Die obligatorische Einführung der animalen Impfung

O. Hager
1883 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Die grossen Fortschritte, welche die medicinische Wissenschaft in den letzten Decennien gemacht hat, wurden hauptsächlich herbeigeführt durch das Studium der Mikroorganismen und durch den Nachweis ihres pathogenen Werthes bei den sogenannten Infectionskrankheiten. Wie in jeder Zeitepoche grosser Entdeckungen , so hielten auch diesmal nicht immer gleichen Schritt die Praxis der medicinischen Disciplin und die Theorie. Die Praxis lieferte durch Einführen des antiseptischen Verfahrens in die
more » ... ahrens in die Chirurgie den lJeweis, dass es Mikroorganismen sein müssen, welche so lange den Wundverlauf zu einem abnormen gemacht hatten, ohne dass dieser deletäre Einfluss bisher theoretisch begründet worden wäre. Auf der andern Seite hat die Auffindung von Bacillen bei Tuberculose und Scrophulose gut begründete Theorien über die genannten Krankheiten zu Tage gefördert, ohne dass es bisher der Praxis möglich gewesen wäre, irgend einen Vortheil aus diesen Entdeckungen zu ziehen. Ist es der Chirurgie nun gelungen, im offenen Kampfe gegen die Parasiten derselben Herr zu werden in einer Weise und mit einer Sicherheit, wie wir es vor einem Deceunium noch kaum zu hoffen gewagt und wie sie prompter kaum gedacht werden kann , so erklärt sich dies zunächst daraus, dass sie ein so exacter und verhältnissmässig so wenig complicirter Zweig unserer Wissenschaft ist. Schon in der Geburtshülfe wird eine ähnliche Sicherheit schwerlich jemals erlangt werden. Wir dürfen die Möglichkeit eines Puerperalfiebers selbst wenn alle zu fordernden antiseptischen Maassregeln von Arzt und Hebeamme gut ausgeführt sind, nicht in Abrede stellen. In der innern Medicin vollends aber dürfen wir nie erwarten, der parasitären Krankheiten mit Sicherheit in offenem Kampfe Herr zu werden. Mit einem Feinde, der uns umgiebt oder wenigstens umgeben kann, so weit unsere Atmosphäre reicht , dem wir die Möglichkeit des Angriffes bieten bei jeder Bewegung, bei jedem Athemzug, bei jedem Bisseii und jedem Trunk, den wir geniessen , dessen Angriffsweise wir nicht kennen , ja den wir in vielen Fällen nicht einmal unsern Sinnen darstellbar machen könneii, sind wir gezwungen, einen Modus vivendi zu suchen, den offenen Kampf zu vermeiden. Mag auch (lie Geschäftigkeit im Suchen nach neuen Bacillen tötenden Mitteln, mag auch die organische Chemie um noch so viele Waffen im Kampfe und Angriffsweisen den practischen Arzt und den Hygieniker bereichern, die schweren lnfeetionskrankheiten werden durch directen Kampf gegen die Bacillen nicht aus der Welt geschafft und auch nicht geheilt werden. Es wird in der innern Medicin immer ein berechtigter Standpunkt der Therapie bleiben: die acuLen Infectionskrankheiten dadurch zu heilen, dass man den Körper in möglichst günstige Bedingungen zum Ueberwinden derselben bringt. Und eine wichtige Unterabtheilung unter diese Encheirese wird die bleiben, den Körper abzuhärten gegen schwere bacilläre Invasionen durch Gewöhnung an dieselben Invasionen in leichterer Form. Speciell bei den Pocken fand die Praxis bei cultivirten und uncultivirten Völkern instinctiv diese therapeutische Methode und verfolgte dieselbe, bevor sie in unserer Zeit durch schlagende Experimente in den