4. Ergebnisse: Das Bild vom Islam und den Muslimen [chapter]

»Den Islam ausleben«  
Ah.: Man sieht oft genug, wie sich [deutsche; HLF] Familien -auch bei Freunden von mir -wie sie sich mit ihren Eltern anlegen, wie sie sich mit ihren Eltern streiten, nur wegen Kleinigkeiten, und dann halt ausziehen. Oder auch, wie die Eltern die Kinder rausschmeißen und solche Sachen. Und da bin ich der Meinung, wie das bei uns ist, das ist schon irgendwie besser. Auch wenn die Eltern ein bisschen mehr Autorität haben, gehen sie immer noch auf die Kinder ein. Bei uns in der Religion ist das
more » ... Religion ist das meistens so, also was heißt, in der Religion ist es so -bei uns in der Veranlagung, weiß ich nicht genau -, dass die Eltern meistens nur für die Kinder da sind. 114 Im Sinne Simmels (s. S. 49f.) wird Gemeinde und religiöse Zugehörigkeit hier als einer der sich im Einzelnen kreuzenden Kreise deutlich; das zeigt zugleich, wie die Zugehörigkeit zum Islam einen Identitätsaspekt bildet. Von einer 'islamischen Identität' kann demgegenüber nicht gesprochen werden. 115 In seiner 'Ethnographie einer Jugendbande' kommt auch Tertilt (1996: 162) für eine wesentlich anders strukturierte Gruppe delinquenter Jugendlicher türkischer Herkunft zu dem Schluss, dass "die Familie jeweils der wichtigste Bezugspunkt für die Jugendlichen (ist)". 116 Die Jugendlichen sehen den familiären und freundschaftlichen Zusammenhalt tatsächlich nicht in erster Linie als Qualität der muslimischen, sondern vor allem als eine der türkischen, ausländischen, südländischen Einwanderer gegenüber der deutschen Mehrheitsgesellschaft (s. dazu den Interviewausschnitt S. 117), die über weniger ausgeprägte verbindende und verbindliche soziale Strukturen verfüge. ERGEBNISSE: DAS BILD VOM ISLAM 83 Sozusagen alles für die Kinder machen, arbeiten und so. Und so scheint es mir bei deutschen Freunden nicht zu sein. Okay, die kriegen genügend Taschengeld, kriegen alles, was sie wollen, aber vielleicht nicht genügend Liebe oder Zuneigung oder solche Sachen. (Hicret II., S. 24f.) Diese Wertschätzung von Wesen und Struktur der Herkunftsfamilien schließt nicht jede Kritik an ihnen grundsätzlich aus; ob aber trotz mancher innerfamiliärer Auflehnung das Klima als liebevoll, fürsorglich und beschützend erfahren und beschrieben wird, scheint entscheidend für einen positiven Integrationsverlauf zu sein, und zwar, im Fall der befragten Jugendlichen, sowohl in die islamischen Gemeinden als auch in die Aufnahmegesellschaft. Şa.: Das fehlt, glaub' ich, bei den Deutschen so ziemlich. Der Zusammenhalt unter türkischen Freunden und türkischen Familien ist ganz anders als zwischen den Deutschen. Ich sag' mal, wenn irgendjemand bei uns ein Problem hat, sei es psychisch oder sei es materiell, da wird jeder 'n bisschen seinen Beitrag dazu leisten, dass der wieder zu sich kommt. Und bei den Deutschen ist es doch völlig egal. Da sagt jeder, "egal, das ist dein Problem" -(Mevlana II., S. 51) M.: -dann gibt's 'ne Freikarte ab achtzehn für die eigene Wohnung bei den Deutschen. Bei uns ist man immer noch der kleine Sohn, egal wie alt man ist, dreißig oder vierzig, und verheiratet und so, da ist man immer noch der kleine Sohn. Und das fehlt halt bei den Deutschen. Bei den meisten Deutschen jetzt. Ich würde nicht sagen, alle, aber bei