Ein Muttergottesbild von Hermann tom Ring

Paul Pieper
2017
Im Jahre 1955 hat der Verfasser in dem von ihm herausgegebenen und durch einen Katalog ergänzten Buch seines im letzten Kriege gefallenen Kollegen und Freundes Theodor Riewerts über die Malerfamilie tom Ring ein Bild abgebildet und besprochen, das ihm damals im Original nicht bekannt war1. Kenntnis und Abbildung beruhten auf einer schlechten Reproduktion, die den Rang des Werkes kaum erkennbar machte. Das Bild hatte sich früher in der Sammlung des Amtsrichters Conradi in Miltenberg befunden,
more » ... enberg befunden, 1904 gelangte es durch eine Auktion bei Hugo Helbing in München in den Besitz des Miinchner Malers Prof. Mali. Seitdem war die Tafel verschollen. Wenige Jahre nach Erscheinen des Buches, 1958, tauchte das Bild im Frankfurter Kunsthandel auf und konnte zunächst als Leihgabe gezeigt, 1960 endgültig für das Landesmuseum in Münster erworben werden (Abb. i)2. Der Bestand an Werken der Malerfamilie tom Ring im Landesmuseum erhielt dadurch einen neuen Akzent. Handelt es sich bei dem Bilde doch um das einzige selbständige Madonnenbild, das von dem Maler erhalten blieb. Auch von dem Vater Ludger d. Ä. und dem Bruder Ludger d. J. tom Ring sind Bilder dieses Themas nicht überliefert, so sicher es sie ursprünglich gegeben hat. Allerdings war das Bild, als es in das Museum kam, nicht mehr ganz in dem Zustand, wie ihn die alte Abbildung zeigt. Diese nämlich hat auf dem dunklen Grund, dem rundbogigen Abschluß folgend, einen Spruch in hellen Buchstaben: Ecce virgo concipiet et pariet filium et vocabitur nomen eius Emanuel. Butirum et mel commedet, ut sciat reprobare malum et eligere bonum. Esa. 7. (Abb. 2). Es sind die bekannten Worte bei Jesaja 6, 14-15, die im Mittelalter immer wieder als Prophetie der Geburt Christi betrachtet wurden. In unserer Wiedergabe wurden die Worte fotografisch in die Aufnahme einkopiert. Heute sind die zweifellos ursprünglichen Sätze, die einen neueren Besitzer des Bildes gestört haben müssen, ganz getilgt. Die den Bildrand unterstreichenden Worte sind ein Kompositionselement, gleichzeitig aber geben sie in betonter Weise dem Betrachter den Sinn des Bildes bekannt. Es zeigt in Maria und dem Kind, anknüpfend an das Wort des Jesaja, das Wunder der Geburt und der unbefleckten Empfängnis. Mag dieser Sinn auch in den zahlreichen Madonnenbildern der Zeit mit enthalten sein, so stellt ihn der münstersche Maler doch klar und unmißverständlich heraus. Damit ist schon ein Hinweis darauf gegeben, wie das Bild betrachtet sein will, dem wir uns jetzt im einzelnen zuwenden. 1 Das Muttergottesbild des Hermann tom Ring Die Halbfigur Marias erscheint hinter einer Brüstung aus lichtbraunem Holz, vor schwarzem Grund, den sie, rechts und links weit ausgreifend, bis an den Rand, zu dem runden Abschluß hin, bis an die zu ergänzende Schrift füllt. Den Raum links und rechts des Hauptes beleben der wehende Kopfschleier und der Lilienzweig, den der Knabe hält. Der Aufbau der Gestalt ist frontal, nur der Kopf neigt sich leicht aus der Mittelachse nach links, um dem Kindeskörper rechts ein Gegengewicht zu schaffen. Auch sonst ist mit Entsprechungen zwischen links und rechts gearbeitet, der Teller mit den Kirschen unten links etwa korrespondiert mit den Lilien oben rechts. Das Ganze, aufgebaut auf dem Sockel der Brüstung, ist in hohem Maße von Ausgleich und Harmonie bestimmt. Der Eindruck ist, anders als bei vielen, insbesondere niederländischen Madonnenbildern dieser Zeit, der von Feierlichkeit und Würde, von fast sakraler Strenge, bei aller Menschlichkeit, mit der der Vorwurf behandelt wird. Mit der umlaufenden gelben Schrift war dieser Eindruck gewiß noch intensiver. Dargestellt ist in sehr diskreter Form eine kleine Handlung. Maria hat das schon recht herangewachsene dralle Kind eben an ihrer Brust genährt und greift nun zu den Früchten auf dem Teller, um Christus eine Kirsche zu reichen. Dieser stützt sich mit dem Händchen, das gleichzeitig den Lilienzweig hält, auf die Mutterbrust und zeigt mit dem Finger auf die
doi:10.11588/azgnm.1964.0.38487 fatcat:x3mj6jrhcbcnjlaqzm2gbhcstu