Ueber eine neue Methode der Carcinombehandlung nach Dr. de Keating-Hart1)

1908 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Dr. Krumm, Oberarzt der Chirurgischen Abteilung des Diakonissenhauses zu Karlsruhe. I. M. H.! Unsere heutigen Mitteilungen sind das Ergebnis einer Studienreise, die Kollege Krumm und ich vor etwa 14 Tagen nach Marseille ausgeführt haben. Veranlassung hierzu gab uns die Kunde von einer neuen Carcinombehandlung mit elektrischen Funken, die ein Kollege in Marseille, Dr. de Keating-Hart, zur Anwendung bringt und fiber die bis jetzt in den deutschen Zeitschriften nichts berichtet worden war. Auf
more » ... worden war. Auf privatem Wege, durch Se. Durchlaucht den Prinzen Karl zu Löwenstein waten wir davon in Kenntnis gesetzt worden und hatten auch durch ihn eine kleine Reihe von französischen Publikationen dieses Kollegen, insbesondere auch einen Bericht Pozzis an die Académie de médecine in Paris erhalten, der uns ermutigte, der Sache näher zu treten. Czerny hat auf demselben Wege von der Methode gehört, hat sie bei Pozzi durch de Keating-Hart in Paris kennen gelernt und übt sie bereits im Krebsinstitut in Heidelberg aus. Auf eine Anfragebei de Keating-Hart erhielten wir eine sehr freundliche Einladung zugleich mit der Nachricht, daß er auf Sonntag, den 5. Januar eine Reihe von 20 der verschiedensten, früher behandelten Fälle zur Nachprüfung bestellt habe. So fuhren wir nach Marseille und haben in den vier Tagen unseres Dortseins Gelegenheit gehabt, nicht nur die 20 einberufenen Fälle, z. T. mit Photogrammen vor und nach den betreffenden Operationen und mit den dazugehörigen mikroskopisch-diagnostischen Präparaten zu sehen und nachzuuntersuchen, sondern auch bei einer Reihe von kleinen und großen Operationen die Anwendung der Methode zu studieren, dabei zu assistieren und sie auch selbst auszuüben. Somit haben wir etwa 30 Fälle zu sehen bekommen. De Keating-Hart ist ein sehr offener, vorsichtiger und bescheidener Kollege, der in freimütigster Weise über seine Methode, über seine Erfolge ebensogut wie über die Mißerfolge spricht. Er ist in keiner Weise kritikloser Enthusiast und wünscht nur, seine Methode von andern nachgeprüft und deren wissenschaftliche Grundlage erforscht zu sehen. Er ist Lichttherapeut und erhielt als solcher teHa primär inoperable, teils nach Operationen rezidive Fälle von Carcinom und Sarkom zur Behandlung mit Röntgenstrahlen überwiesen. Die Unwirksamkeit oder sehr geringe Einwirkung brachten ihn auf den Gedanken, die Funkenstrahlen der d'Arsonvalströme in Anwendung zu bringen. Er fand dabei, daß Hochfrequenzströme mit sehr hoher Spannung eine entschiedene Einwirkung auf maligne Tumoren haben, und zwar durch Mortifikation der Tumormassen und Anregung des umgebenden Gewebes zur raschen Elimination der mortifizierten Gewebe und zur Narbenbildung. Da aber die Elimination der mortifizierten Massen für den Körper einen großen Kraftaufwand bedeutet, so verband er die Funkenbestrahlung mit der chirurgischen Operation, und so entwickelte sich seit drei Jahren seine "Méthode électro-chirurgicale". Da do Keating-Hart kein ausgebildeter Chirurg ist, so war es ihm zuerst schwer, mit seinen Ideen weiterzukommen, da die Fachehirurgen zunächst dagegen sich ablehnend verhielten. Er fand aber in dem Kollegen Dr. Juge, Chirurgien des hôpitaux in Marseille, einen ausgezeichneten Helfer, der jetzt auch wohl die größte Anzahl der größeren Operationen mit de Keating-Hart ausführt. In den wenigen Publikationen ), in denen er dieselbe mitteilt, Vorträge, gehalten im Verein Karisrulier Aerzte ato 22. Januar 1908. a) Marseille médical 1906, No. 23. Resultat obtenu par sa nouvelle méthode etc. b) Un nouveau mode de traitement du Cancer, Congrès International délectrologte etc. Mtlan. September und Oktober 190S. -c) Annales dElectrobiologie et de Ra. diologte 28. Februar 1907. d) Revue de Thérapeutique No. 20, 15. Oktober 1907. e) Un nouveau traitement médico-chirurgicale du cancer par Dr. de K eating. H a r t par Dr. Desplats (de Lilie) Novbre. 