den meisten. (Mevlana II., S. 51) Dem Freundeskreis kommt neben der Herkunftsfamilie eine wesentliche Bedeutung zu. Nicht zuletzt hier entscheidet sich, ob die in der Beziehung von Eltern und Kindern angelegten positiven Impulse tragfähig sind, ob die Jugendlichen, um mit ihren Worten zu sprechen, auf dem richtigen Pfad gehen. Dieser häufig benutzte Terminus umschreibt das Risiko, das auch religiös gebundene männliche Jugendliche für sich sehen, nämlich sich in sozial auffälliges, unter Umständen kriminelles Verhalten, in legalen oder illegalen Drogenkonsum und ein schlechtes Leben zu flüchten. Einige der befragten Jugendlichen kennen solche biografischen Episoden aus eigener Erfahrung. Ob dann eine Neu-bzw. Umorientierung möglich ist, hängt nach ihrer Einschätzung stark mit dem Freundeskreis, d. h. eben mit der Fähigkeit, zwischen guten und schlechten Freunden zu unterscheiden, zusammen. 4.1.1 Die Migration der Eltern In den Interviews wird deutlich, dass die Jugendlichen ein ausgeprägtes Wissen um die spezifischen Migrationskosten 117 ihrer Eltern haben. Die Eltern, oder im Fall der 117 Diese Kosten hat Mıhçıyazgan (1986: 340f.) spezifiziert: "Alle Migrantensprecher stellen nach einigen Jahren in der Fremde mehr oder weniger erschrocken fest, dass sie nun, da sie der Rückkehr nahe sind, durch die Migration Verluste haben, die sie wiederum langfristig belasten. Nicht die Tatsache, dass dies festgestellt wird, nicht die Bilanz an sich, sondern die Erschrockenheit über die Kostenseite scheint mir interessant zu sein. Ich habe die Vermutung, dass zwar vorher eine Kostenseite in der Weise einkalkuliert wurde, dass man Heimweh, schlechtes HANS-LUDWIG FRESE: »DEN ISLAM AUSLEBEN« 84 Jüngeren: die Großeltern, aller Befragten haben ländlich-bäuerliche Wurzeln. In einigen Fällen gab es vor der Migration nach Deutschland eine vorausgegangene Land-Stadt-Migration in der Türkei. Für diese Jugendlichen stellen sich die Migrationsgründe der Eltern bzw. Väter als besonders triftig dar. Ö.D.: Und natürlich war es für die Menschen äußerst schwer. Nicht nur, dass sie die Sprache nicht konnten. Das waren Menschen -also mein Vater, der kam vom Dorf. Er hat ein paar Jahre in Istanbul gelebt. Das ist unvorstellbar für mich. Der ist mit elf nach Istanbul gekommen und hat da allein gelebt. Wenn ich mir eine Parallele überlege -zum Beispiel: ich bewerbe mich für ein Auslandsstudium beziehungsweise ein Auslandspraktikum. Wenn ich sehe, wie intensiv ich mich darauf vorbereite, dann frage ich mich natürlich, wie es meine Eltern gemacht haben. Wobei ich sagen muss, ich habe jetzt mittlerweile sechzehn Jahre schulische Ausbildung hinter mir, wenn ich nach England oder Amerika beispielsweise gehe, dann gehe ich in ein Land, dessen Sprache ich einigermaßen beherrsche [...]. Und die Parallele zu meinen Eltern: da war gar nichts. Klar, im Vergleich zu heute lag vor 25 Jahren die Türkei entwicklungsmäßig weit zurück, sei es in der Infrastruktur oder vom Wirtschaftssystem her -egal. Und dann kamen sie plötzlich hier rein. Man sagt auch, das war ein Sprung ins kalte Wasser. Aber ich bewundere dafür meine Eltern, das muss ich persönlich sagen. Ich kann jetzt auch nicht sagen, "ich hab 'ne viel höhere Erwartung an euch". Also die haben das geschafft, was eigentlich möglich ist. (Eyüp-Sultan, S. 