Englische Leichtfertigkeit und englischer Dünkel

J. Schwalbe
1916 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
med. Jo urn, habe ich in Nr.48 des vorigen Jahres (S. 1433) dieser englischen Zeitschrift das Zeugnis ausstellen können, daß in ihren Spalten fast nie-mais so haßerfüllte Ausfälle gegen die Deutschen im allgemeinen und gegen die deutsche Medizin im besonderen enthalten seien wie in den französischen Blättern. Ich ließ mich herbei, diese Wahrnehmung zu verallgemeinern und danach anzuerkennen, daß die englische medizinische Fachpresse weit verständiger und anständiger sei als die französische.
more » ... ie französische. Freilich habe ich schon damals an der Hand eines Beispiels zeigen können, daß dieses Urteil nicht ausnahmslos gilt. Weitei hin habe ich Gelegenheit gehabt,. in Nr. 49 S. 1467. desslben Jahrgangs einen Angriff des Brit. med. Journ., den es wegen der kriegsgerichtlichen Verurteilung der Spionin Miß Cayeu (einer englischen Krankenschwester) in Belgien gegen die deutschen Behörden gerichtet hatte, zurückzuweisen. Indes war auch diese Erfahrung nicht genügend, das obige günstige Urteil über die englische Fachpresse zu erschüttern, denn die ungerechtfertigte und iiberschießende Entrüstung konnte man der durch das traurige Ereignis erzeugten Aufwallung der erregten Gemüter zugute halten. Seitdem sind aber im Brit. med. Journ. wiederholt Aufsätze erschienen, die den Beweis liefern, daß auch die englischen Blätter sich nicht mehr von den in der französischen Presse wahrgenommenen üblen Einwirkungen der Kriegsverhältnisse auf Hirn und Charakter freizuhalten. vermögen. Wir wundern uns darüber nicht allzusehr. Wer die furchtbare Lügen. saat, die von der politischen Presse Englands seit Kriegsausbruch aus. gestreut worden ist, verfolgt hat, wer die geistige Verwirrung, die selbst erleuchtete Gelehrtenköpfe jenseits des Kanals ergriffen hat, beobachten konnte, mußte im Gegenteil darüber erstaunen, daß diese Strömungen nicht stärker in den Bereich der englischen ärztlichen Zeitschriften ein. gedrungen waren. Aber die Hemmungen, die im ersten Kriegsjahre bestanden haben, sind nicht mehr im gleichen Maße vorhanden. Die Entente cordiale mit der französischen Presse mußte mit der Zeit auf die englische ansteckend einwirken. Und der Groll und Haß der im ersten Jahre von den Folgen des Krieges so wenig verspürenden Engländer. mußte mit jedem Schaden, der ihnen von uns zugefügt wurde, mit jeder Niederlage, die sie von uns erlitten, gegen die Sieger wachsen und immer weitere Kreise der Bevölkerung ergreifen. Und so finden wir in dem zu uns dringenden Repräsentanten der englischen Fachpresse, dem Brit. med. Journ., seit einem, halben Jahre Angriffe, die denjenigen der französischen Blätter an Gehässigkeit nichts nachgeben, aber an Hochmut und Dünkel -den anerkannten englischen Nationaltugendenwomöglich noch über sie hinausragen. J. In seiner Nummer vom 29. Januar d. J. sieht sich das Brit. med. Journ. veranlaßt, in die Entrüstung der feindlichen Hetzpresse über die "Crimes", die "Cruelties", dié "Atrocities" der deutschen Truppen in Belgien mit dem Aufwand des sittlichen Pathos, das den englischen Inhabern des Cant so wohl nsteht, einzustimmen. Um unseren Lesern, die ja wohl ausnahmslos nicht in der Lage sind, das Original einzusehen, einen Begriff zu geben von dem Niveau, das die Redaktion eines Blattes wie das Brit. med Journ einnimmt, will ich den "Greuel-Artikel" im Wortlaut hersetzen: Das illustrierte Sonderheft des ,Field', betitelt ,The Crimes of the German Army', wird die hohen Erwartungen (!) derjenigen erfüllen, welche das im Februar vorigen Jahres veröffentlichte Heft gesehen haben. Frankreich', so bemerkt sein hiesiger Gesandter in einem Anerkennungsschreiben, wünscht, daß die Wahrheit allgemein bekannt werde.' Nicht Raemaekers Grüner Teufel' könnte irgendeine Grausamkeit, Schurkerei und Bestialität ersinnen, die nicht von den Deutschen und ihren Verbündeten in den letzten 18 Monaten begangen wurden, Die Greuel werden im Sonderheft des ,Field' vorgeführt nach offiziellen Dokumenten, gesammelt aus den Angaben Ueberlebender, auS offiziellen Feststellungen oder aus vertraulichen Angaben in Tagebiichern der Verbrecher, deren Veröffentlichung sie nicht erwartet haben. Ich nenne einige Ueberschriften: Verbrechen gegen Frauen und Kinder', ,Gewalttaten gegen Zivilisten', ,Brandstiftung und Pliinderung', ,Gemetzei', Die Verwendung von Zivilpersonen als Deckung', Tötung oder Verstümmelung von Verwundeten', ,Beschimpfungen des Roten Kreuzes'. Es ist nur zu billigen, daß man diese Untaten in ansprechender Form zusammengestellt hat, weil die Deutschen und ihre Mietlinge schon anfangen sie zu leugnen, nicht, weil sie die 'Angaben nicht für wahr halten, sondern, weil sie nach ihrer unglaublichen Voreingenommenheit nich t wahr sein können bei, einem Volke, von dem einzelne Angehörige früher einmal schöne Musik geschrieben haben. Das Heft ist reich ifiustriert mit Photographien von 'Zerstörungen mid Grausamkeiten und von den hölzernen Götzen.' bildern, die die Deutschen zusammen mit Porträtbüsten ihrer Götter in Uniform errichtet haben. Das Heft enthält auch Wiedergaben von Bildern, die in deutschen Zeitungen selbst veröffentlicht sind, einschließlich einer die' Deutschen charakterisierenden Zeichnung, die die (nach ihrer Annahme) unter den Frauen und Kindern an den Quais (!) von Scarborough verursachte Panik darstellen soll. Es war ein glücklicher Ge danke, zwischen die einzelnen Artikel Reproduktionen aus Holbeins Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0028-1135256 fatcat:isg2wkyjjvaonfxgwbzkcbi2m4