Ein Fall von reiner isolierter Aortenstenose nach Unfall

Fritz Schlesinger
1918 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
40 Jahre alt, ist erblich nicht belastet. Er selbst hatte außer KinderLrankbeiten und einigen unbedeutenden Unfällen keine sonstige Erlra*ung. Im Oktober 1896 fiel Patient vom vierten Stockwerk eines Neubaues auf das Nachbargrundstiick, welches zwei Stockwerke hoch war, und von dort auf die Erde. Patient blieb bewußtlos liegen, wurde in das Diakonissenhaus Sarepta gebracht und erlangte am vierten Tage cias volle Bewußtsein wieder. Wie ihm erzählt wurde, war er mit dem Hinterkopfe auf den
more » ... opfe auf den Fensterrahmen eines offenstehenden Fensters geschlagen und hatte Wunden am Hinterkopf e davongetragen. Auch waren Glassplitter aus den Wunden entfernt worden. Mit Erlangung des Bewußtseins klagte der Kranke über Stiche in der Herzgegend und Luftbeschwerden. Nach dreimonatiger Bettruhe wurde er entlassen. Nach der Entlassung hatte er häufig Schwindelanfälle, welche auch heute noch öfter vorkommen, ferner Stiche in der Herzgegend und Luftbeschwerden. Ende Dezember 188 infizierte sich Patient mit Syphilis. Er fand Januar 189e Aufnahme in der Oharité und machte dort eine Quecksilbersehmierkur durch. Seitdeni will er von der Erkrankung nichts mehr gespürt haben. Am 11. Juni 1917 wurde Patient Soldat. Während seiner vierwöchigen Ausbildungszeit mußte er häufig wegen Schwindelanfällen aussetzen. Am 13. Juli kam er zum Garnisonregiment. Aber auch da hatte er Sehwindelanfäile und mußte sich am 16. August krank melden. Etwa acht Tage später bekam er Schmerzen am rechten Fuße und wurde, deshalb am 1. September nach dem Reervelazarett Nord" verlegt. Auf nalimobef und: Mitte]gÈoßer, schlanker Mann mit blasser Gesichtsfarbe. Die Nasenflügel namentlich beim Sprechen gebläbt. Rechter Fußrücken gerötet und geschwollen. Lungen ohne Befund. Herz: An derSteile des Spitzenstoßes eine starke, 7 cm breite, systolische Erschütterung des Brustkorbes im fünften und sechsten Zwischenrippenraum, die Bru stwarzenlinie 31/2 cm. nach außen überrsgend. Lautes, schabendes, systolisches Geräusch über allen Klappen, am lautesten über der Aorta, von da nach der Herzspitze hin allmählich leiser. Fortleitung des Geräusches in die Karotiden. Die zweiten Töne auffallend leise, aber rein. Der zweite Pulmonalton nicht verstärkt. Dicht neben dem Brustbein im zweiten und dritten rechten Zwischenrippenraum fühlt die aufgelegte Hand ein deutiiches systolisches Schwirren; dagegen ist daselbst weder sichtbare noch fühlbare Pulsation fetzutellen. Keine Vorwölbung des Brustkoibes, keine Dämpfung. Puls regelmäßig, klein, leicht unterdrückbar, etwa 80 Schläge in der Minute. Keine Puisdifferbnz. Blutdruck 95/65. Wa.R. negativ. Keine Oedeme, keine Schwellung von Leber und Muz. Dié Fußerkrankung, wegen deren Patient in das Reservelazarett aufgenommen wurde, stellte sich als syphilitischeKnochenerkrankiing heraub. Auf Jodkalilösung ging sie schnell zurück. Da Patient sich mit Syphilis infiziert hatte, könnte man geneigt sein, das Herzleiden als Folge von Syphilis aufzufassen. Dagegen sprechen indessen gewichtige Gründe. Die Art der Erkrankung hat nichts für Syphilis Oharakteristisches. Ferner war Patient, der or seinem1896gehabten Unfall ohne Besckwerden dio schwere Arbeit eines Zimmermanns verrichten konnte, nach dem Unfall, also schon in der Zeit vor der 1898 erworbenen Infektion, infolge von Herzbeschwerden und Schwh'deianfällen zu keiner schweren Arbeit mehr fähig. Endlich wurde mir auf Befragen vom Diakonissenhau Sarepta der Bescheid, daß Patient dort vom 12. Oktober bis 31. Dezember 1896 mit der Diagnose Aneurysma aortae traumaticum" gelegen hat. Eine Krankengeschichte war leider nicht mehr vorhandon. Wahrsoheinlich besteht ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der Herzerkrankung und dem Unfaile, wenn es sich auch, wie weiter unten ausgefiíhrt werden wird, nicht um ein Aortenaneurysma gehandelt haten dürfte. Die oben angegebenen klinischen Symptome berechtigen zi der Diagnose einer reinen Aortenstenose. Eine zugleich bestehende Mitralinsuffizienz, zu deren Annahme das auch an der Spitze noch