Vollkostenrechnung [chapter]

2020 Perspektiven pragmatischer Medienphilosophie  
Das Kapitel »Vollkostenrechnung« beschreibt das traditionelle Medienund Bildungssystem als heterogene Struktur, die vom Internet vor grundlegende Herausforderungen gestellt wird. Die Auseinandersetzung zwischen Fernsehproduzent und Hochschullehrer zeigt, dass die wissensbasierten Bildungsideale, auf die sich Akteure in beiden Systemen auf jeweils unterschiedliche Weise beziehen, in einem Spannungsverhältnis nicht nur zu quantitativ-finanziellen Erfolgskriterien sondern auch zu tiefgreifenden
more » ... u tiefgreifenden ökologischen Herausforderungen der menschlichen Bewusstseinsentwicklung stehen. Wissensinhalte werden heute in gigantischen Datenmengen durch die digitalen Medien zur Verfügung gestellt. Komplementär erlangen daher Wahrnehmungsschulung, Gefühlsarbeit, gewaltfreie Kommunikation und achtsame Persönlichkeitsbildung für die Agenda eines nachhaltigen Medien-und Bildungssystems zukunftsweisende Bedeutung. Mike Sandbothe (MS): Die Internetrevolution hat vieles in Bewegung gesetzt. Unser Medienverständnis hat sich erweitert und die klassischen Massenmedien (Buchdruck, Presse, Radio, Film und Fernsehen) sind in eine Krise geraten. Aber nicht nur die alten Medienstrukturen bedürfen einer wirksamen Heilungsstrategie. Die ganze Welt scheint aus den Fugen. Die guten alten »Systeme« aus der wohl geordneten Luhmannwelt sind zu langsam für die 1 Friedrich Küppersbusch, Journalist und Fernsehproduzent, schreibt für die taz und produziert zeitkritische Sendungen mit der probono GmbH in Köln und Berlin. 158 Perspektiven pragmatischer Medienphilosophie enorme Beschleunigungsdynamik der vernetzten Computer. Aber lass uns zunächst mal über Deine Erfahrungen in der Welt der Fernsehproduktion reden. Gibt es dort eine Idee von Therapie? Friedrich Küppersbusch (FK): »Heilende Publizistik« wäre weder die Apotheken-Umschau noch Esoterikbuden mit allerhand Bachblüten-Predigern im Studio. Der Siegeszug von »bio« und »öko«, Nachhaltigkeit und »qualitativem Wachstum« erfasst inzwischen jedes Aldi-Regal. Ausgerechnet die »Bewusstseins-Industrie« hat hingegen keine Konzepte entwickelt, sendet und streamt ausschließlich entlang schier explodierender technischer Möglichkeiten. Den Anspruch, »heilende« Eingriffe vorzunehmen, erheben Zensoren in China, die NSA in Amerika und immer wieder profitzentrierte Unternehmen, die ihren Gewinn mit moralisierender Zuckerwatte verbrämen: Arbeitsplätze, Steuern, technologischer Fortschritt. Daneben kann man versuchen, ein »publizistisches Ethos« zu stellen. Also einen Versuch, zu definieren, welches nicht-finanzielle Unternehmensziel man verfolgt. MS: Das Wort »definieren« stammt aus einer abstrakten Theoriensprache. Hier geht es jedoch um praktisch-politische Fragen, also um die ganz konkreten Moralansprüche, die eine Stadt, eine Firma, ein Land, eine Firmenkette, ein Verbund von Staaten oder ein multinationaler Konzern mehr oder weniger implizit schon an sich selber stellen. So etwas wie »Wertorientierung« wäre in diesem Sinn keine klassische Definitionsaufgabe, also keine theoretische Setzung, sondern vielmehr eine Art hermeneutischer Tätigkeit: das Explizitmachen des Impliziten. Umso mehr politische und wirtschaftliche Akteure sich darauf einlassen, umso mehr nachhaltige Ethiken der Selbstverpflichtung explizit gemacht und bei Entscheidungen berücksichtigt werden, desto größer wird die Chance, dass diese Prozesse eines Tages einen netzwerkartigen Verbund bilden -kultur-, gesellschafts-und wirtschaftsystemübergreifend! Ein verbindendes Element wäre dabei das gemeinsame Interesse am Fortbestand der Gattung Mensch auf einem lebenswert bleibenden Planeten Erde. FK: Das musste mal gesagt werden! Auch wenn es in dieser Grundsätzlichkeit Gefahr läuft, bei allen Verbrechern der Branche Zustimmung zu finden. Also konkreter: Dem Haus »Springer« ist traditionell wenig heilig, weder in Methode noch Auftritt seiner Medien. Gleichwohl gehört die deutschisraelische Freundschaft dort, wie Kanzlerin Merkel sagte, »zur Staatsräson«. Die öffentlich-rechtlichen Sender führen einen kulturellen und politischen »Grundversorgungsanspruch« im Schilde. Und man findet in zahllosen publizistischen Einheiten ebenso viele Deutungen des Begriffes »Qualität« als
doi:10.14361/9783839452059-011 fatcat:wqqnfsj4bzf4vgk55zkk453ure