Zur Symptomatologie und Pathogenese des Morbus Basedowii1)

Armin Huber
1888 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Am 24. Januar 1888 wurde auf die medicinisehe Klinik des Herrn Professor Eichhorst eine Kranke mit Morhus Basedowii hereingeschickt, deren aussergewöhnliches Symptomenhild vielleicht beanspruchen darf, für kurze Zeit die Aufmerksamkeit auf sie zu lenken. Es liegt mir durchaus ferne, bei diesem Anlasse eine erschöpfende Darstellung der Basedow'schen Krankheit geben zu wollen, sondern mein Zweck ist lediglich der, einige Punkte etwas näher zu betrachten, die bei der Untersuchung unserer Kranken
more » ... g unserer Kranken in die Auge fallen. I)ie A n am n e se , wie sie klinisch aufgenommen wurde, ist folgende: Emma G., 19 Jahr alt, Plätterin. Der \'ater der Patientin starb in seinem 47. Jahre an einem Schlaganfalls ; !utter und ältere Geschwister der Patientin leben und sind gesund Pat. selbst will als Kind stets gesund und kräftig gewesen sein und hat keine Kinderkrankheiten durchgemacht. In ihrem 13. Jahre litt die Kranke mehrere Monate an Bleichsucht, mit grosser Schwtche, vielem Herzklopfen und Schwindelgefühl. Dabei bestand sehr heftiges und häufiges Erbrechen, neben grosser Appetitlosigkeit. In ihrem l. .Jahre traten die Menses hei der Patientin ein und damit wieder eine heftiger werdende Bleichsucht, an welcher Patientin in leichtem Grade immer noch litt. Die Periode trat stets unregelmässig auf ( oft in Zwischenräumen von 8 Wochen) und war stets schwach und von kurzer Dauer. Oefters setzte dieselbe ein ganzes 1/4 Jahr aus. Das jetzige Leiden der Patientin soll im Sommer 1884 seinen Anfang genommen haben. Die Kranke machte damals (im Juli) einen Ausflug. Sie wurde von einem Gewitter überrascht, sass dann in der Zugluft, nachdem sie ziemlich stark hatte laufen müssen, und glaubt sich dabei erkältet zu haben. Noch an dem gleichen Tage bekam sie einen »Krampf" in der linken Hand, wobei sich die Finger zur Faust ballten. Patientin konnte bis zum Mittag des anderen Tages die Hand nicht öffnen. Noch in der gleichen Woche bemerkte Patientin beim Stricken ein Zittern ihrer linken Hand und verspürte auch häufig Schmerzen und Zuckungen in (len Fingern derselben. Patientin konnte in der Folgezeit nicht mehr stricken und nähen wegen des andauernden Zitterns, fiel auch im Hause oft durch ihre Ungeschicklichkeit auf (zerbrach sehr viel Geschirr). Auch stellten sich in der Folgezeit Anfälle von tonischen und klonisehen Krämpfen im linken Arm ein. Bald waren nur die Finger zur Faust geballt und die Hand konnte dann kurze Zeit nicht geöffnet werden, bald war der Arm lui Ellenbogenund Handgelenk maximal flectirt und vollständig steif in dieser haltung, bald trat ein Zittern der Hand oder auch des ganzen Armes ein. Die Anfälle traten in wechselnden Zwischenräumen (l-8 Tage) und dann immer zu mehreren an einem Tage ein. Eine Ursache für ihr Auftreten weiss Patientin nicht anzugehen; geistige Aufgeregtheit und körperliche Anstrengung sollen dieselben nicht hervorgerufen haben, doch giebt die Kranke an, dass die Anfälle hei Regen und Kälte (dieselben Umstände, bei denen der allererste Anfall eingetreten war) häufiger gewesen seien. Im Frühjahr 1885 wurde Patientin von einer Freundin darauf aufmerksam gemacht, dass ihr linker Arm kürzer als der rechte und auch die linke Hand etwas kleiner als die andere sei. Patientin giebt zu, dass dies damals in der That schon der Fall gewesen, aber nicht so auffallend wie jetzt. Im Mai 1885 consultirte Patientin einen Arzt, eben wegen dieser Verkürzung; dieser legte aber wenig Werth darauf und gab ihr etwas zum »Einreihen'. Der Zustand besserte sich in keiner Weise. Patierin wurde deshalb in der Folgezeit gar nicht mehr ärztlich behandelt. 