recht deutlich horbare systoli ehe Ge räusch verleiten hönnté, ist sicher auszuschließen. Nach so langer Zeit des Bestehens würde es zu einer Verstärkung des zweiten Pulmonaltons gekommen Sein die hier nicht besteht Das Mtralgerausch ist nur fortgeleitet. Dafür spricht auch sein gleichmäßig allmähliohes Abschwellen von der Aortenklappe nach der. Herzspitze zu. Auch die Eontgenuntersachung auf die ich noch zuruckkomme, ergibt nichts was für eine gleichzeitig bestehende Mitralinsuffizienz sprechen würde. . Auch eine Kombination mit Aorteninsuffiiienz liegt nióbt vor. Dagegen spricht der durchaus reir'e zweite Aortenton und das Fehleñ sonstiger Zeichen von Aorteninsuffizienz. Um ein arteriosk.lero.tisches Geräusch kann es siöh nicht handeln. Daggen sprechen der niedrige Blutdruck sowie das. Fehlen sonstiger . Zeichen von Sklerose. Wie steht es nun . mit der Annahme eines Aortenaneurysmas, dessec Bestehen seinerzeit in Salepta angenommen wurde? Die auf. fallend starke Verbreiterung des linken Ventrikels sowie der wohl 1eise aber durchaus reine zweite Aortenton sprechen eher. für eine Aorteitnose als fur ein Aneurysma Auch hätte man bei einem Aneurysma, wenn es schon vor 21 Jahren klinische Symptome gemacht hätte, in der langen Zeit zumal nach der syphilitisehen Infektion und der ungeniigenden antiluetischen Behandlung bei normaler Weite der Aortenklappe eine starke Entwicklung erwarten müssen mit dem sonstigen für Aneurysma charakteristischen Symptoinenkomplex: Vorwölbung des Brustkorbes, Pulsation, Pulsdifferènz, Dämpfung, Rekurrenslähmung u. a. Nichts von alledem ut hier nachweisbar. Auch die röntgenologische Untersuchung gibt für Aneurysma keinen Anhaltspunkt. Das Herz erscheint auf dem Schirm in außerordentlich stürmischer Bewegung. Auch die Aorta macht deutlich sichtbare Schleuderbewegung, sowohl in ihrem ansteigenden Teile wie auch im Bogen und dem Anfange des absteigenden Teiles. Sie scheint etwas verbreitert zu sein. Der Schatten der verbreiterten Aorta hebt sich namentlich am Aortenbogen in auffallender Hello vom dunkleren Herrschatten ab. Offenbar hat sich als Unfallfolge mit .der Zeit eine Aortenstenose entwickelt und seinerzeit die Erseheinungen eines Aortenaneurysmas vorgetäuscht. Es hat sich dann infolge der durch den Unfall entstandenen Schädigung der Aortengefäßwand (Blutungen unter die Intima) ein Locus minons resistentiae gebildet, an dem sich, begünstigt durch die spätere syphilitische Inlektion nunmehr allmahlich eine Erweiterung der Aorta entwickelt Wenn e noch nicht zu einem Aneurysma gekommen ist so liegt das wahrscheinlich an der Enge des Aortonldappen1umens und der dadürch bedingten Scbwächè des systolischen Blutanpralis. Es ist natürlich nicht ausgeschlossen, daß sich mit der Zeit ein wirkliches Aorten. aneurysma entwickelt, wenn seine Bildung nicht durch weitere dem Patienten empfohlene antiluetisebe Kuren verhindert wird. Zurzeit aber handelt e sich hier um eine reine isolierte Aortenstenose. Ich habe den Fall differentialdagnostiscli absichtlich etwas ausftihrlicher behandelt, weil eine reine Aortenstenose zu den größten Seltenheiten gehört. Henechen') hat in 3Ojähriger klinischer Tätigkeit auf dem Sektionstisch nur drei Falle von remer isolierter Aortenstcnose ge sehen. Alle übrigen Fälle waren mit Aorteninsuffizienz oder Mitralklappenfehiern verbunden. Die drei festgestellten Fälle betrafen über 60 Jahre alte Patienten. Die Stenose war in diesen Fällen arteriosklerotischer Natur. Reine Mitralstenosen sowie Aortenstenosen in Verbindung mit anderen K1appenfebiern sind des öfteren als Unfailfolgen beobachtet worden. Dagegen finde ich in der mir zugänglichen LiLratur nur vier Fä1I reiner isolierter Aortenstenose. Also auch als Unfallfolge gehöit die reine isolierte Aortenstenose zu den größten Seltenheiten. Wie hat man sich nun pathologisch-anatomisch die Entstehung unseres Falles zu erklären? Patient hat bei dem Unfall, abgesehen von der unbedeutenden Kopfverletzung, keine äußeren Verletzungen davongetragen. Der 1) Erfahrungen über Diagnostik und Klinik der Herzklappinfehler. Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0028-1134409 fatcat:jd7dmc5ndjdxjel3rfurmivsry