CARLYLE UND SCHILLER

FROHWALT KÜCHLER
1903 Anglia. Zeitschrift für englische Philologie  
Carlyle nimmt in der ganzen englischen litteratur dadurch eine ausnahmestellung ein, dass kein zweiter Engländer in dem masse unsre deutsche litteratur studiert und sich an ihr gebildet hat wie er. Darum ist es denn auch eine besonders verlockende aufgäbe für den deutschen litterarhistoriker, zumal in unsrer zeit der vergleichenden litteraturgeschichte, der inneren entwicklung Carlyles nachzugehen und den prozess seiner auseinandersetzung mit unsrer litteratur zu verfolgen. Wie lohnend diese
more » ... ie lohnend diese aufgäbe ist, wenn man nicht bloss wie Streuli*) an der Oberfläche haften bleibt, sondern tiefer schürft, zeigt in glänzender weise der vor zwei jähren in dieser Zeitschrift erschienene grosse aufsatz von Kräger, "Carlyles Stellung zur deutschen Sprache und Litteratur. 2 ) Aber er zeigt auch zugleich, wie ausserordentlich reich das gebiet ist, das sich dieser forschung eröffnet, nach wie vielen Seiten es sich noch weiter verfolgen lässt, auf die Kräger nur den ausblick eröffnet hat. Und es muss umsomehr verlocken, seine Untersuchungen weiter fortzuführen, als man es bei ihnen nach beiden Seiten mit ebenso bedeutenden wie anziehenden erscheinungen zu thun hat, auf der einen seite mit unsrer klassischen litteratur und Philosophie, auf der ändern mit einer so fesselnden, eigenartigen Persönlichkeit wie Carlyle. Von diesen erwägungen ausgehend, habe ich mir die aufgäbe gestellt, Carlyles Verhältnis zu Schiller nach allen seinen Seiten, d.h. Carlyles beschäftigung mit Schiller, seine anschauungen über ihn und seine innere beeinflussung durch II. Carlyles beschäftigung mit Schiller bis zum "Life of Schiller" (1820-23). Zu anfang des Jahres 1819 hatte Carlyle begonnen, Deutsch zu lernen, im sommer des nächsten Jahres las er zu Mainhill, der einsamen väterlichen farm, wo er die ferien zubrachte, Schillers werke, die ihm Mr. Swan von Kirkcaldy durch seine korrespondenten in Hamburg besorgt hatte. 1 ) Streuli führt dazu eine 50 jähre später niedergeschriebene äusserung Carlyles an: "Ich erinnere mich noch wohl, wie die bogen von Schillers werken in Mainhill ankamen und wie ungeduldig ich ') Fr I, 90. wartete, bis der buclibinder von Annan seine arbeit an ihnen gethan hatte." ! ) Aus dem anfange des Jahres 1821 haben wir die ersten direkten Zeugnisse von Carlyles beschäftigung mit Schiller. Am 2. Januar 1821 meldet er seinem bruder Alexander, dass er ein stück aus Schillers "Dreissigjährigem Kriege" übersetzt und an den verlag von Longmans and Co. nach London gesandt habe. 2 ) Nach Froude 3 ) wollte er bereits damals Schillers sämtliche werke übersetzen, fand aber keinen Verleger dafür. Ein brief vom 18. März 1821 an seinen Jugendfreund Kobert Mitchell zeigt, dass er damals den "Wallenstein" las: "The colossal Wallenstein with Thekla the angelic, and Max her impetuous lofty-minded lover, are all gone to rest; I have closed Schiller for a night." 4 ) In dem ersten briefe an Jane Welsh vom 28. Juni 1821 spricht er die hoffnung aus, mit ihr um die zeit des Oktobers die lektüre "Lessings, Schillers und der übrigen" zu beginnen. 5 ) Am 1. September wiederholt er dies und fügt hinzu, wie sehr er sich freue, die Schönheiten Schillers und Goethes zum ersten male mit einer mitfühlenden seele zu gemessen: "I never yet met with any to relish their (Schiller's and Goethe's) beauties; and sympathy is the very soul of life." 6 ) Sie schreibt denn auch einer freundin, Eliza Stodart, in einem briefe, den der herausgeber -Ritchie, der grossneffe jener freundin, wohl mit recht "early in 1822" ansetzt: "Mr. Carlyle was with us two days, during the greater part of which I read German with him."") In Carlyles briefen hören wir jedoch in der nächsten zeit nur von seinen eignen schriftstellerischen planen. Erst am 25. Juli 1822 teilt er seinem bruder John mit, dass ihm der verlag von Oliver and Boyd die annähme einer Übersetzung des "Teil" halb zugesagt hat, und er bittet deshalb, ihm das werk, das er daheim gelassen hatte, mit der nächsten wasche zu senden. 8 ) Zu dem um diese zeit entstandenen von Froude mitgeteilten gedichte auf die befreiung der Schweiz 9 ) ist er vielleicht durch die lektüre des 'Teil' inspiriert worden. Ebenfalls im Juli 1822 erinnert er Jane, dass sie ihm nicht geschrieben habe, welches stück Schillers sie gegenwärtig lese 0 Streuli s. 29. ') EL I, 311. ·) Fr I, 97. 4 ) EL I, 332. ») EL I, 355. e ) EL I, 370. 7 ) EL -JW p. 42. 8 ) EL , 103. ') Fr 1,172.
doi:10.1515/angl.1903.1903.26.1 fatcat:izhac3a7ibdv5kq4lyws2bmf3q