Ueber eine Modifikation des Staphylokokkenvakzins

Georg Wolfsohn
1913 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
lije bisherige Herstellung des Staphylokokkenvakzins nach der Wrightschen Methode geschah in der Weise, daß die Kokken eine Stunde lang bei 600 abgetötet und dann in bestimmter Zahl injiziert wurden. Bei dieser Art der Zubereitung gehen die Kokken zugrunde, mit ihnen aber auch gewisse toxische bakterielle Substanzen, welche für die Immunisierung durchaus nicht gleichgültig sind. -Much verwendet deshalb, wie ich einer kurzen Notiz aus seineni Buche') entnehme, schon seit einiger Zeit
more » ... er Zeit Bakterienextrakte (Serum, destilliertes Wasser, Dirnethylamin) oder Aggressine. Die mit diesen Substanzen erzielten Erfolge sind seiner Meinung nach besser als die mit den abgetöteten Krankhcitserregern erhaltenen. Von ähnlichen Erwägungen ging Re i te r bei der Darstellung seines Gonovakzins aus, bei dem die Abschwächung der lebenden, mehrere Tage lang geschüttelten Bakterien-Suspensionen nicht durch Erhitzen, sondern durch Zusatz von Karbolsäure erzielt wird. In den ersten Jahren meiner Versuche mit dem Wrighthen Staphylokokkenvakzin waren die Resultate im allgemeinen wohl ganz gut, aber nicht durchweg. Unter anderem hatte ich bei chronischen Ekzemen swie schweren Akneformen eine große Anzahl von Versagern. -Ich habe mich seit Jahren bemüht, die Herstellung des Vakzins zu verbessern, derart, daß außer den Bakterienleibern auch die von ihnen sezernierten Toxine bei der Immunisierung berücksichtigt werden. Aktive Immunisierungen mit Toxinen, wie sie zur Gewìnnung antitoxischer Sera bei Tieren vielfach ausgeführt werden, sind bisher beim Menschen noch so gut wie garnicht in systematischer Weise vorgenommen worden. -Schuld daran trägt die gewiß berechtigte Scheu, den Menschen die immerhin bedenkliche Reaktion naçh Einverleibung der Toxine überstehen zu lassen. Diesen Erwägungen mußte natürlich bei meinen Versuchen weitgehend Rechnung getragen werden. Unveränderte toxische Kulturfiltrate in gewissen großen Dosen einzuspritzeu, hatte jedenfalls große Bedenken. Bei Versuchstieren erzeugen diese an Hämolysinen und Leukozidinen reichen Filtrate lokale Hautnekrosen und mehr oder minder schwere allgemeine Erscheinungen. Anderseits mußte natürlich auch, die Injektion lebensfähiger Kokken vermieden werden, da deren Vermehrungsfähigkeit im Organismus unberechenbar ist. Im Anschluß an viellache Versuche injizierte ich beim Menschen zunächst das durch Karbol abgeschwächte Kulturfiltrat in minimalen Dosen (weniger als 1 mg), ohne daß irgendwelche Reaktionen auftraten. Es wurde dann 1. der Karbolgehalt bis auf 1/4 % Lysol reduziert, 2. wurde mit der Quantität des Filtrats vorsichtig so weit gestiegen, daß nach der Injektiön eben leichte Infiltrate und Erytheme sich an der Einspritzurigsstelle bildeten. Es hat sich mir schließlich eine bestimmte Kombination von Kulturfiltraten und abgetöten Kokken als sehr zweckmäßig und durchaus ungefährlich erwiesen: Drei bis vier Tage alte AgarreiTikulturen von Staphylokokken versehiedenster Herkunft (Furunkeln, Aknè, Ekzemen, Osteomyelitis etc.) werden in steriler physiologischer Kochsalzlösung aufgeschwemmt ')Di ImminitLthwissenschaft. 101L ( cern Kochsalz auf eine Agarkultur). Die Aufchwemmung bleibt 24 Stunden bei Zimmertemperatur stehen und wird während dieser Zeit öfters geschüttelt, dann wird zentrifugiert. Die obere Flüssigkeit, in welche nachweislich die toxischen Substanzen übergegangen sind, wird durch ein Bakterienfilter keimfrei filtriert (Probe durch Feberimpfen!); nach Zusatz von 0,25% Lysol bleibt das Filtrat 24 Stunden lang bei Zimmertemperatur stehen. Die unten abgesetzten Kokkenleiber werden mit physiologischer Kochsalzlösung aufgeschwemint, gut durchgeschüttelt und eine Stunde lang bei 60° abgetötet (Probe durch TJeberimpfen !). Die Bakterienemulsion wird derart verdünnt, daß 1 corn derselben 1000 Millionen Kokken enthält. Zusatz von 0,25 % Lysol. 