Plexusschädigungen bei Klavikulafrakturen1)

F. Lotsch
1920 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Trotz der Häufigkeit der Klavikulafrakturen sind erfahrungsemäß Komplikationen von seiten der Gefäße und Nerven große Seltenheiten. Bei schweren Zermalmungsverletzungen wird eine Mitbeteiligung der Subklavikulagefäße und des Plexus brachialis ohne weiteres verständlich. Bruns konnte in seiner Lehre von den Knochenbrüchen bis zum Jahre 1886 nur 18 Fälle aus der Literatur auffinden, in denen eine Mitverletzung des Plexus brachialis bei Schlüsselbeinbrüchen beobachtet wurde. Hinzu kommen je eine
more » ... zu kommen je eine Beobachtung von Sieur (1900) und Lequyer (1906). Fast stets war der gesamte Plexus brachialis betroffen. Wir pflegen die Nervenverletzungen bei Frakturen in primäre und sekundäre einzuteilen. Im Folgenden sollen uns nur die primären Schädigungen des Armplexus beschäftigen. Finen der seltenen hierher gehörigen Fälle hatte ich zu beobachten Gelegenheit. FJne 40jährige Frau zog sich durch Sturz von einer Leiter auf die linke Seite eine subkutane linkseitige Schlüsselbeinfraktur zu. Sie hatte gleich nach der Verletzung heftige Schmerzen in der linken Schulter und im ganzen linken Arm und konnte den Arm nicht bewegen. Auf einer Unfallstation wurde ein Notverband, in einem Krankenhause später ein Desault gemacht. Während der Heilung dauerten die Schmerzen an, sie hatte Parästhesien im ganzen Arm bis zu den Fingern und konnte nicht liegen und schlafen. Auch nach der Abnahme des Verbandes, 14 Tage später, wichen die heftigen Schmerzen trotz Massage und Lichtbädern nicht. 6 Wochen nach der Verletzung suchte sie unsere Klinik auf wegen dauernder Schmerzen auch bei ruhiger Haltung, die vom Schlüsselbein nach dem Ellbogen und nach der Brust und dem Schulterblatt ausstrahlten. Die Untersuchung ergab einen deform geheilten linkseitigen Schlüsselbeinbruch mit Verkürzung von etwa 2 cm. Der linke Speichenpuls war unverändert, motorische Ausfälle bestanden nicht mehr, nur der Opponens des Daumens war merklich schwächer als auf der gesunden Seite. Sensibilitätsausfälle fehlten, die Abduktion des Armes war noch behindert, ebenso in geringerem Grade die übliche Beweglichkeit des linken Schultergelenks für extreme Exkursionen. Das Röntgenbild (siehe Figur) ergab einen stark schräg verlaufenden Bruch des Mittelstücks der linken Klavikula mit der üblichen Dislokation: Elevation des zentralen Bruchstücks, dislocatio ad longitudinem c. contractione und ad axim, das peripherische Bruchstück nach unten und hinten verschoben und als BesonJderheit einen dem zentralen Fragment anliegenden kleinen Splitter mitnach abwärts gerichteter Snitze. Der Verdacht, dab dieser Splitter wie ein Nagel auf den Plexus drücke und dadurch die Parästhesien bedinge, wurde durçh die 61/2 Wochen nach der Verletzung (il. Mai) von mir ausgeführte Operation bestätigt. Nach Freilegung der Bruchstelle durch Lappen-) Nach einem Vortrag, gehalten am 14. VI. 1920 in der Berliner Gesellschaft für Chirurgie. Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1192899 fatcat:wh2th7xhv5erbajfqy4hevkavy