4) Der Vater dieses Jugendlichen war schon als Kind auf sich allein gestellt nach Istanbul gekommen, in der Hoffnung, dort bessere Lebensbedingungen vorzufinden. Er hatte dort unter härtesten Umständen und in schwierigen sozialen Verhältnissen nur ein armseliges Leben fristen können. Auch wenn hier ein besonderer Härtefall angesprochen ist, scheint vieles an ihm, jedenfalls was die Sicht der Jugendlichen auf den Lebensweg ihrer Eltern angeht, typisch: Die Eltern verließen ihre Heimat nicht ohne Not, hatten oft nur in geringstem Umfang schulische Ausbildung genossen, sie waren zum weitaus größten Teil nicht besonders qualifiziert und wagten dennoch den Sprung ins kalte Wasser. T.: Also, ich rede manchmal mit meinem Vater über die alten Zeiten, als er damals hierher gekommen ist. Er meint, wir [die zweite/dritte Generation; HLF] sind aufgewachsen wie im Paradies. Wir haben alles gehabt, die deutsche Schule zuerst, da konnten wir natürlich sofort Deutsch, deutsche Freunde, was weiß ich. Zu Hause: Geld, Essen, alles hatten wir parat. Aber Essen, wenig Freunde etc. voraussah, dass aber Kosten wie frühzeitiges Altern und andere 'Nebenkosten' von biographischer Relevanz nicht vorausgeahnt wurden. [...] Enttäuschung entsteht also vor allem darüber, dass die Migranten am eigenen Leibe psychisch und physisch erfahren, dass sich ihre Lebensqualität nicht deutlich verbessert hat, im Gegenteil, dass die Anstrengungen in der Migration ihre Kräfte soweit aufgezehrt haben, dass selbst eine Kompensation durch den erreichten Wohlstand in der Zukunft fraglich erscheint. Besonders, wenn Aufwendungen und Opfer für die Kinder noch notwendig sind, weil diese in der Migration keinen (schulischen) Erfolg haben, ist es nicht verwunderlich, wenn einige Migranten, die ihre materiellen Ziele erreicht haben, inzwischen in Frage stellen, ob es überhaupt richtig war, dass sie in die (externe) Migration gegangen sind." Für Mandel (1990: 160) wirft soziale Stigmatisierung einen weiteren schwerwiegenden Schatten auf das Leben der türkischen Migranten. len' Familie vorstellen, hat das natürlich Folgen für den Erziehungsprozess, für die Wahl von schulischer und beruflicher Ausbildung. So wurden zwei der neunundzwanzig befragten Jugendlichen, beide in Bremen geboren, mit dem Erreichen des schulpflichtigen Alters zu Verwandten in die Türkei zurückgeschickt, weil sie dort die Schule besuchen sollten. Beide sind nach acht Jahren türkischer Regelschule nach Bremen zurückgekehrt und haben hier im Rahmen spezieller behördlicher Qualifizierungsprogramme unter großen Schwierigkeiten ihren Hauptschulabschluss erworben. Wenn die Absichten der Eltern sicher auch in diesen Fällen den -vermeintlichen -Vorteil der Kinder im Auge hatten, so muss man doch feststellen, dass eben diese Jugendlichen unter besonders hohen Migrationskosten zu leiden haben: Nicht nur, dass sie unter einer verschärften Trennung der Familie zum Teil jahrelang zu leiden hatten -sie kamen, was wohl anfangs so nicht geplant war, als Jugendliche nach Bremen zurück und hatten, obwohl altersmäßig zur zweiten Einwanderergeneration gehörend, Startschwierigkeiten, die denen der ersten Generation zwar vergleichbar, aber letztlich doch ungleich größer waren; neben der fehlenden sprachlichen Kompetenz waren sie auch deshalb innerhalb der