Die Malaria-Moskito-Lehre und die epidemiologische Malariakurve

1906 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
In bezug auf die Epidemiologie der Malaria sind in den letzten Jahren beachtenswerte Fortschritte gemacht worden. Trotzdem soll durchaus nicht geleugnet werden, daß es immer noch einzelne Erscheinungen in der Malariaepidemiologie gibt, die wir noch nicht befriedigend erklären können. So wissen wir z. B. immer noch nicht, warum das Tertianfieber im Mittelmeergebiet hauptsächlich im Frühjahr, das Tropenfieber im Sommer, die Quartana aber erst im Herbst auftritt. Schüffner hat der Meinung Ausdruck
more » ... er Meinung Ausdruck gegeben, daß die Anophelinen vielleicht in bestimmten Jahreszeiten nur bestimmte Parasitenarten entwickelten. Doch sind Versuche in dieser Hinsicht noch nicht angestellt worden. Warum ferner in bestimmten Strichen Toskanas, wo es reichlich Anophelinen (A. maculip.) gibt und wo ständig malariakranke Menschen zuwandern, die Malaria nicht in entsprechender Weise um sich greift,' können wir auch noch nicht erklären. Ob in diesem Falle eine gewisse Immunität der Anophelinen jener Gegenden gegenüber den Malariaparasiten in Frage kommt, wie sie z. B. tatsächlich beim A. Rossi oder punctipennis besteht, oder ob die Nahrung der Anophelinen in jenen Gegenden der Entwicklung der Malariaparasiten im Anopheles nicht günstig ist, läßt sich vor der Hand noch nicht sagen. Ebensowenig läßt sich mit Bestimmtheit erklären, warum in manchen kühlen Sommern, trotz auffallend niedriger Temperaturen doch Malariaepidemien zum Ausbruch kommen, wie z. B. 1902 in Nordholland. Schoo sucht diese Erscheinung durch den Umstand zu erklären, daß die Leute während des kühlen Sommers intensiv heizten und so die Anophelinen in den Häusern die nötige Wärme zur Entwicklung der -Malariaparasiten fanden. Italienische Autoren (namentlich Celli), aber auch merk-«würdigerweise Manso n, der Vater der Malaria-Moskito-Theorie, sind der Ansicht, daß Eigentümlichkeiten in der Malaria-Epidemiologie wie die oben geschilderten nur dadurch erklärt werden könnten, daß man noch eine andere Uebertragungsmöglichkeit der Malaria als diej enige durch die Anaphelinen, annähm Auch A. Plehn hat sich dieser Meinung angeschlossen. Er weist darauf hin, daß z. B. in Kamerun zuzeiten die An phelinen gänzlich fehlten -d. h. er konnte zu bestimmten Zeiten keine auffinden 1) daß aber trotzdem in dieser Zeit Neuerkrankungen an Malaria auftraten und daß schließlich nur 2,2 O/ der aufgefundenen Anophelinen infiziert2) waren. Eine so geringe Anzahl. infizierter Anophelinen könnte aber eine so hohe Malariamorbidititt, wie sie in Kamerun herrschte, nicht allein erklären. Auch ließe die epidemiologische Malariakurve in Kamerun keine Abhängigkeit der Malariamorbidität von der Kurve der Anophelinenhäufigkeit erkennen. Es ist notwendig auf diese Ansichten näher einzugehen. Zunächst müssen wir zugeben, daß wir über die feineren Lebensgewohnheiten und Existenzbedingungen der Anophelinen noch durchaus nicht vollkommen unterrichtet sind. Werden wir erst einmal in dieser Hinsicht die nötigen Kenntnisse besitzen, so werden wir auch das nach der Jahreszeit verschiedene Auftreten der einzelnen Malariafieberarten und den Umstand erklären können, warum eine Anophelinenart, die für gewöhnlich die Malariaparasiten weiter entwickelt, es in bestimmten Gegenden zu bestimmten Zeiten auffallenderweise nicht tut. (Vgl. oben die in Toscana gemachten Beobachtungen.) : Aus diesem Grunde aber eine andere Uebertragungsweise der Malaria als die bekannte anzunehmen, ist nicht richtig, da bisher nur beim Menschen und nie bei einem andern Wirbeltiere menschliche Malariaparasiten (Plasmodium vivax, malariae und immaculatum) nachgewiesen worden sind. Die Malariaparasiten zirkulieren also nur zwischen Mensch und Mücke. Denn für die Behauptung: es gäbe in Indien und Afrika (wo', wird nicht gesagt) Gegenden, die "praotically" 'wegen der Malaria unbewohnbar wären: also eine Malaria ohne Menschen, ist uns Manson bis jetzt den Beweis schuldig geblieben. Ich muß nun noch mit einigen. Worten auf die Versuche eingehen, mit Hilfe von, epidemiologischen Malariakurven Schlüsse gegen die alleiñige Uébertragungsmögliohkeif der Malaria durch die Stechmücken zu ziehen. Vom rein logischen Standpunkte aus muß zunächst gefordert werden, daß epidemiologische Malariakurven, die für die Entscheidung der in Rede stehenden Frage brauchbar sein sollen, nur Neuerkrankungen und Reinfektionen zur Darstellung bringen, weil Rückfälle unabhängig von den Anophelinenstichen auftreten. Da muß zunächst die Frage aufgeworfen werden: Läßt sich eine solche Kurve uberhaupt in einwandfreier Weise koii struieren1 Die Antwort lautet Nein , denn wir haben u der überwiegenden Mehrzahl, der Fälle gar keine Möglichkeit. Rückfälle von Neuerkrankungen oder Reinfektionen mIt Sicher heit zu scheiden Wir konnen da uns in dieser Beziehung die Blutuntersuchung im Stich läßt, nur unter folgenden Um ständen mit, Sicherheit eine Neuerkrankung als. solche erkennen: Wenn ein Individuum, das aus einem malariafreien Lande zugereist ist, zum erstenmal erkrankt; wenn ein Neugeborener zum erstenmal: erkrankt,;. wenn ein bereits malariakrank Gewesener bei einer späteren Erkrankung eine andere Parasitenart im Blute hat, als bei seiner ersten Erkrankung. Derartige Fälle sind aber so spärlich, daß es unmöglich ist, aus ihnen eine brauchbare Kurve herzustellen. Es' würden zu ') Das Nichtauffinden von Anophelinen ist kein Beweis' für ihr Fehlen. Wie schwierig selbst für geübte Untersuchei dá Auffinden der Anophelinen sein kann, zeigt folgende Bemerkung von Giles: Der Boden eines Badezimmers, in dem kaum eineMücke bei der gewöhnlichen Suchweise gefunden werden konnte, lag nach der Ausräucherung voll von toten Mücken, ein Umstand, der einen guten Begriff von der Art und Weise gibt, in welcher die Tiere sich verstecken." 2) Es wurden nur Spiritusexemplare in Schnitten mtersucht, bei 'denen das Auffinden der Parasiten viel schwieriger als im frischen Präparat ist Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0029-1188637 fatcat:6ud4ef6hffaytdd7mhzdl5my44