Durch Tod zur Macht, selbst über den Tod [chapter]

Annette Zgoll, Christian Zgoll, Annette Zgoll
2019 Mythische Sphärenwechsel  
Unfreiwillige Abstiege ins Totenreich: En-me-šara, Ḫarab, Nergal, Dumuzi und andere Darunter sind Mythen, die von einem unfreiwilligen Abstieg von Gottheiten berichten, welche gezwungenermaßen ins Totenreich transferiert werden. Einerseits erzählt man solche Mythen über die ältesten, uranfänglichen Gottheiten wie En-me-šara und seine Söhne 1 , über eine Gruppe von Göttern, die als "tote" bzw. "gebundene Götter" namenlos bleiben 2 , oder über Gottheiten wie Ḫarab, "Pflug", Šakkan, Gott der
more » ... kan, Gott der Steppentiere, oder Numina wie Meer, Fluss und andere, die weit verbreiteten Sukzessionsmythen zufolge von der Oberwelt || 1 Vgl. Lambert 2013, 281-298. 2 Erwähnt z. B. im Mythos über die Erhöhung Marduks, schriftlich konkretisiert im epischen Preislied Enūma elîš. Edition: Kämmerer/Metzler 2012, Lambert 2013; vgl. die inhaltliche Analyse durch Gabriel 2014. Durch Tod zur Macht, selbst über den Tod | 85 in die Unterwelt verbannt werden 3 . Diese als uralt oder uranfänglich angesehenen Gottheiten werden in die Unterwelt verbannt und verbleiben dort. In etlichen Fällen handelt es sich dabei um Gottheiten, die den religiösen Vorstellungen und der kultischen Praxis zufolge diesem Raum immer schon zugehörig sind bzw. diesen Raum der unteren Welt verkörpern 4 . Ein Sonderfall liegt mit Nergal vor, der nach dem aus der Mitte des 2. Jahrtausends in babylonischer Sprache überlieferten mythischen Epos Nergal und Ereš-ki-gal unfreiwillig ins Totenreich muss, dort aber zum Herrscher wird 5 . Eine andere Untergruppe der unfreiwilligen Sphärenwechsel ist dadurch charakterisiert, dass eine Gottheit zwar sterben und d. h. sich im Totenreich aufhalten muss, dass aber, z. B. auch durch andere Mythen, bekannt ist, dass sie aus dem Totenreich wieder zurückkehren kann. Bekanntester Vertreter solcher Gottheiten ist Dumuzi/Tammūz 6 . Weitere solche Gottheiten, die zum Teil als Erscheinungsformen des Dumuzi aufgefasst wurden, sind unter den Namen Damu, Ama-ušumgal-Ana, Nin-azu, Nin-ĝeš-zida, Alla etc. bekannt 7 . Eine frühe Bezeugung eines solchen Sphärenwechsels stammt aus frühdynastischer Zeit (Mitte 3. Jahrtausend), und hat sich unter anderem in Ebla erhalten. Hier geht es nach der Deutung durch M. Krebernik vermutlich darum, dass Ama-ušumgal-Ana aus der Unterwelt hervorgekommen ist. Innana wird dabei als "Buchführerin" genannt 8 . Im Umfeld dieser Mythen finden sich außerdem auch solche von || 3 Ḫarab-Epos, vgl. die Edition von Jacobsen 1984 und die Übersetzungen und Interpretationen von Wiggermann 2000, Lambert 2013 und Stol (ohne Jahr). 