die in letzter Zeit immer mehr in den Vordergrund gerückte Bedeutung der Alkaliverteilung im Organismus für den normalen; Ablauf der Funktionen muß zu einer erneuten Untersuchung Veranlassung geben. Bei einer größeren Zahl von Beobachtungen kann man sich dem Eindruck nicht entziehen, daß bei der Entstehung der gichtischen Ablagerungen das Nervensystem eine wichtige Rolle spielt. Ja, die Bedeutung des Nervensystems erschien früheren Autoren 3) so ausschlaggebend, daß z. B. H e n le 1847 das Podagra und Chirarga für Neuralgien erklärte. Dyk Dyckworth trat als Referent auf dem Internationalen Kongreß 1900, gestützt auf eine Anzahl französischer Forscher, wie Charco t und Rend u, 'energisch für die nervöse Natur der Gicht ein. Auch der Korreferent L e G e n dr e betonte-ganz besonders die nervöse Basis der Gicht. Ebenso vermochte E b stein sich der Anschauung nicht zu entziehen, daß gewisse Beziehungen zwischen Gicht und Nervensystem in pathogenetischer Hinsicht bestehen. Es fiel 'ihm auf, wie besonders häufig gichtische Affektionen mit nervösen Störungen zusammentreffen oder mit ihnen alternieren, und er konstatierte, daß ein großer Teil der Neurastheniker Gichtiker sind. Unter 194 Qichtikern hat er 38mal Neurasthenie und Neuralgien notiert. Aehnliche Erfahrungen hat wohl jeder Praktiker gemacht, und es mag genügen, wenn ich aus meinem eigenen Material einige besonders prägnante Fälle kurz erwähne. Frau W., 65 Jahre alt. Schwere Oelenkveränderungen an Händen und Füßen. Aber auch fast alle anderen Gelenke nicht frei von Gicht. Vermag sich fast gar nicht mehr zu bewegen. Im Urin Albumen. Die gichtischen Veränderungen sollen seit zirka 8 Jahren bestehen. Patientin gibt aber mit aller Bestimmtheit an, daß sie bereits zirka zwei Jahre vor dem ersten Auftreten der Gicht an sogenanntem nervösen Kribbeln in den Zehen gelitten habe, ohne daß an den Zehengelenken die geringsten Veränderungen bemerkbar wàren. Die Autoren sind zitiert nach Ebstein,Natur und Behandlung der Gicht. 2.Aufl. 1906 S. 2851f. Frau H., 62 Jahre alt, leidet seit 20-30 Jahren an Hautröte der Finger beider Hände, was sie auf Frostwirkung zurückführt. Alimählich bemerkte sie, daß die Finger im Winter, später auch im Sommer, immer häufiger sich blaùgrün verfärbten, gleichsam abstarben. In den letzten Jahren traten dann wiederholt Geschwüre an den Fingerkuppen auf, die geöffnet wurden und dann schwer heilten. Die Untersuchung ergab: Intensiv verfärbte Finger (I. Stadium der Raynaudscheu Krankheit), an 4 Fingerkuppen harte, mit den Knochen verwachsene Narben. 1m Laufe der Beobachtung trat an der unteren und seitlichen Umrandung ds Nagels des linken Mittelfingers eine Blase auf, aus der nach Eröffnung reine harnsaure Natronkristalle entleert -wurden. Wir sehen hier also ein als Raynaudsche Krankheit imponierendes Bild, das sich als eine rein gichtische Affektion erwies. Herr G., 61 Jahre alt, hat 1914 eine schwere Gichiattacke der rechten Schulter überstanden. Seit 1915 traten zum ersten Male in seinem Leben epileptische Krämpfe auf, die sich in größeren oder kleineren Intervallen wiederholten. Jm Jahre 1919 hörten die Krämpfe für 5-6 Monate auf, wogegen sich wieder die Schmerzen in der rechten Schulter -röntgenologisch ließ sich im Schleimbeutel ein Tophus nachweisen -mit großer Heftigkeit einstellen. Mit Nachlaß der Schulterschmerzen traten die Krämpfe wieder auf 3). In dieselbe Kategorie, wie dieser Fall, gehört der des Herrn B., der seit vielen Jahren an Asthma nervosum litt. Bei diesem Patienten stellte sich im Anschluß