Theorie und Praxis in der Entwicklungsforschung : Einführung zum Themenheft

H. Kreutzmann
2003 Geographica Helvetica  
Die gesellschaftlichen und interdisziplinären Heraus¬ forderungen, die 1976 zur Gründung des Geogra¬ phischen Arbeitskreises Entwicklungstheorien geführt haben, sind im wesentlichen gleich geblieben. Die Wahr¬ nehmung einer Einkommenskluft zwischen armen und reichen Nationalstaaten und die Versuche, ihre Genese bzw. Verursachung zu erklären, boten den Anlass, nach dem Scheitern grobschlächtiger wachstumstheo¬ retischer Erklärungsversuche neue Perspektiven zu erschließen und auf die Praxis
more » ... uf die Praxis anzuwenden. Der allge¬ meine Befund hat sich seither nicht signifikant zugun¬ sten einer prinzipiellen Verlagerung verändert. Im Gegenteil: Die Entwicklungsschere (Abb. 1) klafft wei¬ terhin auseinander, die Einkommensunterschiede zwi¬ schen Arm und Reich könnten größer nicht sein und auch das Tempo der Auseinanderentwicklung nimmt stetig zu. Auch wenn die Perspektive auf Entwick¬ lungsfragen sich in ihrem Schwerpunkt von einem eher auf den Nationalstaat als Bezugsgröße fixierten hin zu einem Institutionenund akteursbezogenen Multiebe¬ nen-Ansatz verschoben hat, so bleiben doch gewisse Grundfragen, ja die wichtigen und essentiellen, erhal¬ ten und harren weiterhin einer befriedigenden Beant¬ wortung. Mancherorts scheinen sie in der diskursiven Vielfalt in Vergessenheit zu geraten bzw. im Meer divergierender Erklärungsansätze unterzugehen. Die Herausforderungen an die Praxis sind mit der Man¬ nigfaltigkeit an Konzepten eng verflochten. Aus diesem Grunde hat Dieter Senghaas, einer der ein¬ flussreichen Vordenker, Stichwortgeber und zudem Mitbegründer des Geographischen Arbeitskreises Ent¬ wicklungstheorien, vor einem «entwicklungstheoreti¬ schen Gedächtnisschwund» (Senghaas 1996) gewarnt. Seine Mahnung erfolgte zu einem Zeitpunkt, als die Debatte über Abhängigkeitstheorien im Sande zu ver¬ laufen schien und sich die Beispiele einer weltmarkt¬ integrierten nachholenden Entwicklung eindrucksvoll durch die Prozesse in den sogenannten «Asiatischen Tigerstaaten» vermeintlich belegen Hessen. Seinerzeit wurden daher Fragen zum «Ende der Dritten Welt» (Menzel 1992) und nach der Notwendigkeit von Ent¬ wicklungstheorie überhaupt erstmalig gestellt. Die Wahrnehmung differenzierter und unterschiedlicher Entwicklungspfade stellte tripolare und duale Kon¬ zepte monolithischen Blockdenkens in Frage. So dis¬ kutierte beispielsweise Deborah Bräutigam (1994) «What can Africa learn from Taiwan?» Diese und ähnliche globale Erklärungsversuche wurden im Hin¬ blick auf die Ungleichheiten von Partizipations-und Überlebenschancen kontrovers diskutiert (vgl. . Dennoch gerieten die Grundfragen der theoretischen Debatte scheinbar ebenfalls aus dem Blickfeld. Dies zugun¬ sten von weltmarktintegrierter Entwicklung, wie sie kurzfristig und allein von den «Tigerstaaten» vorge¬ macht zu sein schien, ferner von Theorien mittlerer Reichweite und Ansätzen, die stärker auf lokale und regionale Bedingungen abhoben. Letztere Entwick¬ lungsfortschritte scheinen jenseits des Weltmarkts in Nischen eines adäquaten Umfelds und stärker in Indi¬ viduen und Kleingruppen verankert zu sein. Globale Disparitätenentwicklung rückte in den Hintergrund, als die Auseinanderentwicklung innerhalb der «Dritten Welt» überkommene theoretische Erklärungsansätze zu diskreditieren schien. Das Unbehagen über Global¬ theorien stimmte in den Missklang und die Frustration über die geringe bzw. verfehlte Wirkung von Entwick¬ lungszusammenarbeit und die tatsächlich praktizierte Entwicklungspolitik ein. Das NichtZustandekommen einer «Friedensdividende» aus den verfügbaren Mit¬ teln nach Ende des Kalten Krieges zugunsten von Entwicklungsvorhaben nährte ebenso das Gefühl von Ohnmacht und Enttäuschung wie die Erkenntnis, dass die «weißen Flecken auf der Landkarte» (Kaplan 1996; Menzel 2000) möglicherweise zunehmen. Die Stagnation der Entwicklungsforschung schien ihren Lauf zu nehmen, als dankenswerterweise die konsequenten Sachwalter und unerschütterlichen Ver¬ fechter der entwicklungstheoretischen Debattedie Redaktionsmitglieder der Zeitschrift «Peripherie»an frühere Bemühungen anknüpften (Hein 1981), den Stand der Debatte in einem programmatischen Doppelheft unter dem Titel «Die Entwicklungstheo¬ rie ist tot -Es lebe die Theorie globaler Entwick¬ lung!» (Brand et al. 1997) beleuchteten und syste¬ matisch in einer Fachübersicht gliederten (Tab. 1). Hier wird eine mögliche Auffächerung der parallel laufenden Diskussionsstränge präsentiert, die sich mit Fragen der Entwicklung im engeren Sinne von Sozio¬ logie, Ökonomie und Geographie auseinandersetzen. Das Spektrum und die Spannweite wären durchaus noch erweiterbar, wie Reinhold Thiel (1999) in der Buchpublikation einer mehrjährigen in der Zeit¬ schrift «Entwicklung und Zusammenarbeit» anregend geführten und von Franz Nuscheler (1998) immer
doi:10.5194/gh-58-2-2003 fatcat:xj7ivpcaqveq5g3xwcz57scyoe