Minderheit zusätzlich stigmatisiert, weil sie die leistungsbereiten und aufstiegsorientierten und inzwischen häufig auch etablierten Altersgenossen mit Möglichkeiten ausgestattet erlebten, von denen sie -wie die erste Generation -nur träumen können. Aber auch die familiäre Sozialisation der durchgängig in Bremen aufgewachsenen und lebenden Jugendlichen ist individuell unterschiedlich. Einige Familien, heißt es in einer oben im Zusammenhang zitierten Interviewpassage, haben sich dann erst 'n bisschen oder vielleicht gar nicht eingepasst. Es gibt auch Leute, die sich dann sehr doll eingepasst haben (Hicret II., S. 28). Würde man dieses 'sich Einpassen' mit unterschiedlichen Graden struktureller Assimilation übersetzen, ließe sich auch hier die Wahl der jeweiligen Erziehungsziele und Erziehungsstile zuordnen und, als mögliche Folge dieser Wahl, ein beginnender Kulturkonflikt zwischen den Generationen ausmachen. Ö.D.: Ich finde, dass, was aus einem türkischen Kind zweiter Generation wird, das ist so stark vom Elternhaus geprägt, das können sich vielleicht Deutsche gar nicht vorstellen. Ich muss sagen, mein Vater hat mich genau zur richtigen Zeit so einigermaßen in die richtige Bahn gelenkt. Ich hätte auch meine Kräfte woanders verwalten können. Wobei ich heute sagen muss, ich bin glücklich darüber, dass ich diese Laufbahn genommen habe, weil es einem bewusst ist, man ist ein Ausländer und man hat auch eine andere Religion, also es ist nicht so, dass man in der Schule sitzt und Weihnachten das Gefühl hat. Aber man sitzt da und es ist einem bewusst: das ist hier eine religiöse Veranstaltung, und man kann nicht mitfühlen mit den anderen. Und deshalb kann es sein, dass man sich in der Kindheit anfängt zu isolieren. Ich glaube, dass ich durch den schulischen Werdegang und besonders durch das Abitur viel stärker in Kontakt mit deutschen Schülern gekommen bin und mich da so eingelebt hab' und ich bin auch glücklich, dass ich diese Laufbahn angenommen habe, aber ich muss auch sagen, dass, in der Kindheit jedenfalls, die Eltern ausschlaggebend sind. Die können eigentlich, abgesehen von Einzelfällen, vorher schon sagen, wie sich 'n Kind entwickeln wird. Man sieht das an dem Verhalten der Eltern, wie sie sich um das Kind kümmern. (Eyüp-Sultan, S. 5) Ö.A.: Wenn wir jetzt zum Beispiel darüber lachen, wie wir Prügel gekriegt haben sozusagen, weißt du, ein Deutscher, der ist voll empört: "was?" -(Eyüp-Sultan, S. 15) H.: [ironisch] -"Prügel?!" -(Eyüp-Sultan, S. 15) Ö.A.: -"Kinderschlagen!?" [alle drei lachen] Weißt du, und ich lach' darüber. [Lachen] Das ist so für uns -weißt du, es gibt wirklich extreme Familien, wo ich dann auch sage, ey, das kannst du doch nicht machen, das ist doch nicht mehr Erziehung, sondern -(Eyüp-Sultan, S. 15) Ö.D.: -das ist Sklaverei -[lacht] (Eyüp-Sultan, S. 15) HLF.: -aber, das gibt's doch in deutschen Familien auch, dass Kinder miss -(Eyüp-Sultan, S. 16) Ö.A.: -nein, nein, es geht nur einfach um diese Intensität -[alle lachen] ich meine, ich hab' Prügel gekriegt, aber ich muss auch sagen, ich war äußerst frech. Also ich war der Gefährlichste in der Familie. (Eyüp-Sultan, S. 16) H.: [deutlich ironisch] Das mit Prügel, das bringt schon was. -Also ich hab' zu Hause keine Prügel gekriegt -(Eyüp-Sultan, S. 16) Ö.D.: -nee, Moment mal, ich