Giacomo Casanova oder das Europa der Liebe [chapter]

2019 ReiseSchreiben  
An dieser Stelle schließen wir unsere Beschäftigung mit dem ausgehenden 15. und dem beginnenden 16. Jahrhundert und damit zugleich mit der ersten Phase beschleunigter Globalisierung ab. Wir haben in dieser Phase Reiseberichte und Reiseliteratur sehr unterschiedlicher Herkunft, Genese und Machart kennengelernt und gleichzeitig einen Einblick in die verschiedenen Dimensionen und Bewegungen des frühneuzeitlichen Reiseberichts erhalten. Wir wollen in unserem dritten Teil der Vorlesung ja nicht eine
more » ... esung ja nicht eine Exhaustivität der Herangehensweise pflegen, sondern eine Repräsentativität der Bezugstexteund an dieser Stelle glaube ich, gute Gründe dafür zu haben, das frühneuzeitliche Kapitel unserer Vorlesung abzuschließen. Machen wir daher einen beherzten Sprung in die zweite Phase beschleunigter Globalisierung von der Mitte des 18. bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Wir werden dabei auf eine nicht geringere Vielfalt an Texten stoßen, die uns die Breite an reiseliterarischen Formen, aber auch die Entwicklungen der Gattung auf diesem Gebiet näherbringen werden. Dabei werden wir so manche Überraschung erleben. Auch für diese zweite Phase werde ich bewusst repräsentative Beispiele wählen, die es erlauben, gleichzeitig einen panoramatischen Überblick über reiseliterarische Formen und Entwicklungen zu erhalten und dabei monographische Studien zu betreiben, die uns einen Autor oder eine Autorin etwas ausführlicher vorführen. Gemäß der veränderten historischen Einstellung verändert sich aber auch der Fokus nationaler Herkunft der Reiseberichte, waren es nun doch nicht mehr Spanien und Portugal, sondern vor allem Frankreich und England, die als Führungsmächte dieser zweiten Phase beschleunigter Globalisierung ihren Stempel aufdrückten. Das Szenario der Reiseliteratur hat sich also gewandeltund mit ihm auch das Skript unserer Vorlesung. Dabei wird Sie vielleicht gerade unser erster Autor in Erstaunen setzen. Denn es wird Sie wohl überraschen, daß wir uns im monographischen Teil unserer Vorlesung, also jenen Bereich, in dem wir uns mit einzelnen Autorinnen und Autoren auseinandersetzen, ausgerechnet mit einem Schriftsteller beschäftigen, der für viele Dinge geradezu sprichwörtlich bekannt ist, aber eigentlich nicht unter der Rubrik 'Reiseliteratur' geführt und katalogisiert wird. So mag es als verwegen erscheinen, an dieser Stelle einen Schriftsteller zu behandeln, der auch auf den ersten Blick im Grunde nichts mit der epochentypischen Bewegung der Globalisierung zu tun hat, sondern eher für die Sitten der Zeit und insbesondere die Formen intimen Lebens stehen kann. Denn das Thema Liebe wird bei ihm groß geschrieben. Open Access. © 2020 Ottmar Ette, publiziert von De Gruyter. Dieses Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution-NonCommericial-NoDerivatives 4.0 Lizenz.
doi:10.1515/9783110650686-017 fatcat:62rdegkftvaq5h6gthrzpiwmq4