Epizootieen gerechtfertigt wurde, Jahrhunderte lang mit Erfolg. Jahrhunderte dürfen wir sagen darum, weil wir in diesem Falle nicht nur die Vaccination sondern auch die Inoculation mitrechnen dürfen, welche letztere das Postulat, dem Inoculirten, ohne ihn in erhebliche Gefahr zu bringen, eine gewisse Immunität zu verschaffen, vollk ominen löste. Sie wurde bekanntlich verlassen wegen der Gefahren für die Umgebung der lnoculirten. Wie weit bei andern acuten und chronischen Infectionsltrankheiten des Menschen die Methode der Einverleibung geschwächten Gifts eine Zukunft in der Therapie hat, lässt sich noch nicht übersehen. Dass der Gedanke an solche Methoden auch bei andern Krankheiten keine Phantasie ist, lehren ja in der Veterinär-Medicin die Lungenseuche-Impfungen und vor allen Dingen die eclatanten therapeutischen Erfolge der Milzbrandimpfungen: auf einem Felde, das ja im Uebrigen als durchaus gleich beweiskräftig anzusehen ist, wenn auch Versuche und Fortschritte hier, wo es sich ja nur um Corpora vilia handelt, naturgemäss ungleich schnellere sein müssen. Es ist nun eine unglückliche, aher bernerkenswerthe Lücke in unsern Kenntnissen der Mikroorganismen, dass wir den Pilz, dessen wir uns therapeutisch bedienen, den Pilz, welchen jedes deutsche Landeskind gesetzlich zweimal in seinem Leben seinem Körper einverleiben lassen muss, noch nicht erkennen und darstellen gelernt haben. Und doch würde wegen der Uebertragbarkeit auf das Thier und somit der Möglichkeit ausgedehnter Controlversuche eine exacte Lösung in diesem Falle so sehr erleichtert. Immer also noch sind wir darauf angewiesen, den Pilz nicht rein , sondern in organischer Flüssigkeit und in complicirter Form zu verwenden. Im Laufe der letzten Jahre nun hat sich mehr und mehr bei Laien und Aerzten ein Drängen geltend gemacht, diesen organischen Stoff, wie es im ersten Anfang geschehen , so auch jetzt fort und fort aus deiii Thierreiche zu nehmen. Schnellere Vervielfältigung des lmpfstoffes, ohne die Impflinge mit Abnahme zu belistigen oder zu schädigen, bessere Hafikraft, bessere Schutzkraft wurden diesem Verfahren nicht ganz mit Unrecht nachgerühmt; vor allen Dingen aher die controlirbare Reinheit der Abkunft und (las Freisein von anderen von Mensch zu Mensch ühertragbaren Krankheitserregern. Die neuesten Untersuchungen im Gebiete der Bacillenlehre, die Thatsache, dass z. B. Tuberkelbacillen in den Secreten und Excreten des Körpers nachgewiesen wurden, scheinen (liesen letzteren Gesichtspunkt besonders zu rechtfertigen. Doch scheiterte bisher die allgemeine Einführung der Impfung mit animalem Stoffe daran , dass der aus (leEn Thierreiche genommene Stoff viel 'schnellerem Verderben ausgesetzt war, vie die huiriane Vaccine. Erst seit kurzer Zeit sind wir in der Lage, den animalen Stoff in solcher Reichlichkeit und in so gut conservirter und conservirbarer Form aus dem Thierreiehe zu gewinnen, dass die gesetzliche Durchführung der allgemeinen animalen Impfuug vom nächsten Jahre ab auf die Tagesordflung gesetzt werden kann. Bekannt ist, dass in diesem Jahre zuerst die obligatorische Impfung mit animalern Stoff im Grosslierzogthuin Hessen eingeführt wurde und , wie wir kaum zweifeln dürfen, mit gutem Erfolg. Es wird dort nur mit trockenem Stoff, hergestellt nach der von) Ober Med icinal-Bath R e i s s n e