Hans B. Meyer: Das Danziger Volksleben

Erhard Riemann
1958
Die vorliegende Arbeit, die ich mit besonderer Freude ankündige, ist der Ertrag einer "Volkskundlichen Landesaufnahme", die Erich Keyser, damals Direktor des Staatlichen Landesmuseums für Danziger (später westpreußische) Geschichte in Danzig-Oliva, in den Jahren 1933-39 im Gebiet der Freien Stadt Danzig durchführte. In direkter Methode befragten er und drei seiner Mitarbeiter, zu denen auch H. B. Meyer gehörte, in den wichtigsten Orten des Gebiets an Hand eines Fragebogens, der auf die
more » ... er auf die besonderen Verhältnisse der Freien Stadt Danzig abgestimmt war, alte eingesessene Leute, Pfarrer, Lehrer, Gastwirte, Bauern, Handwerker und Landarbeiter. Glücklicherweise ist das Ergebnis dieser Erhebungen fast vollständig erhalten geblieben. Seine Bearbeitung übernahm H. B. Meyer, ein gebürtiger Danziger und guter Kenner des Volkslebens seiner Heimat. Wer wie der Rezensent eine volkskundliche Bestandsaufnahme in der gleichen direkten Methode in der ostpreußischen Nachbarlandschaft durchgeführt hat 1 , weiß diese Arbeit besonders zu schätzen. Es zeigt sich nämlich eine weitgehende Übereinstimmung der Ergebnisse, die es erneut deutlich macht, daß Ostpreußen, Westpreußen und das Danziger Land eine geschlossene Kulturlandschaft bildeten. Das Unterschiedliche trat völlig zurück hinter der großen Masse des über das gesamte Gebiet verbreiteten Volksguts, in dem sich das Werden eines neuen nordostdeutschen Stammes widerspiegelt. Unendlich: reich ist die Ernte, die hier eingebracht ist. Es zeigt sich wieder die große Überlegenheit der direkten Methode, bei der der Stoff in mündlicher Befragung zusammengetragen wird, gegenüber der indirekten Fragebogenmethode, die etwa der Deutsche Volkskundeatlas wegen der Größe des Untersuchungsgebiets anwenden mußte. Wenn man seine Karten mit den hier vorgelegten Erhebungsergebnissen vergleicht, merkt man, wie lückenhaft sie sind und wie sie durch diese Lückenhaftigkeit -jedenfalls für den deutschen Nordosten -manchmal ein schiefes Bild ergeben. Auch der Vf. hat zur Überprüfung der eigenen Erhebungen die Fragebogen des Deutschen Volkskundeatlasses durchgesehen und deren Angaben öfters ergänzen oder berichtigen können. In fünf Hauptabschnitten behandelt H. B. Meyer das Brauchtum des täglichen Lebens, des Jahreslaufs und des Lebenslaufs, den Volksglauben und die Volksheilkunde. Die Arbeit will "lediglich die Tatbestände in ihren mannigfaltigen Abwandlungen" vorlegen, d. h. sie will sich weder auf Deutung der einzelnen Brauchtums-und Glaubensmotive im Sinne der vergleichenden Volkskunde, noch auf geographische Auswertung in der Methode der geographischen Volkskunde einlassen. Darin liegt keineswegs ein Mangel. Bei dieser Fülle des Stoffes wäre eine solche Ausdeutung technisch auch gar nicht möglich. Man könnte der Volkskunde nur wünschen, daß ihr noch viele so zuverlässig gearbeitete Stoffsammlungen beschert würden. Sie nützen ihr viel mehr als fragwürdige Hypothesen, denn sie allein schaffen die sicheren 1) vgl. E. Eiemann, Ostpreußisches Volkstum um die ermländische Nordostgrenze. Beiträge zur geographischen Volkskunde Ostpreußens. Königsberg u. Berlin 1937.
doi:10.25627/195873682 fatcat:ckhuwglntvdldbzgtkfwkvw46i