an eine Grippe eine recht schwere Gicht der linken Schulter ein, während das Asthma deutlich nachließ ; um mii Abklingen der Gicht wieder seinen alten Charakter zu bekommen;. Einen ähnlichen Fall konnte ich auch in der letzten Zeit beobachten : Herr J., 61 Jahre alt, litt bis zum Kriege etwa 30 Jahre lang an Asthma nervosum. Seitdem ist das Asthma völlig verschwunden, dagegen trat eine schwere Gicht auf, die bereits zu Kontrakturen der Schultern und fast sämtlicher Fingergelenke geführt hat. In einer weiteren Zahl vn Fällen gingen den typischen Gichtanfällen ein oder mehrere Neuralgien, besonders Anfälle von Ischias und Migräne, voraus. Wiederiolt auch wurde mir anamnestisth schwere Migräne der Aszendenten anggeben von im jugendlichen Alter an Gicht Erkrankten. Ebenso mußTe oft Gicht der Eltern als ätiologisches Moment für Ischias, Migräne, Interkostalneuralgien der Kinder betrachtet werden. Alle diese Beobachtungen weisen doch zusammen mit den oben erwähnten Anschauungen der Autoren auf recht enge Zusammenhänge zwischen Gicht und Nervensystem hin. Achtet man erst auf diese Beziehungen, so wird man erstaunt sein zu sehen, wie oft man gerade bei schwerer Gelenkgicht eine nervöse Komponente findet und wie relativ häufig von einwandfreien Patiehten angegeben wird, daß rein nervöse Erregungszustände ihr Leiden, besonders ihre Schmerzen, verschlimniern. -Und wenn es gestattet ist, ex juvantibus einen Schluß auf die Pathogenese der Gicht zu ziehen, so kann man aus der Wirkung des Kolchizins, also eines Nervengiftes, folgern, daß die. Gicht eine Erkrankung des Nervensystems ist. R o ß b a c h und W e h n e r haben gefunden, daß Kolchizin die E n d i.g u n g e n der sensiblen Nerven lähmt, während die motorischen Nerven und die quergestreiften Muskeln intakt bleiben. Insbesondere könnte man daraus also schließen, daß die gichtische Ablagerung vermutlich gerade mit den Endigungen der Nerven irgendeine Beziehung hat. Nun ist aber die Kardinalfrage zu beantworten, wie die Erkrankung des Nervensystems zur Ablagerung eines gichtischen Top h u s führen kann. Die Beantwortung dieser Frage muß, wie dieU der meisten biologischen Fragen, auf chemisch-morphologischem Wege versucht werden. Die chemische Untersuchung 2) erwies den Achsenzylinder des Nerveii als Eiweißgebilde, das allein unter allen andern Geweben iieben den an Eiweiß gebundenen Na-Salzen noch freie, an Eiweiß nicht fest gebundeneNa-Salze enthält. Nach dem Nernstschen Gesetz werden an der Oberfläche organischer Gebilde in ihnen enthaltene anorganische Ionen ständig dissoziiert, und die Abstoßung der Ionen wird bei jedem das organische Gebilde treffenden Reiz verstärkt. Diese so dissoziierten Na-Ionen werden sich naturgemäß an den Nervenendigungen dadurch geltend machen, daß sie die U mg e bun g der Endfibrillen alterieren, wenn, wie es bei der Gicht der Fall ist, die Na-Salze im Qesamiorganismus vermehrt sind, und besonders-dann, wenn die Nerven irgendein Reiz trifft. Die Na-Salze werden, nachdem sie mehr oder weniger Lösungswasser an sich gezogen haben, die Gefäßwände angreifen, es kommt zu Erythemen, dann weiter zu Ekzemen, Urtikaria, Herpes, kurz zu allen Hautaffektionen, die wir ¡a als Begleiterscheinungen der Gicht kennen. Wenn nun aber der Nerv nicht in der Form der nackten Achsenzylinder endigt, sondern in Form des sogenannten Endkolbens, werden die Verhältnisse sich anders gestalten: danii werden, um es vorauszuschicken, gichtische Ablagerungen sich bilden.
doi:10.1055/s-0028-1140609 fatcat:67xecsqhavhz3b52ow7hgltwuu