Die Tschechen und Slowaken in Wien und Niederösterreich (1526–1976)

Gerhart Pichler
2016
hl e r 1. Wiens handelspolitische Bedeutung Wiens geschichtliche Bedeutung basiert auf seiner geographischen Lage und seiner Verbundenheit mit dem Herrscherhaus. Beide Faktoren bedingten den Wandel von der Grenzstadt zur politischen und wirtschaftlichen Zentrale des Großstaates. Wiens einmalige Lage -an der schiffbaren Donau, am Ausgang der Ostalpen und am Rande des pannonischen Raumes -bot die natürlichen Voraussetzun gen, Mittelpunkt eines Großreiches zu werden. Gelegen am Schnittpunkt der
more » ... Schnittpunkt der Ver kehrswege von West nach Ost, von Nord nach Süd, entwickelte sich Wien zum Umschlagplatz des Nordosthandels. Uralt ist der Verkehrsweg längs der Donau nach dem Morgenland, uralt auch der Weg von der Ostsee zur Adria. Der Strom verband Wien mit dem Westen und war Vermittler nach dem Orient. Doch die Donau war nicht nur Verkehrsader. Sie war bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts bevorzugte Kreuzzugsstraße. Wien war die letzte Station des Abendlandes auf dem Marsch nach dem Osten, war Sammelplatz der Kreuzzugsheere und bot eine letzte Möglichkeit zur Vervollständigung der Ausrüstung. Doch den entscheidend sten Impuls erhielt Wien dadurch, daß es zur Hauptstadt des Landes, zur Residenz eines mächtigen Fürstengeschlechtes gemacht wurde. Durch die bewußte Förderung dieser Handelsposition seitens der Dynastie konnten sich die geographischen Vor teile erst entfalten. Diese Verhältnisse bedingten auch, daß Wien häufig in kriege rische Auseinandersetzungen verwickelt war; denn der Besitzer der Stadt bestimmte auch das politische Geschehen im Donauraum. 2. Die Erwerbung Böhmens und Ungarns Wahrlich, an Versuchen fehlte es nicht, die Gunst der Stunde zu nutzen. Das Aussterben der Staufer und Babenberger ermöglichte es den Přemysliden wie den Arpaden, die Errichtung einer südostdeutschen Macht in Angriff zu nehmen. Nur war Ottokars Vorhaben, durch die Erwerbung Österreichs ein Reich zu schaffen, das von der Elbe bis zur Adria reichen sollte, aussichtsreicher als der Versuch Belas IV., den mitteleuropäischen Donauraum von Ungarn her zu erschließen. Otto kar gewann zwar den Kampf um die führende Rolle, doch war seine Herrschaft nur von kurzer Dauer; denn die Wahl des Habsburger Grafen Rudolf zum deut schen König vernichtete schlagartig seine ehrgeizigen Pläne. Das Verdienst der Einigung gebührt den Habsburgern, die die beherrschende Lage Wiens zum Ausgangspunkt ihrer Hausmachtpolitik erkoren. Ihnen blieb es
doi:10.18447/boz-1982-3642 fatcat:uhj76butavdq7nqnghppeffhtu