John Drydens Amboyna: Verfremdungen des Heroischen im Kontext des Welthandels [chapter]

Barbara Korte
2017 Fremde Helden auf europäischen Bühnen (1600-1900)  
Als der Soziologe Werner Sombart 1915 zwischen 'Händlern' und 'Helden' unterschied, wollte er einen Beitrag zur deutschen Weltkriegspropaganda leisten und grenzte eine deutsche "heldische" Weltanschauung und Kultur von einer englischen "händlerischen" ab. Letztere charakterisiert er als essenziell unheroisch, da sie unfähig wäre, "sich auch nur um Handbreite über die greifbare und alltägliche 'Wirklichkeit' zu erheben". 1 Sombarts Schrift ist polemisch und zeitgebunden, aber sie lenkt den Blick
more » ... sie lenkt den Blick auf eine Beziehung, die bereits früheren Epochen zum Problem wurde, als sich deren politisches und soziales Gefüge durch den Welthandel veränderte. In der frühen Neuzeit gewannen wohlhabende Kaufleute neben etablierten Eliten zunehmend an Einfluss. Für England hält Shankar Raman zwei Konsequenzen dieser Entwicklung fest: "the relative decline in the position of the peerage and the nobility -in particular, relative to the middle landowning groups and the mercantile strata -and 'the weakening first of the financial resources and later of the prestige and influence of the Crown'." 2 Damit gekoppelt war die Frage nach der Heroisierbarkeit der merkantilen Akteure im Verhältnis zur traditionell heroisierbaren Aristokratie, also die Frage nach einer Erweiterung des sozialen Geltungsbereichs des Heroischen. Dieser Beitrag wird am Beispiel von John Drydens Amboyna (1673) zeigen, dass die Bühne des 17. Jahrhunderts die sozialen Verschiebungen in der englischen Gesellschaft und die durch sie bedingten (Re-)Figurationen des Heroischen explizit verhandelte, und zwar mit den Mitteln des heroic play und seinen Referenzen auf das kulturell Andere. 'Fremde Helden' gehörten zum konventionellen, und das heißt auch aristokratischen, Personal des heroic play, das von Dryden maßgeblich konturiert wurde. 3 In Amboyna aber werden Händler zu Helden, und die so entstehende Verschiebung im Heroisierungssystem führt nicht nur zu einer Beugung der Gattungsnormen, sondern bringt auch die Kategorien von Identität und Alterität sowie von Eigenem und Fremdem in Bewegung. Um die hierdurch bedingten Irritationen des Stücks und seine spezifischen Verschränkungen des Heroischen mit dem Fremden nachvollziehen zu können, sind zunächst einige Kontexte aufzurufen.
doi:10.5771/9783956503016-109 fatcat:twvicf7iqjhq5hkwqpk4mi6wcu