Die Entfaltung des Bosen in Bohmes Mysterium Magnum

Herbert Deinert
1964 Publications of the Modern Language Association of America  
Die Entfaltung des Bösen in Böhmes Mysterium Magnum von Herbert Deinert Und wollen andeuten ... wie Böses und Gutes aus einern einigen Grunde urstände, als Licht und Finsternis, Leben und Tod, Freude und Leyd; und wie das in seinem Grunde sey. (Mysterium Magnum, Vorrede, 11) . Böhmes Philosophieren trägt den Character einer leidenschaftlichen Theodizee. Gott ist das unbedingte und uneingeschränkte Gute; von dieser Prämisse will der Christ Böhme nicht abweichen. Aber er ist ebenso weit davon
more » ... enso weit davon entfernt, das Böse in einer Welt zu übersehen, die das summum bonum geschaffen hat. Für den mit der christlichen Tradition Vertrauten ergibt sich damit die Notwendigkeit, die souveräne Willkür Jehovas, die Existenz von Tod, Teufel und Hölle, die Lehre von der Verstocktheit der Bösen und ihrer ewigen Verdammnis vor sich selber zu rechtfertigen und mit dem oben angeführten Gottesbegriff in Einklang zu bringen. Böhme wehrt sich energisch gegen die Idee der Prädestination, die das theologische Dilemma rational auflöst, indem sie das Bild eines gleichzeitig guten und grausamen Gottes entwirft, der sein Recht zur Willkür in der Verteilung von Gnade und Ungnade aus der Erhabenheit des Schöpfers bezieht, der nur sich selber Rechenschaft schuldet. Zwar wird das doppelte Gesicht Gottes zum Kernstück seiner Emanationsphilosophie, die absichtliche Vorherbestimmung zum Bösen seitens Jehovas hingegen ist derjenige Aspekt der Prädestinationslehre, den Böhme nicht hinnehmen kann. Man spürt förmlich seine Erregung in dem kategorischen und grammatisch inkorrekten Satz: "Aber die Vernunft-Schlüsse, welche lauten, dass GOtt in sich selber, so viel Er GOtt heisset, habe beschlossen, dass ein Theil der Menschen Ö solle und müsse verdammt werden, und dass Er sie aus eigenem fürgesetzten Willen verstocke; ist [sic] falsch"[1]. Diese beiden Momente, die Gutheit Gottes und die Ablehnung der damit unvereinbaren Idee der Prädestination, sind für Böhme Voraussetzungen a priori, denen alle weitere Gedankenarbeit sich unterzuordnen hat. Die logische Vernunft, der solch ein Vorgehen nicht zuzumuten wäre, ist deshalb für ihn das schlechteste und unverhohlen missachtete Instrument menschlicher Gotteserkenntnis. An die Stelle des diskursiven Denkens tritt die theosophische Spekulation als einzige Alternative. Für Böhme ist alles Seiende in seiner Vielfalt die Ausdrucksform eines Einzigen: Gottes und seiner Eigenschaften. Es ist Böhmes Grundgedanke, die Welt als Offenbarung Gottes zu begreifen; er möchte ihn gleichsam aus der Schöpfung ablesen oder, wenn man so sagen darf, aus ihr das Urbild Gottes rekonstruieren. Auch das Böse stammt aus Gott und offenbart deshalb eine seiner Eigenschaften [2]. Diese Arbeit soll zeigen, wie Böhme das Böse als Teil des Offenbarungsprozesses Gottes ansieht, ja als Manifestation Gottes, ohne mit der allezeit festgehaltenen Idee der absoluten Gutheit Jehovas in Konflikt zu geraten. Zwar liessen sich dazu eine Reihe von Schriften Böhmes heranziehen, doch schien das Mysterium Magnum (1623) am geeignetsten, weil es sein letztes grösseres Werk ist und
doi:10.2307/460745 fatcat:j7j2ku6dv5bwfili36d7nqr6w4