23. Ergebnisse im Überblick [chapter]

2019 Tractatus mythologicus  
Mythen sind Stoffe, keine Texte (Kapitel 2.1). Dementsprechend ist "Mythos" keine literarische Gattung, sondern eine Stoffart. Andere Stoffarten sind bspw. Märchenstoffe oder Sagenstoffe (Kapitel 10). Ein bestimmter Stoff wie etwa ein bestimmter Mythos oder ein bestimmtes Märchen ist nicht eine fest umrissene Entität, sondern ein nur approximativ erfaßbares Potential, ein durch die existierenden Varianten nicht ausgeschöpftes, sondern nur angedeutetes Feld von Möglichkeiten (Kapitel 4.6).
more » ... Kapitel 4.6). Greifbar wird ein solcher Stoff immer nur in Form von einzelnen Stoffvarianten, die sich in verschiedenen medialen Konkretionsformen wie Texten, Bildern, Filmen, Tänzen, mündlichen Vorträgen oder Gesängen etc. präsentieren können. Können und müssen: Eine Stoffvariante bedarf einer solchen medialen "Einkleidung". Das bedeutet aber auch, daß dieses mediale Gewand und die damit bekleidete Stoffvariante nicht identisch sind (Kapitel 5.3). Wenn man davon ausgeht, daß mit "Mythos" oder "Märchen" oder "Sage" etwas Stoffliches bezeichnet wird, dann stellt sich somit die Herausforderung, wie man das Stoffliche und seine jeweiligen medialen Konkretionsformen auseinanderhält, und wie man dieses Stoffliche rekonstruieren und darstellen kann. Das ist nicht nur wichtig aus der Perspektive einer Stoffwissenschaft, sondern auch für andere Disziplinen wie bspw. die Literaturwissenschaft, Bildwissenschaft, Archäologie oder die verschiedenen Philologien. Man kann als Philologe, Archäologe oder Bildwissenschaftler etc. erst dann hinreichend würdigen, was ein einzelner Autor oder Künstler aus einer stofflichen Vorlage gemacht hat, wenn es gelungen ist, das Stoffliche und die künstlerische Stoffgestaltung in einer konkreten medialen Ausgestaltung voneinander zu trennen. Die Rekonstruktion und Analyse von etwas Stofflichem ist ein komplexer Prozeß, der mehrere verschiedene Schritte erforderlich macht. Liegen Mythen (oder Stoffe aus anderen Stoffarten) medial in bildlich oder textlich konkretisierter Form vor, hat man von "dem" Stoff in der Regel eine einzelne (vollständige, oft aber auch unvollständige) Stoffvariante in Bild-oder Textform vorliegen. Zunächst gilt es, das Bild oder den Text mit den herkömmlichen Methoden der archäologischen, philologischen, historischen und kulturwissenschaftlichen Disziplinen anzugehen und soweit möglich und nötig archäologisch bzw. ikonographisch, textkritisch, grammatikalisch und lexematisch, literaturwissenschaft-Open Access. © 2019 Zgoll, publiziert von De Gruyter. Dieses Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution 4.0-Lizenz. Unauthenticated Download Date | 2/26/20 7:36 AM Mythen als Stoffe: Analyseschritte und ihre Kombination | 545 lich, kultur-, kunst-und literaturgeschichtlich, historisch, soziologisch und religionswissenschaftlich etc. zu erschließen und einzuordnen (medienspezifische Analyse). Damit hat man allerdings erst das jeweilige Bild oder den jeweiligen Text erschlossen, interpretiert und historisch verortet, noch nicht bzw. nur ansatzweise die im jeweiligen Bild oder Text verarbeitete Stoffvariante, und erst recht nicht den Stoff, der sich aus vielen verschiedenen existierenden sowie noch weiteren möglichen Stoffvarianten konstituiert und nur annäherungsweise erfaßbar ist. Versteht man Mythen oder andere Erzählstoffe nicht als etwas Bildliches oder Textliches bzw. Gattungsbezogenes, sondern als etwas Stoffliches, das auf die medialen Konkretionsformen, in denen es sich darbietet, nicht festgelegt ist, dann ist damit zwar bereits ein wesentlicher Schritt in Richtung einer stoffwissenschaftlichen Perspektive unternommen, doch sind die eigentlichen Probleme und Herausforderungen damit noch nicht gelöst. Denn nun geht es darum zu erklären, wie es überhaupt möglich ist, etwas Stoffliches zu untersuchen, wenn es nicht identisch ist mit seinen medialen Konkretionsformen, wie man dieses Stoffliche also überhaupt greifen und analysierbar machen kann; es gilt des Weiteren anzugeben, was man unter "Stoff" näherhin versteht, den vielfältig und unterschiedlich verwendeten Stoffbegriff zu spezifizieren und zu differenzieren, und zu bestimmen, aus welchen Elementen eine Stoffvariante aufgebaut ist und wodurch sie eine Einheitlichkeit bzw. Abgeschlossenheit erhält, und zwar wiederum unabhängig von medienspezifischen wie textlichen oder ikonographischen Kriterien. Es wurde in dieser Arbeit terminologisch unterschieden zwischen Stoff als einer nicht abgeschlossenen Menge von Stoffvarianten und einzelner Stoffvariante als einer in sich abgeschlossenen Sequenz verschiedener, aufeinander bezogener Stoffbausteine (Kapitel 6.1 und 8.1). Diese einzelnen Stoffbausteine, die Hyleme, wurden definiert als logisch und sprachlich standardisierte, kleinste handlungstragende Einheiten einer Stoffvariante, die aus medialen oder einzelsprachlichen Konkretionen rekonstruierbar, auf diese aber nicht festgelegt sind (Kapitel 5.3). Im Einzelnen haben sich noch weitere Differenzierungen als wichtig erwiesen wie die zwischen einer ungeformten und einer geformten Stoffvariante (vgl. den Unterschied zwischen story und plot in der Narratologie, s. Kapitel 6.2), oder die zwischen konkretem Stoff bzw. konkretem Hylem (z. B. "Noah entkommt der Sintflut") und allgemeinem Stoffschema bzw. Hylemschema (z. B. "ein Mensch entkommt einer großen Flutkatastrophe"; s. Kapitel 7.3). Bei der Unterscheidung von Hylem (oder Stoff) und Hylemschema (oder Stoffschema) wurde herausgearbeitet, daß mehrere verschiedene Grade von Abstraktionsmöglichkeiten zu berücksichtigen sind (z. B. Noah -Mann -Mensch -Lebewesen, oder Flutkatastrophe -Naturkatastrophe -Katastrophe; s. Kapitel 9.6).
doi:10.1515/9783110541588-023 fatcat:37pvxjyd25cwxj6f7xfllrxs2u