Ueber einen Fall von Diphtherie mit Erythema nodosum und Gelenkschwellungen ohne Serumbehandlung

Albert Schütze
1899 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Unter den schddlichen Nebenwirkungen des Diphtherieheilserums, welche namentlich von Poix und Barth genauer studirt worden sind, haben die Serumexantheme weitaus das grösste Interesse fur sich in Anspruch genommen. Abgesehen von kleineren casuistischen Beiträgen von Asch, Cnyrim, Klipstein, Lublinski, Mendel, Rembold, Scholz, Froelich, Teufel u. a. sind fiber diesen Gegenstand ausfiihrlichere Angaben von Sandulli, Behn, Friedrich, Daut, A. Baginsky, und besonders eingehende Mittheilungen,
more » ... ittheilungen, zugleich unter genauer Beriicksichtigung der Statistik und der einschlägigen Litteratur, auf welche an dieser Stelle hingewiesen sei, von Hartung veröffentlicht worden. Aus der Fülle der in seiner werthvollen Arbeit enthaltenen Einzelberichte sei hervorgehoben, dass von ihm unter 375 Fällen nach der Seruminjection 73 allgemeine und 20 lokale Exantheme, welche nur auf die Injectionsstelle beschränkt waren, wahrgenommen werden konnten. Für die Verschiedenheit der Angaben der einzelnen Beobachter, betreffend das Vorkommen von Serumexanthemen, welche zwischen 2,22°/e (Unruh) und weniger1) bis zu b20/ (Monti) schwanken, macht Hartung wenigstens zum Theil die Abhängigkeit ihres Auftretens von der Serumsorte verantwortlich, tritt aber daftir ein, dass die Ergebnisse auch einer grösseren Statistik nur mit Vorsicht aufzunehmen seien und kein abschliessendes Urtheil über ihre Häufigkeit gestatten, da es beispielsweise nicht selten Schwierigkeiten bereitet, ein Serumexanthem, namentlich bei den scharlachähnlichen und diffusen Erythemen, von anderen Exanthemen zu unterscheiden. Bei der Fülle von Beobachtungen an Hautaffectionen, welche auf die Injection des B ehring'schen Mittels zurückgeführt worden sind, durfte vielleicht der folgende, im Institut für Infectionskrankheiten zur Aufnahme gekommene Fall von Diphtherie mit nachfolgendem Erythema nodosum und Gelenkschwellungen ohne voraufgegangene Serumbehandlung, dessen Ueberlassung ich der Güte des Herrn Geheimrath Brieger verdanke, einiges Interesse bieten. Es handelt sich um eine 25jährige Frau von massigem Ernährungszustande, welche bei ihrer Aufnahme am 14. October angiebt, am ersten desselben Monats Abends mit Fieber von ca. 390 und Schüttelfrost, heftigem Kopfweh, allgemeiner Mattigkeit und Körperschwäche erkrankt zu sein. Patientin hatte über heftige Halsschmerzen zu klagen, welche ihr das Schlucken sehr erschwerten und nur flüssige Ernährung gestatteten. Die Diagnose auf Diphtherie wurde von dem behandelnden Ärzte gestellt und im Institut durch den Nachweis von Loeffler'schen Diphtheriebacillen im Tonsillenbelage der Patientin nach Cultivirung auf Blutserumröhrchen bestätigt. Nach Verlauf von etwa einer Woche war die Frau, welche nicht mit Behring'schem Heilserum, sondern mit Citronensaftpinselungen, sowie G urgelurigen mit Alaun und Kali ehloricurn behandelt worden war, soweit wiederhergestellt, dass sie das Bett verlassen konnte, und schon an demselben Tage erkrankte ihr 51/4 Jahre altes Kind an einer schweren Diphtherie, welche die Ueberführung der Kleinen ins Krankenhaus notliwendig machte. Drei Tage nach der Entfieberung und dem fast völligen Ablauf der Erscheinungen am Halse traten bei der Mutter Schmerzen und Schwellung im rechten und bald auch im linken Fussgelenk, dann in beiden Kniegelenken, einige Tage darauf im linken Hand-und etwas weniger ausgesprochen im linken Elibogengelenk auf. Zu gleicher Zeit bildete sich auf der Vorderfläche beider Unterschenkel, etwa in halber Höhe derselben, je ein rother, knötchenartiger, auf Druck nicht verschwindender Fleck, etwa von der Grösse einer Kirsche und von glatter Oberfläche, der sich rasch ausbreitete, am nächsten Tage Thaler-und späterhin Handtellergrösse annahm und der Patientin schon bei blosser Berührung, namentlich aber auf Druck, erhebliche Schmerzen verursachte. Diese circumscripten, entzündlichen, über dem Hautniveau hervorragenden Erhabenheiten, welche nicht mit Jucken verbunden waren, aber mit Temperatursteigerungen bis 38,80 C, besonders Abends, einhergingen, traten zu gleicher Zeit auch noch an anderen Stellen, vornehmlich im Bereich 'I Hager (Centralbiatt für innere Medicin 1894, No. 48) hat in 61 Fällen kein einziges allgemeines Exanthern beobachtet. 7. December. DEUTSCHE MEDICffiISCHE WOOHENSCImIFT 815 Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1200567 fatcat:r46zgr6zpjfxjdmop23g3zrwjq