Gaetano Benedetti, der Pionier psychoanalytischer Psychosenpsychotherapie, ist verstorben

2013 Swiss Archives of Neurology and Psychiatry  
erwartet werdenund er erschüttert mich gleichwohl. Immer wieder erkenne ich, wie sehr mich Benedettis Denken geleitet und geprägt hat, von früh an. Mit grossem Stolz bin ich deshalb 1994 dem Ruf auf die Professur für Psychotherapie und Psychohygiene an der Universität Basel gefolgt, die im Kollegenkreis der «Benedetti-Lehrstuhl» hiess. Nun bin ich von Trauer, aber auch von tiefer Dankbarkeit erfüllt. Die Begegnung mit psychisch Kranken verunsichert. Sich auch als Arzt und Therapeut von
more » ... rapeut von Menschen, die «verrückt» geworden sind, nicht zu distanzieren, sie nicht abzuweisen und abzuspeisen, sondern sie anzuhören, ernst zu nehmen, sich ohne die Überheblichkeit des vermeintlich Gesunden von ihnen beeindrucken zu lassen und so an ihrem Erleben teilzunehmen, dass sie sich verändern können, dass man selbst aber aus einer solchen Teilhabe verändert hervorgeht -dazu gehören Mut und Kraft, Geduld und Liebesfähigkeit, intellektuelle Wachsamkeit und professionelle E rfahrung. Gaetano Benedetti hat diese seltenen Fähigkeiten in h ohem Masse in sich vereint. Jahrzehntelang hat er sich für die Psychotherapie vor allem psychotisch kranker Menschen eingesetzt. Er hat nicht nur klinisch gearbeitet, sondern von seinen Erfahrungen in mehr als 500 Publikationen und in weit mehr als 20 Büchern berichtet. Er hat die eigenen Konzepte weitergegeben und gelehrt, er hat Generationen von Therapeuten ausgebildet und Schüler aus aller Welt an s einen Begabungen teilnehmen lassen. Er hat in Mailand ein Ausbildungsinstitut gegründet, hat ein weltweit anerkanntes internationales Symposion ins Leben gerufen, das seit 1955 am Fortschritt in der Psychotherapie der Schizophrenie arbeitet. So ist ein Lebenswerk entstanden, das die psychoanalytische Psychotherapie insgesamt, speziell die Psychotherapie der Psychosen, revolutioniert und auf eine neue Grundlage gestellt hat. Schon die Buchtitel legen Zeugnis von der humanen Grundhaltung ab, die bei aller theoretischen Gründlichkeit neuer Psychotherapieformen und bei allem wissenschaftlichen Anspruch die Begegnung mit dem Patienten nie vernachlässigt; so wird «der Geisteskranke als Mitmensch» erfahren, «Psychotherapie als existentielle Herausforderung» erlebt, und dies auch für den Psychotherapeuten! Benedetti hat nicht nur neue Begriffe in Psychoanalyse und Psychotherapie eingeführt, die bleiben werden, sondern auch grundsätzlich neue Zugangsweisen zum schizophren, depressiv oder anders erkrankten Patienten eröffnet. Der P atient wird in seinem Leiden ernst genommen, die Krankheitserscheinungen werden aber nicht distanziert beurteilt Gaetano Benedetti, der Pionier psychoanalytischer Psychosenpsychotherapie, ist verstorben Joachim Küchenhoff und bloss klassifiziert. «Progressive Psychopathologie» steht für eine Haltung, die das zukunftsorientierte Veränderungspotential des Patienten auch in den Symptomen selbst aufzufinden versucht. Sie nimmt die «gestörte» Kommunikation als Gestaltungskraft der therapeutischen Kommunikation ernst, durch die -und niemals gegen die -Veränderung möglich ist. Voraussetzung für die therapeutische Anteilnahme ist, dass der Therapeut die negative Selbstbeurteilung des Patienten nicht übernimmt. Im Dialog gibt er ihm seine Würde, sein positives Selbstbild zurück -die «dialogische Positivierung», ein weiterer Grundbegriff Benedettis, beteiligt sich an den Schöpfungen des psychisch Kranken, sie versteht seine Symbole und würdigt sie, wandelt sie in e inem verstehenden Dialog um. Eine solche verändernde therapeutische Begegnung mit dem Patienten gelingt nicht aus der Distanz, auf dem Wege von Identifikationen übernimmt der eine die Haltung des anderen. So baut sich eine Zwischenwelt gemeinsam gestalteter Subjektivität auf, gerade dort, wo der psychotisch Kranke nicht alle Anteile s eines eigenen Ich bei sich bewahren kann. Der Begriff des «Übergangs-Subjekts» drückt ebenso anschaulich wie stringent aus, wie die Bereitschaft des Therapeuten, seine Subjektivität zur Verfügung zu stellen und neue geteilte E rfahrungen mit dem Patienten zu machen, diesem beim Übergang von der Krankheit zur Normalität hilft, wobei Krankheit nicht vernichtet, sondern aufgehoben wird. Was waren die Voraussetzungen, die es Benedetti ermöglichten, ein so reiches Lebenswerk zu schaffen? In einer autobiographischen Skizze hat er eine frühe Einsamkeit durch die schützend-abschirmende Haltung der eigenen E ltern als den Anfang seiner Fähigkeit beschrieben, existentielle Einsamkeiten von Menschen nachvollziehen zu können. 1920 geboren, ist er in Sizilien aufgewachsen; die Familie stammt aus altem aristokratischem Geschlecht, unter
doi:10.4414/sanp.2013.00221 fatcat:blxcwyf325dzpmt7yjcbfhnfyu