Die ALLBUS-»Gastarbeiter-Frage«. Zur Geschichte eines Standard-Instruments in der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS)

Rolf Porst, Cornelia Jers
2007 Soziale Welt  
Zusammenfassung: Die »Gastarbeiter-Frage« ist mittlerweile zu einem Standardinstrument nicht nur des ALLBUS, sondern auch für andere Umfragen geworden, die sich mit Einstellungen zu ausländischen MitbürgerInnen befassen. In dem Beitrag werden Entstehung, Entwicklung und Ergebnisse dieser Frage beschrieben. Es wird gezeigt, dass und wie man mit Hilfe eines split half-Verfahrens einen optimalen Umstieg von einer antiquierten (»Gastarbeiter«) hin zu einer moderneren (»in Deutschland lebende
more » ... land lebende Ausländern«) Frageformulierung schafft, ohne den Zeitreihencharakter einer Frage zu beschädigen. Darüber hinaus zeigt die Entwicklung der »Gastarbeiter-Frage«, dass die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit eines solchen Umstiegs bereits durch kognitive Pretestverfahren aufgezeigt und nahegelegt werden kann. Einführung: Von Menschen und Fragen Nicht nur Menschen haben eine Geschichte, sondern auch Fragen in Umfragen der empirischen Sozialforschung; man mag es hier wie dort auch »Biographie« nennen. Beide -Mensch und Frage -werden irgendwann geboren (bei Fragen sollte man vielleicht besser »entwickelt« oder »formuliert« sagen), wachsen auf, verändern sich mit den Jahren (oder auch nicht), werden so wie sie sind, um irgendwann einmal ihren Platz frei zu machen für nachkommende Generationen (von Menschen und Fragen) und dann mehr oder weniger in Vergessenheit zu geraten. Wie es Menschen gibt, an die man sich länger erinnert als an andere, deren Wissen oder Leistung oder Fähigkeiten nachhaltiger aus der Vergangenheit in die Zukunft wirken als die anderer, gibt es auch Fragen, deren Wirkungsgeschichte länger und reicher ist als die anderer Fragen. In der Umfrageforschung wird die Wirkungsgeschichte einer Frage im Wesentlichen auf das Problem der Replikation fokussiert: Eine Frage wird dann als »wichtig« angesehen, wenn sie von möglichst vielen (Umfrage-)Forschern in möglichst vielen Umfragen über einen möglichst langen Zeitraum immer wieder gestellt wird; wir sprechen dann von Zeitreihen oder besser von zeitreihenfähigen Fragen. Aber ist eine so definierte »Wichtigkeit« einer Frage auch gleichbedeutend mit ihrer Qualität? Oder ist es eher wie bei einem schlechten Argument, das ja auch nicht besser wird dadurch, dass es häufig und gerne wiederholt wird? Die Qualität einer Frage könnte nun -schon vor ihrem ersten Einsatz und ihrer ersten Erprobung in einer Umfrage -durch systematische (kognitive) Pretests empirisch überprüft werden. Nun sind systematische Pretests -trotz ihrer grundsätzlichen Bedeutung für die Entwicklung eines Befragungsinstrumentes (vgl. Sudman/Bradburn 1983, S. 283; Porst 2000, S. 64ff.) -in Projekten der empirischen Umfrageforschung aber noch immer eher die Ausnahme als die Regel (Porst 2000, S. 65). Ob eine Frage »gut« ist oder nicht, wird meist erst dann diskutiert, wenn die Daten bereits erhoben sind (»Die Daten bestätigen meine Erwartungen, also ist die Frage gut und richtig gewesen.«). 1) Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine gründlich überarbeitete Fassung des ZUMA-Arbeitsberichtes 04/2005 (November 2005, ISSN 1437-4110) gleichen Titels.
doi:10.5771/0038-6073-2007-2-145 fatcat:445auyqd5vfzlnkx5ijyhs7kxy