1) Nach einem Vortrag mit Demonstration, gehalten in der Gesellschaft der Aerzte von Zürich. Es fiel unserm Kranken im Jahre 188G auf, dass das Hoben des linken Armes über die Horizontale hinaus ihr unmöglich und der Versuch allein schon schmerzhaft war. hrn Frühjahr 1887 bemerkte Patientin, dass die leichte Struma, die sie schon ziemlich lange besass, anfing zu schwellen. Sie machte deshalb Einreibungen mit Jodsalbe. Herzklopfen bestand nicht in vermehrtem Maasse und überhaupt nur bei Anstrengungen, wie Patientin es seit ihrer Erkrankung an Bleichsucht nicht anders gewohnt war. Auch soll ein Hervortreten der Bulbi damals nicht beobachtet worden sein. Im November 1887, als die Schwester der Patientin krank war und der Arzt in's Haus der Patientin kam, wurde nun wieder eine Behandlung derselben begonnen, vorerst mit dem faradischem Strome, später mit dem constanten Strome, indem ein Pol in die Gegend der Halswirbelsäule, der andere 5 Minuten lang auf die Kreuzbeingegend und dann labil auf der Wirbelsäule aufgesetzt wurde. Inzwischen hatten sich noch Schmerzen in der Halswirbelsäule eingestellt. Es wurde der Patientin vorn Ärzte dauernde Bettruhe verordnet, Diese Behandlung wurde sieben Wochen lang fortgesetzt, da aher die Kranke glaubte, dass sich ihr Zustand dabei verschlimmerte, wurde datait sistirt. Die Patientin glaubte bemerkt zu haben, dass während dieser Zeit das Zittern in den Beinen zuerst aufgetreten sei, auch sollen jetzt der Umgebung (lie »grossen Augen" unserer Kranken aufgefallen seul. Patientin hat auch oft während dieser Zeit schlecht geschlafen, wurde viel durch schreckhafte Träume geweckt, ist auch einige Male in der Nacht aufgestanden, und im Hause herumgelaufen. Auch die Mutter unserer Kranken bestätigt vollständig die Aussage der Kranken, dass vor Allem iieben deco Zittern eine ganz allmählige Abmagerung des linken Arms. besonders in der Hand, aufgefallen sei, die erst sehr spät zu einer ganz allmählig und nicht hochgradig sich entwickelnden Schwäche in der Hand und im Arm geführt hätte. Druck auf die Muskulatur des linken Arms sei, wie die Patientin sagt, nie schmerzhaft gewesen, auch seien die Schmerzen im Arme, von denen sie gesprochen, nur jeweilen in Verbindung mit Zuckungen ganz vorübergehend aufgetreten. Status praesens. Wir haben es zu thun mit einer Kranken von mässig kräftigem Knochenbau, ziemlich gut entwickelter Muskulatur und eher etwas stark entwickeltem Panniculus adiposus. Die Pat. fällt sofort auf durch einen erstaunten, fast entsetzten Gesichtsausdruck, dessen Aetiologie unzweifelhaft in einer Protrusio buh bi mässigen Grades zu suchen ist. Der Ex«phthalmus ist beiderseitig gleich stark entwickelt, von der ScIera sieht man heim Geradeaussehen unten beiderseits etwa einen Streifen von I mm Breite. Incongruenz der Mitbewegung der Oberlider mit Veränderung der Visirehene (Gra efe's Symptom) besteht nicht. Die Bulbi sind nach alleii Seiten frei beweglich. Beide Pupillen sind gleich weit, reagiren gut, sind kreisrund. Die Skieren rein weiss. Conjunctiven you etwa normaler Injection. Der Augenhintergrun(h erscheint intact, kein Arterienpuls wahrzunehmen. Die Gesichtshaut bietet mit Ausnahme reichlicher Epheliden kaum etwas Ahnormes, Kopfhaar dünn, etwas spärlich, normale, beiderseits gleiche Wangeriröthiing. Pat. hört und sieht gut, nur giebt sie an, dass ihr beim Lesen häufig Schwarz vor den Augen werde, und dass sie dabei leicht ermüde. Die Zunge, die gerade heraus gestreckt wird, zeigt leichte Zitterbewegungen. Was nun weiter an der Pat. auffällt, da.s ist cine ganz bedeutende doppelseitige Struma, die links etwa Gänseeigrösse, rechts etwa Hühnereigrösse erreicht.. Beide Strurnen fühlen sich derb elastisch, glatt an, Druck auf die rechtsseitige ist etwas schmerzhaft, aber nirgends Röthung der Haut wahrzunehmen. Ziemlich lebhaftes Carotidenhüpfen beiderseits. Urn uns gleich nach dein dritten Merkmal der allbekannten. Symptomentrias der Basedow'scheri Krankheit umzusehen, nämlich der beschleunigten Herzaction, so ist der Spitzenstoss des Herzens sehr kräftig, hebend und verbreitert im 5. Intercostalrauni zu fühlen, am deutlichsten in der Mammullarlinie, aher nach liiiks noch mindestens 2 cm über dieselbe hinaus zu verfolgen. Ueber der ganzen Herzgegend fühlt man einen kräftigen diffusen Herzstoss. Die grosse Heredämpfung beginnt am oberen Rande der dritten Rippe, reicht. nach rechts J cm über den rechten Sternalrand, nach links mit dem Spitzenstoss abschliessend, ebenso nach unten. Die Herztöne sind völlig rein, sehr kräftig. Der Radialpuls ist ganz bedeutend beschleu-Donnerstag tilf 36. 6. September 1888.
doi:10.1055/s-0029-1208562 fatcat:33ye4fpimvayhj2vs24clyyixu