Das zahnärztliche Institut der Universität Berlin während des Wintersemesters 1885/86 (Fortsetzung aus No. 44.)

1886 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Eine besondere Beriicksichtigung fand in dem vergangenen Wintersemester die Reimplantation der Zähne. Man weiss seit langer Zeit, dass Zihne, welche durch äussere Gewalt in ihren Alveolen gelockert sind, wieder vollkommen fest werden können; ebenso weiss man, dass Zähne, welche vollkommen aus ihren Alveolen geh5st waren, so dass sie auf der Erde lagen, nach der Wiedereinpflanzung von Neuem einen festen Halt im Knochen gewinnen können. Diese Kenntuiss hat man auch zu Heilzwecken verwerthet, und
more » ... en verwerthet, und in der Mitte des vorigen Jahrhunderts zur Zeit John Hunter's, zu einer Zeit also, in welcher die Zahnersatzkunde noch keine besseren Iiethoden hatte, war es ein gewöhnliches Verfahren, dass reiche Leute, welche sich einen kranken Zahn ausziehen lassen mussten, ein Subject", d. h. einen armen Menschen mit sich brachten, welcher sich gegen Bezahlung seinen entsprechenden gesunden Zahn ausziehen liess, der dann sofort in die leere Alveole des Anderen eingesetzt wurde. Es kann sich dabei wohl nur um obere Frontzähne gehandelt haben, deren Verlust ja allerdings besonders entstellend ist, denn andere Zähne würden die Transplantation schwerlich ermöglicht haben. Wie oft diese Zähne bei dem neuen Inhaber wirklich fest wuchsen, ist uns nicht überliefert. Der Umstand aber, dass es sich hierbei um eine oft ausgeführte Methode handelte, lässt darauf schliessen, dass wenigstens in der Hälfte der Fälle der beabsichtigte Erfolg erzielt wurde. Die Methode gerieth schliesslich in Misscredit, nicht etwa ihrer Grausamkeit wegen oder wegen der häufigen Misserfolge, sondern weil gleichzeitig mit den Zähnen zuweilen Syphilis übertragen wurde. Seitdem handelt es sich nun ausschliesslich um die Reimplantation der Zähne, d. h. um die Wiedereinpfianzung derselben in dieselben Alveolen, aus denen sie kurze Zeit zufällig oder absichtlich entfernt waren. In den letzten Jahren hat Colemann in London und andere Zahnärzte versucht, der Wiedereinpflanzung eine weit grössere Bedeutung zu geben, indem sie cariöse Zähne, deren Höhlen sehr schwer zu füllen waren, extra. hirten, die Zähne dann ausserhalb des Mundes reinigten und füllten und hierauf wiedereinsetzten. Der Vortheil, den diese Methode gewährt, liegt auf der Hand. Zähne, welche im Munde sehr schwer zu reinigen und zu füllen sind, lassen diese Verrichtungen spielend leicht ausführen, wenn man sie vor sich im Schraubstock hat. Die Reinigung und Füllung der Wurzelkanäle, der Pulpenkaminer und der Kronencavität verursachen dann nicht die geringsten Schwierigkeiten, und wenn der Zahn wieder festgewachsen ist, deutet nichts darauf hin, dass er jemals aus dem Munde entfernt war. Trotz dieser offenbaren Vortheile hat sich diese Methode doch keine grosse \Terbreitung zu erringen vermocht, und die Ursachen hiervon dürften einerseits in dem Widerstreben der Patienten liegen, sich zuerst der Extraction zu unterwerfen, dann aber auch darin, dass die Chance des Wiederfestwerdens des Zahnes doch immerhin eine unsichere war. ',Venn ich mir eine Schätzung dieser Misserfolge gestatten darf, so würde ich sie etwa auf 20 Procent veranschlagen. Natürlich handelt es sich auch hierbei hauptsächlich um obere Frontzähne, doch können selbst mehrwurzelige Molaren in derselben Weise behandelt werden. Eine fernere Verwendung fand die Reimplantation zur Heilung von Zahnfisteln. Eine Zahnfistel zu heilen mit Erhaltung des Zahnes ist eine der weitläufigsten und unsichersten Maassnahmen, und zwar beruht dies darauf, dass die Fistel dadurch unterhalten wird, dass die Spitze der Zahnwurzel abgestorben ist und als sep-Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0028-1140243 fatcat:tpbze4nyljagnnk62hpf47vqbu