Das "Josephsspiel", ein arithmetisches Kunststück

Wilhelm Ahrens
1914 Archiv für Kulturgeschichte  
Von dem bekannten jüdischen Historiker Josephus erzählt die Legende, daß er bei Eroberung der Stadt Jotapata durch Vespasian mit 40 anderen Juden vor den anstürmenden Feinden in einen Keller flüchtete, hier aber, vor den Feinden zwar vorläufig geborgen, Gefahr lief, den Todesstreich von der Hand seiner Genossen zu empfangen, die lieber gegenseitig sich töten als den Römern in die Hände fallen wollten und die daher schon drohten, den Widerstand, den Josephus diesem Vorhaben entgegensetzte,
more » ... tgegensetzte, gewaltsam zu brechen. Von der Zwecklosigkeit gütlichen Zuredens überzeugt, machte Josephus gute Miene zum bösen Spiel und rettete sein Leben nur durch eine List, indem er nämlich für die beabsichtigte gegenseitige Niedermetzelung, zur Vermeidung einer Unordnung, einen bestimmten Modus vorschlug. Dieses von Josephus vorgeschlagene Verfahren bestand darin, daß alle sich in einer Reihe aufstellen und nun von einem Ende abgezählt werden sollte, wobei jedesmal der Soundsovielte (nach einigen Autoren der "dritte") getötet werden sollte. Und zwar war das Verfahren in der Weise gedacht, daß jedesmal nach Durchlaufung der Reihe die Zählung am anderen Ende der Reihe, also zyklisch, fortgesetzt und die ganze Abzählung so weit getrieben werden sollte, bis nur noch einer übrig war, der sich zum Schluß dann selbst den Tod geben sollte. Der Vorschlag wurde in die Tat umgesetzt, und Josephus soll die Aufstellung so vorgenommen haben, daß er als der letzte und ein besonders schwächlicher Jude, den er leicht überwältigen konnte, als vorletzter übrig bleiben mußte. Dies die Form, in der sich, von unwesentlichen Varianten abgesehen, die Legende von der wunderbaren Rettung des Josephus durch die Literatur von Jahrhunderten hindurchzieht. Immerhin ist für eine bewußt zur Anwendung gebrachte List schwerlich ein vollwertiger Beleg aufzufinden; Josephus selbst berichtet, daß das Archiv für Koltnrgofchichte. XI. 2 9 Brought to you by | New York University Bobst Library Technical Services Authenticated Download Date | 8/4/15 10:49 AM Wilhelm Ahrens Los entschieden habe und er "durch einen glücklichen Zufall oder eine Vorsehung Gottes" gerettet sei. 1 ) Die angebliche List des Josephus wird also wohl einer späteren Legendenbildung zuzuschreiben sein. Die erste Druckschrift, die das so entstandene Josephsspiel, "ludus Joseph", wie es dort zum ersten Male heißt, erwähnt, ist die "Practica Arithmeticae" des bekannten Mathematikers Cardano 2 ) (1539). Für den Mathematiker mußte das Kunststück natürlich aus prinzipiellen Gründen Interesse haben. Freilich, die Ermittelung der begünstigten Plätze in dem konkreten Falle der Josephus-Legende erfordert keinerlei mathematische Hilfsmittel, sondern kann natürlich durch einfaches Probieren -Abzählengeschehen. Außer Josephus werden noch andere als Erfinder des Kunststücks genannt, insbesondere der jüdische Gelehrte Abraham Ibn Esra (1093-1167), und für diese Form der Legende hat Daniel Schwenter (1585-1636), der bekannte Lehrer der orientalischen Sprachen und der Mathematik an der Altdorfer Hochschule, eine Quelle ausfindig gemacht 3 ), die noch älter als das soeben zitierte
doi:10.7788/akg-1914-jg07 fatcat:ydgqhin6zrginppe75h33ivohu