4 Methodische Anmerkungen [chapter]

2020 Achtsamkeit als kulturelle Praxis  
Aus dem bisher Gesagten ist bereits deutlich geworden, dass sich die verschiedenen Teile der vorliegenden Arbeit hinsichtlich ihres methodischen Fokus unterscheiden müssen: In Teil II steht die Rekonstruktion der Selbst-Welt-Modelle der Achtsamkeitsströmung im Vordergrund, die dann als Grundlage für die kulturwissenschaftliche und gesellschaftswissenschaftliche Einbettung in den Teilen III bzw. IV dient. Die Arbeit beginnt daher mit einer bottom up-Bewegung, um dann jeweils durch top
more » ... urch top down-Bewegungen erweitert zu werden. Die Rekonstruktionsarbeit von Teil II basiert dabei auf einem Korpus von 14 Büchern aus dem Genre Ratgeberliteratur. Der Korpus entstand aus historisch-systematischen Gründen sowie aus Gesichtspunkten der Relevanz und Popularität und bildet somit ein »selektives Sampling« (vgl. Kelle / Kluge 2010: 50). 1 So wurde die Achtsamkeitsströmung historisch informiert in drei Kontexte und sechs Subkontexte eingeteilt (Kapitel 5.1 und 5.2), zu denen jeweils zwei bis drei Bücher ausgewählt wurden. Die selektierten Bücher werden dabei in der Achtsamkeitsströmung selbst als zentrale Publikationen reflektiert, können nach der Übersichtsarbeit von Wilson 1 | Im Unterschied zu einem »theoretischem Sample«, das in der Tradition der Grounded Theory parallel zum Forschungsprozess gebildet wird (Kelle / Kluge 2010: 47ff.), entsteht das »selektive Sampling«, ein Begriff der Feldforschung von Leonard Schatzman und Anselm Strauss, vor dem Analyseprozess aus theoretischem Vorwissen. Dieses Vorgehen scheint mir bei einem aktuellen, sehr dynamischen Gegenstandsbereich dahingehend sinnvoller, da die zahlreichen Neuerscheinungen jedes Jahr nicht mehr zu überblicken sind. Laut einer Suchanfrage auf www.amazon.de (7. Januar 2019) sind allein im Jahr 2015 125, im Jahr 2016 475, im Jahr 2017 250 und im Jahr 2018 447 Bücher veröffentlicht worden, die ›Achtsamkeit‹ im Titel tragen. Dass etwa im Jahr 2000 nur 11 erschienene Titel geführt werden, macht wiederum deutlich, wie sehr sich der Begriff in den letzten Jahren popularisiert hat. 4 | Zu denken ist hier etwa an Reckwitz (2006) oder Freist (2013), aber auch an Foucaults Analysen zu den Technologien des Selbst oder an Charles Taylors Analyse zur Genese der modernen Identität. 5 | Der Unterschied zwischen Sachbüchern und Ratgeberliteratur ist fließend. Ich bevorzuge hier den Begriff der Ratgeber, da auch diejenigen Bücher, die mehr auf die Theorie der Achtsamkeitsmeditation fokussieren, diese auf die Meditationsübung beziehen. 6 | Die Ratgeberliteratur stellt in der sozialwissenschaftlichen Forschung häufig ein mit Skepsis betrachtetes Datenmaterial dar, vermutlich wegen eines massenkulturellen Verdachts (vgl. Duttweiler 2007: 33). Aber zunehmend wird sie Gegenstand der soziologischen Forschung, etwa bei Boltanski / Chiapello (2003) in Form von Managementliteratur, bei Bröckling (2007) oder bei Scholz / Lenz / Dreßler (2013). 7 | Zur Geschichte und soziologischen Deutung der Ratgeberliteratur als Ausdruck der »Orientierungslosigkeit in der Moderne« oder »Ratlosigkeit der Moderne« vgl. Scholz / Lenz (2013: 51ff., hier 51) bzw. Duttweiler (2007: 47). 9 | Ob ein rein induktives Vorgehen überhaupt möglich ist, kann ernsthaft bestritten werden. Kelle / Kluge (2010: 18) sprechen hier von einem »induktivistische[n] Selbstmissverständnis«. Stattdessen erschlössen sich soziale Phänomene erst durch ein fragendes Interesse und nicht aus den Dingen selbst. Die Skepsis gegenüber fundamental induktiven Verfahren speist sich dabei aus Kants Kritizismus, wonach bekanntlich die Empirie an sich nie ohne ein durch Kategorien strukturiertes Subjekt gedacht werden kann (vgl. zur der forschungstheoretischen Deutung Kants ebd.: 19). 10 | Die entsprechenden Fragen waren also: Warum wird Achtsamkeit als notwendig erachtet? Wozu sollte Achtsamkeit geübt werden, was verspricht sie? Wie ist Achtsamkeit zu üben? Zu diesem Vorwissen vgl. Scholz / Lenz (2013: 71), die die »Problemdiagnose« und die »Lösungen« von Ratgebern als konstitutiven Moment dieses Genres betonen. 11 | Der hier verwendete Modellbegriff (vgl. oben, Abschnitt 3.1) umfasst genau diese Funktion der Kontrastierung nicht. Wenn im Folgenden daher von spezifischen Selbst-Welt-Modellen der Achtsamkeitsströmung die Rede ist, so sind immer idealtypische Modelle gemeint. 12 | Max Weber bestimmt den Vorgang der Herausbildung von Idealtypen wie folgt: »Er [der Idealtypus] wird gewonnen durch einseitige Steigerung eines oder einiger Gesichtspunkte und durch Zusammenschluß einer Fülle von diffus und diskret, hier mehr, dort weniger, stellenweise gar nicht, vorhandenen Einzelerscheinungen, die sich jenen einseitig herausgehobenen Gesichtspunkten fügen, zu einem in sich einheitlichen Gedankengebilde. In seiner begrifflichen Reinheit ist dieses Gedankenbild nirgends in der Wirklichkeit empirisch vorfindbar[.]« (Weber 1988: 191)
doi:10.14361/9783839452301-005 fatcat:t26drdilffd5pebrkgzhk6lgdu