Neuere Anschauungen über den Muskeltonus. (Schluß aus Nr. 5.)

E. Th. Brücke
1918 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Aehnlich durften moines Erachtens die Verhaitnisso bei den meistçn toniseh kontrahierten glatten Muskeln der Warmblüter liegen, und das, was wir als "Tonussehwankungen" bezeichnen, ist wohl meist nichts anderes als der Ausdruck für die einzelnen Erregungswellon, die sich zu dem kontinuierlichen Kontraktionszustande nur un vollkommen addieren, wie wir dies ja auch vom unvollkommenen Tetanus des Skelettmuskels her kennen. So wären aufzufassen die mehr oder minder rhythmischen Kontraktionen der
more » ... ontraktionen der Gefäßmuskulatur (z. B. am Kaninchenohre), die Tonusschwankungen an der g] atten Vorhofmuskulatur des Schi]dkrötenherzens, der physiologische Hippus, die Wehen des tonisch kontrahierten Uterus und andere ähnliche Vorgange. Der als ein typischer Erregungsvorgang erkannte Tonus des M. retractor penis verhält sich also zu dem Ruhetonus" (Fröhl ich und Me yer) des Muschelschließmnskols ähnlich wie im Skelettmuskelsystem die Enthirnungsstarre zur Tetanustoxinstarre. Es scheint mir demnach auch bei den glatten Muskeln der Tonus nicht auf einer einheitlichen Grundlage zu beruhen, und vielleicht werden weitere Beobachtungen auch hier in vielen Fällen eine Syaergie des Erregungs-und des Ruhetonus ergeben. Ein zweites Problem aus dem Gebiete des Muskeltonus, das in den letzten Jahren zahlreiche Forscher beschäftigt hat, ist die Frage, ob der Tonus der Skelettmuskulatur von ihren zerebrospinalen motorischen Nerven unterhalten wird, odèr ob etwa auch die quergestreiften Mtiskeln in ihrer tonischen Funktion sowie die meisten glatten Muskeln unter dem Einflusse des sympathischen Nervensystems stehen. Auf Gund älterer histologischer Arbeiten (Bremer 1882, Perroncito 1901 und 1902 u. a.), durch die eine doppelte Innervation der quergestreiften Mtiskelfasern durch je eine markhaltìge und eine marklose Nervenfaser nachgewiesen war, hatte Mosso (25) schon im Jahre 1904 die Hypothese aufgestellt, daß die normale Muskelkontraktion von den markhaltigen Nervenfasern ausgelöst, der dauernde Muskeltonus hingegen von den marklosen sympathischen Fasern unterhalten würde. Die erwähnte histologisch festgestellte Doppelinnervation der quer gestreiften Skelettmuskeln wurde neuerdings eingehend von Boeke (26) studiert, dem auch der Nachweis gelang, daß die marklosen Fasern nicht degenerieren, wenn der motorische Nerv des betreffenden Muskels unmittelbar nach seinem Austritte aus dem Zentralnervensystem, also ehe sich ihm sympathische Fasern beigemischt haben, durchschnitten wird (z. B. die sympathischen Fasern im M. obliquns superior der Katze nach hoher Durchschneidung des N. trochlearis). Neben diesen histologischen Untersuchungen über die Doppelinnervation der Skelettmuskehi finden sich in der Literatur verschiedene Angaben über Differenzen des Stoffwechsels der Muskulatur einerseits während ihrer normalen tetanischen Tätigkeit, und anderseits während verschiedener tonischer Kontraktionszustände. Während bei der normalen Bewegungstätigkeit der Muskulatur die im Rara ausgeschiedene N-Menge nicht steigt (ein Beweis dafür, daß der Muskel normalerweise seine Energie in erster Linie aus der Verbrennung N-freier Nahrungsstoffe sammelt), fanden Pekeiharing und seine Schüler -wie schon oben in einem anderen Zusammenhange erwähnt wurde -bei verschiedenen tonischen Verkürzungszuständen eine Anhäufung von Kreatin in den Muskeln von Warm-und Kaltbliitern. Es scheint demnach, daß die tonischen Spannungszustände im Gegensatze zu den normalen Kontraktionen auf Stoffwechselvorgängen beruhen, bei denen Eiweiß verbraucht wird.
doi:10.1055/s-0028-1134239 fatcat:qjptc3nygvho7bfucklic6dsky