Visiting friends and relatives (VFR): Ein unerwünschtes «Mitbringsel» von zu Hause

Verena Schelling, Jacques Gubler, Urs Karrer
2013 Swiss Medical Forum = Forum Médical Suisse  
Fallbeschrieb Eine bisher gesunde 38-jährige Somalierin, die seit sechs Jahren in der Schweiz lebt, suchte im Februar 2013 wegen seit zwei Wochen bestehenden Fiebers, Kopf-, Gliederschmerzen und trockenen Hustens die Notfallstation auf. Bis Mitte Dezember 2012 hatte sie sich für zwei Monate in Nairobi (Kenia) aufgehalten. Bei der Untersuchung hatte die Patientin Fieber (38,5 °C), Schüttelfrost und eine diffuse Druckdolenz des Abdomens. Vitalparameter, Herz und Lunge waren normal, sie hatte
more » ... mal, sie hatte keinerlei meningitische Zeichen und keine Hautveränderungen. I m Routinelabor fanden wir ein erhöhtes CRP von 69 mg/l und zwei-bis dreifach erhöhte Trans aminasen. Differentialblutbild, Urinstatus, Thoraxröntgenbild und Abdomensonographie waren unauffällig. Es wurden Blutkulturen abgenommen und eine Malaria ausgeschlossen. Der HIV-Test war negativ. Bei Verdacht auf einen unspezifischen viralen Infekt wurde die Patientin zunächst symptomatisch behandelt. Bei Nachweis von Staphylokokken in einer Blutkultur (später als Kontamination beurteilt) und CRP-Anstieg wurde eine antibiotische Therapie mit Amoxicillin/Clavulansäure i.v. begonnen. Diese wurde bei der klinisch stabilen Patientin weitergeführt, obwohl in zwei von drei aeroben Blutkulturflaschen zusätzlich kokkoide, gramnegative Stäbchen (GNS) gewachsen waren. Es kam jedoch zu keiner klinischen Besserung und zu einem weiteren CRP-Anstieg. Bei mikrobiologischem Verdacht auf Brucellen wurden die Erreger ins Referenzlabor geschickt und dort mittels PCR und Sequenzierung als Brucella melitensis identifiziert. Zusätzlich war auch die Brucellen-Serologie klar positiv. Die antibiotische Therapie wurde auf Tobramycin 1× 5 mg/kg i.v. und Doxycyclin 2× 100 mg p.o. täglich umgestellt. Klinisch fiel im Verlauf eine Druck-und Klopfdolenz über der Lendenwirbelsäule und im rechten Iliosakralgelenk auf. Im MRI konnten wir keine osteoartikuläre Brucellose nachweisen. Nach einer Woche ersetzten wir das Aminoglycosid durch Rifampicin p.o. und führten eine orale Kombinationstherapie mit Doxycyclin und Rifampicin für weitere fünf Wochen durch. Dar unter kam es zu einer vollständigen Regredienz aller Beschwerden. Als wahrscheinlichste Infektionsquelle konnten wir den mehrmaligen Genuss von Kamelmilch eruieren, welche die Patientin auf einem Markt in Nairobi gekauft hatte. Kommentar Migranten und deren Angehörige, die in ihre frühere Heimat reisen, sind eine Gruppe mit deutlich erhöhtem Risiko f ür reisemedizinische Erkrankungen. I n der englischen Literatur werden diese Personen als «Visiting Friends and Relatives» (VFR) bezeichnet [1]. Die VFR nehmen vor einer Reise selten eine reisemedizinische Beratung in Anspruch, sie verwenden kaum adäquate Schutzmassnahmen gegen Insekten oder medikamentöse Prophylaxen, besuchen oft sehr abgelegene Gegenden mit niedrigem Hygienestatus und ernähren sich ohne zusätzliche Vorsichtsmassnahmen. Ausserdem ist bei VFR die Aufenthaltsdauer in der Regel länger und der Kontakt zur Lokalbevölkerung enger als bei Touristen. Entsprechend konnte das GeoSentinel-Netzwerk bei VFR signifikant häufiger schwere und/ oder vermeidbare Infektionen wie Malaria, T yphus, Strongyloidose, Tuberkulose oder auch Brucellose nachweisen [2]. Weil eine reisemedizinische Beratung kaum in Anspruch genommen wird, haben Hausärzte und Pä diater eine entscheidende Rolle in der Prävention. Neben der Ak tualisierung der Impfungen sollten allfällige Reisen ins Heimatland aktiv angesprochen und eine entsprechende Beratung angeboten werden. Unsere Patientin hatte keinerlei reisemedizinische Bera tungen erhalten oder Vorsichtsmassnahmen getroffen. Brucellose Epidemiologie Die Brucellose ist weltweit die häufigste Zoonose. Sie kann durch zehn verschiedene Brucella-Spezies verursacht werden, wobei beim Menschen vor allem B. melitensis (Hauptwirte Schafe und Ziegen) und B. abortus (v.a. Rinder) von Bedeutung sind. In Ländern mit ausgebauter veterinärmedizinischer Überwachung kommt die Brucellose nur noch sporadisch vor, in der Schweiz wurden seit 2003 durchschnittlich sechs humane Fälle pro Jahr gemeldet (Inzidenz: 0,08/100 000 Personen/Jahr, www.bag.admin.ch). Weltweit ist die Brucellose in vielen Gebieten endemisch mit Inzidenzen von 20-300 Fällen/ 100 000 Personen/Jahr, so im östlichen und südlichen Mittelmeerraum («Mittelmeerfieber» oder «Maltafieber»), im Nahen Osten, in Nordafrika, am Persischen Golf, in Zentralasien, auf dem indischen Subkontinent sowie in Teilen von Mittel-und Südamerika [3].
doi:10.4414/fms.2013.01678 fatcat:rnkckan5lzcktpcm4chhp63aqi