Zur Pathologie des Ohrknorpels

1885 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
im Jahre 1866 zuerst ausführlich einen Fall von Verknöcherung der Ohrmuschel beschrieb, glaubte er den Mangel einschlägiger Beobachtungen darauf zurückführen zu dürfen, dass die Ohrmuschel, wenn kein anomaler , wahrnehmbarer Pro cess derselben die Aufmerksamkeit des Arztes oder des Obducenten zu genauer Anschauung auffordert, häufig nicht genau genug untersucht werde, und somit eine etwa vorhandene Verknöcherung derselben, zumal wenn sie auf kleine Stellen beschränkt und wenig intensiv ist,
more » ... g intensiv ist, leicht fibersehen verden könne. B. meinte nun, dass, wenn dem äusseren Ohr sowohl beim Lebenden als bei Leichen mehr Aufmerksamkeit geschenkt würde, man vielleicht nicht nur lifter, als es bisher geschehen, auf grössere Härte , geringere Elasticität und Biegsamkeit , sondem selbst auf partielle Verknöcherungen und Brüchigkeit derselben stossen würde. In Uebereinstimmung mit dieser Ansicht B's würden die Mittheilungen älterer und neuerer Autoren über Fracturen der Ohrmuschel stehen, deren Vorkommen von vielen Seiten in Zweifel gezogen worden ist und die ja auch nur dann möglich zu sein schienen, wenn der Ohrknorpel in Folge derartiger Veränderungen , wie sie B. andeutet, seiner normalen Elasticität und Biegsamkeit verlustig gegangen ist. Nach Bochdalek haben schon Celsus, ferner Pibrac, Velpean, Jarjavay Fälle von Fracturen der Ohrmuschel gesehen. Löffler 2) beschreibt einen solchen bei einem Knaben beobachteten Fall. Der Pat. war bei einem Ohre in die Höhe gehoben worden, und bald nach der That war das ganze Ohr leicht beweglich. Schmerzen und Gesehwulstbildung dabei sehr erheblich; eine äussere Verletzung nirgends zu sehen. In einer Anmerkung hierzu sagt Stark: Ich sah ihn (se. Bruch des Ohrknorpels) entstehen nach dem Gebrauch der Levret'schen Zange, deren scharfes Ende den Ohrknorpel abgedruckt hatte." Menière 3) behauptet, dass Veränderungen der Ohrmuschel, welche zu Fracturen derselben führen, ziemlich häufig vorkämeri; er selbst habe einen derartigen Fall beobachtet: "Les muscles, le tissu cellulaire et le fibrocartilage , qui constituent le pavillon de l'oreille, offrent assez souvent un mode d'altération en vertu duquel cas parties deviennent dures, raides tel point que cet organe pent être fracturé, ainsi que je l'ai vu chez un malade âgé de 38 ans." Hiernach könnte es scheinen, als ob Bochdalek mit seiner oben angeführten Ansicht Recht hätte. Nun hat aber Gudden") an einer Reihe von Präparaten nachgewiesen, dass auch an dem sonst als ganz normal zu bezeichnenden Ohrknorpel Fracturen vorkommen können, und man ist deshalb also nicht mehr genöthigt, für alle bisher beschriebenen derartigen Fälle anzunehmen, dass es sich um Verknöcherungen des Ohrknorpels gehandelt habe. Ausserdem wäre es, wenn Bochdalek Recht hätte, doch sehr auffallend, dass jetzt, nachdem in Folge der weiteren Ausbildung der Otiatrie eine grosse Zahl von Aerzten in die Lage kommt, auch auf die Ohrmuschel ihr Augenmerk za richten, und namentlich genöthigt ist, bei Vornahme der Ohrenspiegeluntersuchung die Beschaffenheit der Ohrmuschel durch Ziehen derselben nach hinten oben ihrem Tastsinne zugänglich zu machen (bei blosser Besichtigung sind allerdings oft keine Veränderungen wahrzunehmen), Verknöcherungen des Ohrknorpels nicht häufiger, als es seit Bochdalek's Veröffentlichung der Fall gewesen ist, zur Beobachtung gekommen sein sollten. Ich finde in der mir zugänglichen Literatur seitdem nur noch zwei einschlägige Fälle erwähnt, und zwar den einen von Voltolini5), den anderen von Gudden6). Voltolini betont, dass ihm bis jetzt nur ein Mal ein Patient vorgekommen sei (Mann von ungefähr 70 Jahren), bei welchem der Ohrknorpel verknöchert war, und zwar der ganze hintere Abschnitt desselben". Auch Gudden hebt hervor, dass er von der primären Verknöcherung des Ohrknorpels nur einen einzigen Fall beobachtet habe. Derselbe erstreckte sich fast über den ganzen Umfang beider Ohrknorpel eines
doi:10.1055/s-0028-1142385 fatcat:2je4iy76rbeixiiyreh4e67tcu