Zufälle, Fälle und Formeln

Marie Theres Fögen
2005 Rechtsgeschichte - Legal History  
The construction of the consensual contract in Roman law is certainly one of the most important achievements in the history of private law. But how and under which structural conditions did the consensual contract come into being? Its invention eliminated most of the characteristics of earlier forms of obligation, such as the ritualistic and formalistic elements. It thereby allowed totally new legal agreements and transactions. But at the same time the new type of consensual contract maintained
more » ... contract maintained one specific feature of private law: the formula or actio. With this observation, the present article discusses the possibilities and limitations of evolutionary processes in law. □ × Zufälle, Fälle und Formeln Zur Emergenz des synallagmatischen Vertrags 1. Es gibt technische, intellektuelle, soziale Erfindungen, die ungewöhnlich großen Erfolg haben, so großen Erfolg, dass sie über Jahrhunderte und Jahrtausende beibehalten, gepflegt und ausgebaut werden, ja aus der Gesellschaft nicht mehr leicht wegzudenken sind. Zu solchen evolutionären Errungenschaften gehören das Rad, das Geld, die Schrift, das Eigentum, die Straßen und manches mehr, namentlich auch der Vertrag, ohne dessen Konstruktion und Gebrauch erhebliche Teile der Kommunikationen und Funktionen in der Gesellschaft zusammenbrächen. Ob Ehevertrag oder Kaufvertrag, ob Ausbildungs-, Arbeits-, Beförderungs-, Lizenz-, Tarifoder Staatsvertrag -so gut wie nichts funktioniert in kleinsten bis hin zu großen sozialen Systemen ohne die Begründung wechselseitiger Rechte und Pflichten und ohne die in pacta sunt servanda zementierten normativen Erwartungen. Eben dieser Vertrag in seiner synallagmatischen, streng reziproken Form scheint gegenwärtig aus den Fugen zu geraten. Die Wirtschaft praktiziert Vereinbarungen, die das Modell der Bilateralität hinter sich lassen und durch »Netzwerkverbindungen« ersetzen. 1 Dadurch entstehen merkwürdige, ungewohnte Verhältnisse. Die beteiligten Parteien befinden sich gleichzeitig im Vertrag und im Verbund, in Konkurrenz und in Kooperation, stehen unter dem doppelten Imperativ, die für Austauschbeziehungen typischen individuellen Interessen und zugleich den Verbandszweck zu verwirklichen. Konstituierte der Vertrag Jahrhunderte lang eine spezifische Differenz, und zwar »unter Indifferenz gegen alles andere, inclusive die Betroffenheit von am Vertrag nicht beteiligten Personen«, 2 so scheint eben diese Exklusivität in Netzwerken aufgeweicht zu werden. Noch ist die herkömmliche Zivilrechtsdogmatik kaum in der Lage, eine solche Abweichung vom klassischen Vertragsmodell adäquat zu verarbeiten. Noch reagiert das Zentrum des Rechtssystems, die Justiz, verhalten auf Netzwerkkonstruktionen und hält den Grundsatz der »Relativität der Schuldverhältnisse« hoch. 3 Die säkulare Errungenschaft »Vertrag« ist in der Krise, ja entpuppt sich womöglich als Evolutionsblockade, über die das Recht nicht hinüberspringen kann und will. 84 Zufälle, Fälle und Formeln Rg6/2005 1 Vgl. Teubner (1992 und 2004); Amstutz (2004); Cerutti, Balzli (2004). 2 Luhmann (1997) 459. 3 Ein schönes Beispiel (BGE 120 II 112 ff.) bei Amstutz (2004) 58 f. zu Hauptvermieter-Mieter-Untermieter, deren Verhältnis zueinander zwar in »zwei hintereinandergeschaltete Mietverträge« zerlegt wird, wobei jedoch der »wirtschaftliche Verbund« »rechtliche Lösungen erheischt«, die allein durch bipolare Rechtskonstruktionen nicht zu bewirken sind.
doi:10.12946/rg06/084-100 fatcat:2p6b7rau3jam7oupzl2pxvcnvi