r in dieser \Vochenschrift (Jahrg. I 881, S. 408ff. u. 647f.) zuerst bekannt gemachten Methode geimpft 1) Ist es mir gestattet, meine eigenen Erfahrungen in einem ziemlich grossen Impftermin mitzutheilen, so stellen sich dieselben folgenderuiaassen: Seit dem Jahre 1875 habe ich alljährlich die im October und November in Röhrchen aufbewahrte Lymphe durch Impfung auf Ochsen und Kälber im Februar und März vervielfältigt, mit diesem Stoff dann sofort ausgesucht gesunde Kinder geimpft und mit der von diesen gewonnenen Lymphe. die unverdünnt in Röhrchen aufgehoben wurde, das lmpfgeschàft begonnen. Die Resultate waren immer sehr befriedigende. Im Jahre 1882 führte ich zuerst bei den öffentlichen Terminen die Impfung von Kalb auf Kind durch. Die Resultate waren nur dann genügende, wenn ich direct vorn Thierkörper auf Impfung verimpfte: beim Aufheben des reinen Stoffes auch nur 24 Stunden lang hatte ich Ausfälle. Gegen Ende des Jahres versuchte ich die durch Herrn Collegen Pis sin bekannt gemachte Methode der Lymph -Conservirung mit gleichen Theilen procentigena Salicylwasser und dreifach destillirtein Sarg e'schen Glycerin und fühlte mich bei derselben bald so sicher, dass ich dem Kreisausschuss des Kreises Magdeburg die Impfung nut animaler Lymphe für den ganzen Kreis vorzuschlagen wagte, gegen Erstattung der Selbstkosten der Lymphe. Es wurde in Aussicht genommen die Kosten für die Impfung von 10 Kälbern für das Impfjahr 1883 aufzuwenden, mit der gewonnenen animalen Lymphe nach Möglichkeit die Impfärzte zu versehen, um dann hernach, wenn (lie öffentlichen Impfungen beendigt seien, ein Urtheil über die Ausführbarkeit der Methode zu haben. In dem mir überwiesenen Impftermin Neustadt-Magdeburg impfte ich bisher: 117 kleine Kinder, davon 2 ohne Erfolg 249 Schulkinder -38 ohne -43 kleine Kinder geimpft nach Pissin 1 ohne Erfolg 74 ---'-Reissner I --48 Schulkinder --Pissin 12 --201 ---Reissner 26 -1) Die öffentlichen Impfärzte des Grossherzogthums Hessen erhalten, wie ich durch briefliche Mitihemlung von dem Herrn Collegen R e issu er erfahren habe, 1. das Lymphpulver vom Darmetädtischen Landes-Impf-Institut gratis und haben allein die ihnen zugesandte Lymphe zu verwenden. Zur Zeit wird nur nach Reissner'scher Methode conservirte Lymphe versandt und zwar immer möglichst frisch. Zu Erstimpfungen hat Reissner das Pulver noch nach 5-6 Monaten mit Erfolg verwendet, bei Revaccinationen ist das Resultat natürlich um so besser, je dnger das Alter des Impfstoffs ist. 2. Die practischen Aerzte erhalten auf Anforderung gleichfalls den Impfstoff unentgeltlich. 3. Erysipelatöse Umgebungen der Impfstellen sind bis dahin (2. Mai 1883) nur bei ganz frischem , niemals bei älterem Impfstoff gesehen worden. 4. Bei Verwendung von Retrovaccine soll man von einem Kalbe 2-3 Tausend Kinder impfen können, oder noch mehr. R. hat schon Pusteln in einer Geeammtlänge von über 4 Metern bei einem Kalbe erzielt. Fûr andere Varietäten der Vaccine wechselt das Resultat sehr bedeutend und ist im Durchschnitt viel geringer. 5. Es wird in Darmstadt bezahlt pro Kalb 23 MIt. Miethgeld, dazu kommen 12 Mark Pflegegeld und ca. 5 Mark Generalkosten. 490 DEUTSCHE MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. No. 33 Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1197338 fatcat:g6d5wjbh6vanfa6zjs4gau2ld4