sag' nur, diese krassen Familien [Lachen], die die Hand schon in der Tasche haben und ausstrecken, und der Sohn braucht nur noch was zu sagen -dies Beispiel, aber sonst, 'ne gesunde Tracht Prügel -(Eyüp-Sultan, S. 16) H.: [lacht] -pass auf, pass auf, zu Hause habe ich nie Prügel gekriegt. Ich nicht und meine Schwester nicht. Das gab's bei uns überhaupt nicht. (Eyüp-Sultan, S. 16) Ö.A.: [ironisch] Dann warst du 'n ziemlich feiner Junge! (Eyüp-Sultan, S. 16) Ö.D.: Eine ganz wichtige Sache in diesem Zusammenhang ist, dass man das von deutscher Seite aus nicht versteht: Also, wenn man jetzt von deutscher Seite aus sieht, das Kind wird geschlagen, jetzt muss sofort das Erziehungsamt oder irgendwelche Behörden müssen einschreiten, ja? Und, das ist eigentlich die Gefahr, weil diese Behörden aufgrund deutscher Kultur entstanden sind, und das ist ja auch richtig so. Die sind ja auch in Deutschland entstanden, auch für Deutsche. Aber das Problem ist, dass diese Leute in den eigenen Reihen meistens keinen Türken haben, der sich einigermaßen auskennt. Ein Eingriff [der Behörden; HLF] würde längerfristig viel gravierendere und schwierigere Folgen haben, als wenn sie's nicht tun würden. Gut, es gibt wirklich harte Fälle. Aber trotzdem: ein Eingriff in zehn Fällen, denn neun sind längerfristig daneben. Wenn nicht wirklich vorher in dieser Richtung 'ne Beratung stattgefunden hat. -Meine Eltern kommen aus der Türkei, erste Generation, die sind viel später hergekommen. Ich verstehe sie manchmal auch nicht und ich bin nun mal dazwischen, aber letztendlich, ein Eingriff in die Familie -ich bin noch jung, und ich sehe, "ey, die [Behörden; HLF] befreien mich von irgendwelchen Schlägen" -oder so in der Art, dann ziehe ich in meiner kindlichen Naivität in die Richtung. Aber längerfristig würde das schwerwiegende Folgen haben. S. 17) Der Versuch, erzieherische Gewalt als strukturelles Problem auch deutscher Familien zu generalisieren und damit die spürbare Spannung der Gesprächssequenz zu entschärfen, scheint die von den Jugendlichen beabsichtigten Aussagen nicht zu treffen. Sie insistieren deutlich darauf, dass eben körperliche Gewalt Teil der familiären Sozialisation in türkischen Einwandererfamilien ist (oder sein kann: schließlich gibt einer der Befragten dieses Interviews an, nie, weder von den Eltern noch vom hoca seiner Gemeinde, geschlagen worden zu sein). Wenn dieser Gewalt auch Grenzen gesetzt sind (diese krassen Familien), so sehen die beiden anderen Interviewteilnehmer das eigentliche Problem nicht in der Praxis der Gewalt selber, sondern eher darin, ihr Vorkommen vermittelnd zu erklären: Behördliche Eingriffe (Jugendamt, Schule), wenn ihnen die Notwendigkeit auch nicht vollends abgesprochen wird, seien kontraproduktiv, so lange nicht türkische Sozialarbeiter, die das Problem aus einem anderen Blickwinkel heraus betrachten, hinzugezogen werden. Ansonsten würde ein Eingriff die Konfliktlage in der Familie eher verschärfen, weil die Gefahr bestehe, dass die HLF.: Glaubt ihr, dass ihr irgendwie anders wärt, als ihr jetzt seid, wenn ihr in der Türkei leben würdet? In einem islamischem Land? (Mevlana I., S. 26) S.: Ich würde sagen, dass das abhängig von den Freundeskreisen wäre, und dass ist auch hier so. Weil wenn man mit ehrlichen Leuten zusammenlebt, und mit Leuten, die