1. und 2. werden zu gleichen Teilen kombiniert, die Pravazspritze enthält dann 500 Millionen Kokken und 0,5 cern Kulturfiltrat. Das Vakzin muß kühl aufbewahrt werden und hält sich dann etwa vier bis sechs Monate. \nfangsdosis 0,1 (gleich 0,05 Toxin). Die Injektionen werden intramuskulär oder subkutan ausgeführt, wenn möglich, peripherisch von der erkrankten Stelle, sonst am Oberschenkel oder über den Glutäen. -Es kommen nach den ersten Einspritzungen fast, regelmäßig Infiltrate, diffuse Rötungen oder abgegrenzte Erytheme zu Gesicht. Diese Reaktionen gehen aber meist nach 12-48 Stunden zurück. Eine Abszeßbildung ist in meinen Fällen niemals aufgetreten. Die Resultate sind besonders bei Behandlung chronischer Ekzeme überraschend gut und denen der bisherigen Vakzination zweiffellos überlegen. 30 Fälle von sehr chronisch verlaufenden Unterschenkelekzemen, teils mit varikösen Geschwüren, teils ohne solche, zeigten alle ganz augenfällige Besserungen bzw. Heilungen. Die ausführliche Beschreibung der Krankheitsänderungen muß an dieser Stelle unterbleiben und soll an anderer Stelle nachgeholt werden. Hier sei nur kurz. folgendes gesagt : Es handelte sich in allen Fällen um Kranke, meist Frauen, die schon jahrelang an den Ekzemen litten, teils schon jahrelang in poliklinischer Behandlung waren, ohne daß die 'bisherigen Behandlungsmethoden zum ' Ziele geführt hätten. -Schon nach den ersten Einspritzungen konnte oft ein Nachlassen der Schmerzen konstatiert werden, ferner eine Abnahme des Nässens und der Rötung. Wo Geschwüre vorhanden waren; legten sich die Ränder dem Geschwürsrand an und ließen deutlich eine Verkleinerung des IJicus zutage treten. In allen Fällen wurde nach wenigen Wochen ein voilkommenes Abblassen und Eintrocknen von ausgedehnten Ekzemflächen beobachtet, die vorher monate-und jahrelang hochrot aussahen und immer stark näßten. Die an den Oberechenkein auftretenden Infiltrate nach der Einspritzung waren niemals sehr erheblich, jedenfalls nahmen die meisten Patienten diese vorübergehende Belästigung gerne in den Kauf und verlangten lebhaft die weitere Fortführung der Kur. Es wurden ferner behandelt : 3 Fälle ,ron S ykosi s bar'bae, seit Jahren bestehend. Sie sind nach 6-8 Einspritzungen ebenfalls überraschend gebessert. Von dauernder Heilung möchte ich bei ihnen noch nicht sprechen, da die Beobaehtungszeit noch zu kurz ist. Das Gleiche gilt von 4 schweren Akneformen im Gesicht und am Rumpf. Schließlich seien 14 Fälle von Furunkulose erwähnt (Schulter, Nacken, Nase, Oberschenkel, Gesäß), zum Teil solche, die vorher mit Wrightstaphylokokkenvakzin erfolglos behandelt waren. -Mehrfach konnte ich bei ihnen nach der Einspritzung eine Art Reaktion konstatieren, bestehend in Zunahme von Rötung, Schmerzen an den Furunkeln, sowie leichter Temperatursteigerung. Nach spätestens 24 Stunden waren jedoch diese Reaktionen vorüber und machten einer auffallenden Besserung Platz. Die Furunkel trockneten auffallend schnell ein, neue Furunkel bildeten sich nicht. Die Pfropfen stießen sich schneller ab, als man es sonst beobachtet. Von Mißerfolgen seien erwähnt: Zwei Fälle von Osteoniyelitis femoris. In beiden deckte eine später vorgenommene Operation das Vorhandensein von Sequestern auf, woraus sich wohl, die Erfolglosigkeit der Vakzinationstherapie erklärt. WeiterhIn war die Behandlung erfolglos bei zwei chronischen Ekzemen der Mamille.. Hier traten wohl vorübergehende Besserungen, ja 8ogar Verschwinden des Ekzems ein, doch ließen clic Rezidive nicht lanc auf sich warten. 112 DEUTSCHE MEDIZINISCHE WOCHENSORRIFT. Nr. 3 Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0028-1128023 fatcat:6nhekfxqijfbbnui4eizhum2hu