Die Behandlung des Keuchhustens

E. Feer
1908 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
M. H.! Unter den Infektionskrankheiten der ersten Kinderjahre nimmt der Keuchhusten einen hervorragenden Rang ein. Besonders die Mortalität ist eine beträchtliche und liberwiegt im ersten Lebensjahre last allgemein diejenige von Diphtherie, viel mehr noch von Scharlach, meist auch von Masern bedeutend, wogegen im zweiten Jahre, mehr noch späterhin Diphtherie, bisweilen auch Scharlach stark zu überwiegen pflegt. So starben z. B. in Preußen im Jahre 1892: Der Einfluß des Keuchhustens auf die
more » ... ustens auf die allgemeine Mortalität ist noch größer, als die Sterberegister angeben, da viele Todesfälle, welche durch denselben verschuldet sind, unter Bronchopneumonie, Krämpfen etc. aufgeführt werden. Bei der großen Bedeutung und Gefahr des Keuchhustens und beim Mangel an zuverlässigen Heilmitteln muß der Prop hylaxe höchste Aufmerksamkeit zugewendet werden. Bei peinlicher Durchführung ist diese um so aussichtsreicher, als die Krankheit so gut wie ausschließlich nur direkt übertragen wird. Langjährige Beobachtungen in ausgedehnter Privatpraxis lassen mich, im Gegensatz zu vielen anderen Autoren, an diesem Standpunkte festhalten. Wenn wir trotzdem öfters Fälle beobachten, deren Infektionsquelle unbekannt ist, so erklärt sich dies sehr natürlich. Die Ansteckungsfähigkeit beginnt schon im ersten, noch ganz uncharakteristischen Stadium, sodann erkranken viel häufiger, als man gewöhnlich annimmt, erwachsene Familienglieder und besonders die Mütter, auch wenn sie schon als Kinder die Krankheit durchgemacht haben. Der Keuchhusten bei Erwachsenen verläuft häufig aber atypisch, ohne eigentliche Anfälle, als ,Krampfhusten", unerkannt und nicht leiche erkenntlich, sodaß die Betroffenen keinerlei Vorsichtsmaßregeln f iir andere beobachten. Die nächste Aufgabe der Prophylaxe ist die Isolierung der Kranken. Diese dürfen bis zum Verschwinden des Hustens die Schule nicht mehr besuchen und sind auch sonst von Kindern fernzuhalten. Es gilt dies namentlich auch für Berlin, den 8. Oktober 1908. 34. Jahrgang. Spielplätze, öffentliche Anlagen ; eine Forderung, welche aber in großen Städten kaum durchzuführen ist, solange nicht für solche Kranke besondere Plätze reserviert werden. In der Familie genügt die Abtrennung gesunder Geschwister in besonderen Zimmern, urn die Ansteckung zu verhüten, auch wenn das Pflegepersonal gemeinsam ist (meist die Mutter oder ein Kindermädchen). Es ist anzuordnen, daß die Pflegerin jeweilen die Hände wäscht und im Krankenzimmer eine Aermelschi.trze anzieht. Aber auch ohne diese wünschbaren Maßregeln genügt streng räumliche Trennung der Gesundeis und Kranken so gut wie stets, um eine Ubertragung zu verhüten, sofern nicht gerade die Pflegerin bei einem Keuchhustenanfall mit dem Sputum behaftet wurde und dieses frisch an Kleidern oder Händen den Respirationsorganen des Gesunden zuträgt, ein Fall, der zum mindesten außerordentlich selten vorkommt. Meist sind ja allerdings die gesunden Geschwister infiziert, wenn bei einem Kinde der Keuchhusten so weit vorgeschritten ist, daß er auch nur vermutungsweise diagnostiziert werden kann. Die so beliebte Verbringung der "gesunden" Geschwister in andere Familien oder aufs Land hat darum große Bedenken. Jedenfalls sollten Kinder, die noch nie Keuchhusten gehabt haben und wegen Erkrankung eines Geschwisters getrennt werden, erst zu anderen Kindern gebracht werden, wenn sie 10 bis 14 Tage lang nach durchgeführter Trennung völlig katarrh-und hustenfrei geblieben sind. Die Ansteckungsfähigkeit ist sicher schon im allerersten Beginn des Katarrhs da, oft lange bevor charakteristische Anzeichen oder gar ausgesprochene Anfälle bestehen. Die meisten Uebertragungen geschehen sogar im prodromalen Stadium, wobei es mir oft zweifelhaft blieb, ob hier die Erreger, als welche wahrscheinlich die Czaplewskyschen Polbakterien gelten dürfen, besonders virulent sind, oder ob die Infektion sich nur leichter macht, weil noch alle Vorsichtsmaßregeln fehlen. Die Kontagiosität nimmt im konvulsiven Stadium allmählich ab. Genaueres darüber ist noch nicht festgestellt. Der Auswurf der kranken Kinder ist nach Möglichkeit in Schalen aufzufangen und zu beseitigen, weniger wegen der spezifischen Erreger, als um die anderen Mikroorganismen darin unschädlich zu machen. Viele Aerzte ordnen eine Desinfektion des Zimmers und der Kleider des Keuchhustenkranken an, um damit eine weitere Infektionsmöglichkeit zu vernichten. Ich halte eine Desinfektion für vollständig überflüssig, da ich durch konsequente Vernachlässigung einer solchen niemals einen neuen Fall habe 220
doi:10.1055/s-0028-1135772 fatcat:h7q45qjc4fekvozugl5t3naidq