tolerant sind, und mit einem auch umgehen können, da hat man bessere Chancen, was aus seinem Leben zu machen, als wenn man in Cliquen lebt, wo, was weiß ich, nichts so Gutes getan wird [lacht, wohl über seine Umschreibung des 'Schlechten'; HLF]. (Mevlana I., S. 26) Y.: Die Generation unserer Eltern, die wurde ja noch anders erzogen als wir. Ich denke schon, von Generation zu Generation verändert sich die Erwartung der Jugendlichen. Vielleicht wird der eine sehr streng erzogen und -was weiß ich -das kommt vielleicht auch auf die Familie an, und auf den Freundeskreis, wie S. gerade meinte, wenn man jetzt in einer schlechten Umgebung aufwächst, dann hat man keine guten Lebenserwartungen. Dann wächst man eben schlecht auf. (Mevlana I., S. 26f.) Und so, wie sich die erzieherischen Ziele der Eltern auf Religion und Tradition berufen, begreifen auch die Jugendlichen ihren Freundeskreis als Garanten für das Pflegen und Bewahren von Tradition. Der folgende Abschnitt zeigt, wie die Jugendlichen die peergroup als Instanz des Sich-Vergewisserns nutzen, sich aber dennoch mit ihren Kontakten nicht auf die eigene Gruppe beschränken mögen. Die Tradition aber erfährt durch die Einschränkung, dass man das für sich selbst macht, en passant eine unerwartete Bewertung. Darauf wird noch einzugehen sein. Ah.: Die Tradition, die würde ich auf jeden Fall bewahren. Wenn wir die Tradition abwerfen würden, dann wäre eine jahrhundertelange Geschichte sozusagen verworfen. Aber das heißt nicht, dass man dann auch nach dieser Geschichte dann leben muss. Die Traditionen, würde ich sagen, bleiben erhalten, aber in einem anderen Sinn: dass man das für sich selbst macht und dann rausgeht und halt auch auf die Gesellschaft, die da ist, jetzt zum Beispiel in Deutschland, die Deutschen, eingeht. Und so ist das, glaub' ich, bei uns auch. Wir leben unsere Traditionen zu Hause und -(Hicret II., S. 28) Al.: -unter Freunden -(Hicret II., S. 29) Ah.: -außerhalb auch, aber wir gehen auch auf unsere deutschen Freunde ein und erklären denen das dann, zum Beispiel. Und so wird das auch hoffentlich weitergehen. Also, ich hoffe nicht, dass unsere Tradition dann irgendwann verworfen wird. (Hicret II., S. 29) Ö.A.: Ich hab' zum Beispiel ein Problem mit Deutschen. Freundschaft ist anders definiert bei denen -das ist Freundschaft -und weiter nicht -bei uns entwickelt sich Freundschaft. Und Freundschaft -das ist so wie Brüderschaft. 130 Das kommt auch daher, weil die türkische Kultur ja eigentlich durch den Islam geprägt worden ist. Vieles stimmt mit dem Islam überein. Und das fehlt den Deutschen, was, wenn ich das persönlich bewerten darf, denen zum Nachteil wird. Darüber beschweren sich auch viele Deutsche. (Eyüp-Sultan, S. 78) Ah.: Im Freundeskreis, da passiert das schon mal ab und zu, aber dann redet man darüber. Zum Beispiel solche Sachen: "der soll nicht mitkommen, der macht da doch sowieso nichts" -(Hicret II., S. 14) HLF.: Wenn's auf Parties geht? (Hicret II., S. 14) Ah.: Ja. "Wenn wir da trinken, dann wird der da nur rumsitzen, und wenn wir dann reden, wird der sich aufregen, weil wir getrunken haben". (Hicret II., S. 14) 132 Dass sich daran eine umfassende Gesellschaftskritik anschließt, soll auf den S. 262-272 eigens dargestellt werden.
doi:10.14361/9783839400852-004 fatcat:ac3py2vmzvhq7cgxfz3d44jt6u