Die sanitären Verhältnisse am Panama-Kanal und in Costa-Rica

Arthur Stein
1909 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
in New York. Wer heutzutage die bedeutendsten zentralamerikanischen Republiken besucht, der wird staunen ob der vorzüglichen sanithren Verhältnisse, die dort -ganz wider Erwarten -herrschen. Schon die überaus strengen Quarantänevorschriften, wie sie in Colon und in gleicher Weise auch in Port-Limon, dem Haupthafen Costa-Rica', gehandhabt werden, müssen einem Ärzte Bewunderung einflößen. Daß die vielen hundert Deckpassagiere frisch geimpft sein müssen, ist selbstverständlich; aber auch die
more » ... aber auch die Kajütspassagiere müssen sich dem unterziehen. Ob diesen Vorschriften in der richtigen Weise Genüge geschehen ist, davon überzeugt sich der Quarantänearzt dadurch, daß er jeden einzelnen Passagier selbst untersucht. Es herrscht hier eine viel strengere Kontrolle als z. B. in New York bei aus dem Süden kommenden Schiffen. Colon liegt an der atlantischen Seite des Panamakanals und ist dauernd tropisehem Klima ausgesetzt. Große Ritzen, verbunden mit hohem Feuchtigkeitsgehalt der Luft, stellen an Energie und Ausdauer der weißen Rasse große Anforderungen und setzen die Widerstandskraft der Arbeiter beträchtlich herab. Wer erinnert sich nicht noch jener Zeiten, als in den 80er und 90er Jahren des verflossenen Jahrhunderts Tausende und Abertausende von Arbeitern und Angestellten des Kanals tückischen Epidemien wie Malaria, Geibfieber, Typhus, Ruhr etc. erlagen, sodaß allein schon durch diese ungünstigen sanitären Verhältnisse die Fortführung des gigantischen Werkes in Frage gestellt wurde. Seitdem die amerikanische Regierung den Kanalbau leitet und die Sanierung des Landes unternommen hat, haben die Zustände einen ungeahnten Aufschwung zum Besseren genommen. Im November des Jahres 1903 wurde zwischen den Vereinigten Staaten und der Republik Panama jener denkwürdige Vertrag geschlossen, demzufolge die ersteren vollkommene Oberherrschaft über die sogenannte "Kanalzone' erhielten, d. h. über einen Lilnderstrich, der sich zu beiden Seiten des Kanals über je fünf Meilen erstreckt. Die an den beiden Enden des Kanals gelegenen Städte Colon und Panama sind in die Kanalzone nicht mit einbegriffen, stehen jedoch in sanititrer und polizeilicher Beziehung vollkommen unter amerikanischer Machtbefugnis. Auf Grund dieses Vertrages war es also möglich, an eine planmäßige Sanierung der ganzen Kanaizone zu gehen. Gerade MEDIZLNISOHE WOJJ{ENSCRRLFT. 2325 dieAmerikaner mußten hierzu prädestiniert erscheinen, hatten sie doch auf den Philippinen und insbesondere auf Cuba überaus günstige Resultate in hygienisch-sanitärer Beziehung erzielt. Während Robert Koch den unumstößlichen Beweis erbracht hat, daß die Anopheles-Stechmücke, und zwar nur sie allein, die Malaria überträgt, hat Finlay dieselben Beziehungen zwischen der Stegomya Moskito und dem gelben Fieber nachgewiesen. Ausgehend von der Erkenntnis also, daß bei der Bekämpfung der Malaria und des gelben Fiebers alles auf eine planmäßige Bekämpfung der Stechmücken und ihrer Brutplätze ankommt, haben die Amerikaner ihren Feldzugsplan gegen diese verheerenden Krankheiten dementsprechend entworfen. Unter der Führung des obersten Sanitätsbeamten der Kanalzone, des Dr. W. C. Gorgas, haben sie hier geradezu Erstaunliches geleistet. Wie sich die sanitären Zustände unter seiner erst wenige Jahre währenden Aegide gebessert haben, ist leicht aus folgenden Zahlèn ersichtlich. Die Todesfälle an Malaria betrugen an der Kanaizone (nebst den Städten Colon und Panama) für das Jahr 1905 bei einer Bevölkerungszahl von 42 699 Seelen 2793 oder 65,41 pro Mille. Im Jahre 1908 hatte sich bei einer Bevölkerungszahl von 120 097 Seelen die Mortalität an