1907 (Lilie). DEUTSCHE MEDIZINESOHE WOCIiENSCHRIFT No. 10 bezeichnet er die Funkenbestrahlung mit Sidération. P o z z i 9 hat in seinem Bericht an die Académie die Bezeichnung "Sidération" beanstandet, die einen nervösen Shock bezeichnet, der aus brüsker Veränderung der elektrischen Spannung hervorgeht. Er schlägt dafür Fulguration' vor, ein Ausdruck, den de Keating-Hart jetzt akzeptiert hat. Wir werden den Ausdruck mit Funkenbestrahlung übersetzen. Wir haben unseren Stoff nun so eingeteilt, daß ich über das Instrumentarium und die allgemeinen Prinzipien der Anwendung sowie über die Einwirkung im allgemeinen berichten werde, während Kollege Krumm im zweiten Vortrag über die gesehenen Fälle und Operationen sprechen wird. Das In s tr u m e n t a r i u m unterscheidet sich nicht wesentlich von dem für die d'Arsonvalisation erforderlichen. Der Untei-schied der Ströme ist ein rein cuantitativer, der nuidurch die besondere Anordnung und Dimensionierung der einzelnen Apparate festgelegt ist. Es ist zunächst ein Transformator von 40-50 cm Funkenlänge notwendig. Der Stroni geht vom Schaltbrett mit Ampèremeter, Voltmeter und Rheostat durch einen Unterbrecher von hoher Frequenz (de Keat i n g -H a rt benutzt einen sogenannten Turbinenunterbrecher) zur primären Spule des Transformators und induziert in der sekundären Spule einen Strom von hoher Frequenz, der von hier aus zu einem Kondensator eigener Art geleitet ist. Hier wirken in einem kubischen Gefäß acht doppelt mit Stanniol belegte, durch Petroleum isolierte Glasplatten als Leydener Flaschen. Die einander genäherten Entladungspole des Kondensators lassen dann Funken überspringen, die heftige und äußerst rasche Stromachwankungen hervorrufen. Auf die innere Armierung und ihren geschlossenen Stromkreis haben diese Schwankungen als Rückwirkungen, Oscillationen von sehr hoher Spannung in dem freien (oberen) Teil eines Oudinschen Resonators zur Folge, auf dessen unterem Teil sie airkulieren. Je nach der Einstellung des Resonators erhalten wir Funken von mehreren Zentimetern Länge und von sehr großer Spannung. Diese werden zur Behandlung des Krebses benutzt. Die Spannung kann mit keinem Instrument bis jetzt gemessen werden, wird aber maximal auf 250---300000 Volt geschätzt, bei geringer Stromstärke. Da die überspringenden Funken eine beträchtliche Hitze und damit Verbrennung bewirken, eine kaustische Wirkung aber von de Keating-Hart nicht nur nicht beabsichtigt, sondern direkt streng vermieden wird, so sind die 3-4 cm dicken, etwa 30 cm langen Elektroden, mit denen die Bestrahlung ausgeführt wird, durchbohrt und werden beim Gebrauch am einen Ende mittels eines Schlauches mit dem Regulierhahn einer Bombe mit Kohlensäure oder mit einem großen Blasebalg verbunden. Das unter Druck am Funkenende der Elektrode entströmende Gas kühlt die Blitze vollständig genügend ab, sodaß keine Verbrennung entsteht. Die Anwendung der Funkenbestrahlung ist schmerzhaft und gewöhnlich nicht ohne Narkose ausführbar. Wir sahen nur einmal einen Fall ohne Narkose bei einem alten Matrosen, bei welchem ein kleines rezidives Cancroid der Stirn excochlöiert und bebhitzt wurde. Bei der Narkose ist Aether wegen der Explosionsgefahr streng zu vermeiden. Die Rückenmarkanästhesie für die Fälle der unteren Körperhälfte ist bis jetzt nicht probiert. Der sehr intensiven elektrischen Ladung des kranken Körpers wegen ist es unmöglich, einen metallenen Operationstisch zu gebrauchen, da die auf das Metall überspringenden Funken eine Verbrennung der aufliegenden Teile hervorrufen. Es muß also, wie de Keating-Hart stets betont, ein hölzerner Tisch zur Anwendung kommen, falls es nicht gelingen sollte, doch eine genügende Ableitung zur Erde herzustellen. Je nach den gegebenen Verhältnissen des Falles, je nachdem ein offenes Carcinom nur excochlöiert oder radikal operiert werden soll, wird die Geschwürsfliiche und deren allernächste Umgebung, oder die Exzisionshinie und der innerhalb gelegene Tumor von wenigen bis zu 10 Minuten bestrahlt. Dann schließt sich die betreffende Operation an, die in typischer Weise verläuft. Hierbei wird prinzipiell alles entfernt, was makroskopisch und für unser Tastgefühl als malign ei-scheint. Darauf erfolgt die weitere Bestrahlung der Wundfläche, be-1) Extrait du Bulletin de lAcadérete de médecine 3O. Juillet 1907). Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0029-1186380 fatcat:ljm3nep3rngc3bmr7y7alxnm4a