4 Im Ḫarab-Mythos gehört Ḫarab, der "Pflug", dem unterirdischen Bereich an, weil er als Pflug im Inneren der Erde arbeitet. Der Gott der Steppentiere Šakkan wird auch in anderem Kontext als unterweltliche Gottheit angeführt: so überbringt Gilgameš ihm Gaben ins Totenreich (Gilgamešs Tod); Meer und Fluss haben einen unterirdischen Teil und gehören somit zu großen Teilen zum unterweltlichen Raum. 5 Für [enūma ilū iškunu qerēta]/Nergal und Ereš-ki-gal vgl. Ponchia / Luukko 2013. Den Hinweis auf die Sonderstellung von Nergal verdanke ich A. Cöster-Gilbert. 6 Die mythische Version seines Todes, wie sie im epischen Preislied angalta berichtet wird, wird durch B. Cuperly im Rahmen des Teilprojektes zum Antiken Mesopotamien innerhalb der Forschungsgruppe 2064 STRATA analysiert. Dabei geht es um die Rekonstruktion der Mythen-Varianten, deren Stratifikation, insbesondere im Preislied angalta, und um die situative Verortung und historische Einordnung. 7 Vgl. z. B. die Aufzählung von Gottheiten, um die man klagt, am Beginn des sumerischen Klageliedes edena u saĝake "In der Steppe, im ersten Gras", ediert von Cohen 1988, 668-703, mit der relevanten Passage 682 f (Umschrift des Sumerischen) und 691 (englische Übersetzung). -Innerhalb der Forschungsgruppe 2064 STRATA arbeitet A. Cöster-Gilbert in ihrem Dissertationsprojekt an einer Rekonstruktion der Mythen zum Sphärenwechsel ins Totenreich aus der mesopotamischen Antike. 8 Krebernik 1984, 204 f. || 11 Vgl. A. Zgoll / C. Zgoll 2019. 12 Ritual gegen böse Geister (u d u g ḫ u l ), altbabylonische Version 298-357, Geller 1985, 36-41, Standardversion des 1. Jahrtausends (utukkū lemnūtu) Tafel 4: Z. 118´-199´, Geller 2007, 114-118 // 206-208, Z. 118´-199´. 13 Der Text enthält etliche eindeutige Bezüge auf das episch gestaltete Preislied angalta. So lauten nicht nur die ersten Zeilen ganz ähnlich (siehe unten), sondern es heißt auch explizit (bislang nur etwas fragmentarisch erhalten), dass Enki dorthin geht, wohin auch die "nugeg-Himmelsherrscherin" Innana gegangen ist, d. h. ins Totenreich. 14 Aus dem 23. Jahrhundert v. Chr. stammt die Weihinschrift eines Lu-Utu für Ereš-ki-gal (vgl. Katz 2003, 352). Lu-Utu stiftet der Göttin einen Tempel und hebt hervor, dass er hier einen Wasserzugang geschaffen habe: d Ereš-ki-gal / nin ki Utu šu4-ra / Lu2-d Utu / ensi2 Umma ki -ke4 / dumu d Nin-in-sin2-ka-ke4 / nam-ti-la-ni-še3 / ki-d Utu-e3 / ki nam-tar-reda / e2 mu-na-du3 / gaba-ba / a bi2-in-gi-in / mu-be2 pa bi2-in-e3 Für Ereš-ki-gal, die Herrin des Ortes, wo Utu dunkel wird (= untergeht), hat Lu-Utu, der Stadtfürst vom Umma, der Sohn der (Göttin) Ninisina, für sein Leben / am Ort, wo (der Gott) Utu aufgeht, dem Ort, wo die Schicksale bestimmt werden, / einen Tempel gebaut. An dessen (Brust =) Vorderseite hat er einen Wasser(-Zugang) dauerhaft installiert. Dessen (= des Tempels) Namen hat er strahlend hervorkommen lassen. 15 "For Nin-ug, Nin-maš, Nin-ḫursaĝ, and for Ereškigal, the wife of Ninazu, (who) did not bathe nor rinse (their) mouths, in the Netherworld dwelling, (their) 'playground', is the temple where he made an offering." (Geller 1985, 36-41). || 128 Zu den Aufzählungen der Innana-Heiligtümer vgl.
doi:10.1515/9783110652543-003 fatcat:w457fwk6tjfc3peoaowsyugh7q