Malaria auf 24,83 pro Mille reduziert. Betrachtet man hingegen die Todesfälle infolge der verschiedensten Ursachen (also auth die Verletzungen mit eingerechnet), so ergibt sich für das Jahr 1905 bei einer Arbeiterzahl von 16511 eine Sterblichkeit von 25,86 pro Mille, während sie für das Jahr 1908 bei einer Arbeiterzahl von 43 890 auf 13,01 pro Mille herabsinkt. Diese Zahlen reden eine beredte Sprache! Sie werden jedoch leichter verständlich, wenn wir uns Rechenschaft ablegen, wie diese günstigen Resultate erzielt sind. Wandert man durch die Niederlassungen der Kanalangestellten, so fällt einem neben peinlichster Sauberkeit zunächst die Tatsache auf, daß alle Häuser nach dem Typus der Pfahlbauten errichtet sind. Damit it allseits ein freies Zirkulieren der Luft gewährleistet. Anderseits ist durch ausgiebige Drainierungsanlagen dafür Sorge getragen, daß nach stattgehabtem Regen das unter den Häusern angesammelte Wasser auch wieder völlig abfließt. Damit fallen also günstige Moskitobrutstätten weg. Alle Häuser sind von breiten Veranden umgeben und letztere wiederum gegen eindringende Moskitos durch dichte Drahtnetze geschützt. Zu besserem Schutze sind in fast allen Häusern auch noch Türen und Fenster mit Drahtnetzen umgeben. In vollkommen analoger Weise sind auch die Pavillons der Hospitäler in Colon und Panama gebaut. Die Brutstätten der Anopheles-und Stegomyamücken hat man dadurch fast völlig ausgemerzt, daß man zunächst all das niedere Buschwerk abbrannte. Sodann legte man die vielen Sümpfe oder kleinen Tümpel trócken oder übergoß sie mit Petroleum oder Kupfersulphat. Außerdem müssen gesetzlich alle Wohnhäuser in einem Umkreis von 100 m frei von allem Gras oder Buschwerk sein. In bezug auf die persönliche Prophylaxe aller am Bau Angestellten sei hervorgehoben, daß sie angewiesen sind, täglich etwa 0,2 g Chinin zu nehmen. Dieser Aufforderung entsprechen von den insgesamt 45 000 Arbeitern täglich etwa 20000. Um die sanitären Anordnungen besser zur Ausführung bringen zu können, ist die ganze, 47 Meilen lange Kanalzone in 17 Distrikte eingeteilt, von denen jeder unter der Oberaufsicht eines Inspektors steht. Der jedem Distrikt zugeteilte Arzt sendet wöchentlich einen genauen Bericht an das Hauptbureau (in Panama) über den Gesundheitszustand in seinem Bezirk ein. Dort wird man sofort auf ein eventuelles Ansteigen der Malaria oder sonstiger Erkrankungen aufmerksam und kann durch geeignete Maßregeln ihrem weiteren Umsichgreifen Einhalt tun. Seit fünf bis sechs Jahren ist das gelbe Fieber aus jenen Länderstrichen gänzlich verschwunden, und die Erkrankungen an Malaria haben auffallend abgenommen. Wenn Gorgas sagt, daß die Fortschritte der letzten 15 Jahre auf tropenhygienischem Gebiete gezeigt haben, daß die weiße Rasse ebenso gut in den Tropen wie in gemäßigtem Klima leben könne, so muß ich ihm auf Grund eigener Anschauung und Erfahrung unbedingt zustimmen. Wenn ich nun noch erwähne, daß auf den Geleisen der Panamaeisenbahn sehr fein ausgestattete Sanitätszüge verkehren, die die Kranken aus den einzelnen Distrikten nach den großen Hospitälern in Colon und Panama befördern, so bringt uns dies zur Besprechung eben dieser Krankenhäuser. Voran steht das Ancon-Hospital der Stadt Panama. Hoch oben auf einem Hügel der Vorstadt Ancon gelegen, läßt es die Stadt tief unter sich und gewährt einen unvergleichlichen Ausblick auf die blauen Fluten des pazifischen Ozeans. Auf einem sehr großen Areal ist es inmitten schattenspendender Palmenhaine im Pavillonsystem erbaut. Das Hospital hat Raum für 1000 bs 1100 Kranke und ist -das brauchte eigentlich garnicht besonders hervorgehoben zu werden -durchaus modern eingerichtet. Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1201950 fatcat:vaafkor3cjb7zfjiwfw6br3qre