Craniomania

2008 Bulletin des Médecins Suisses  
Dass Friedrich Schiller möglicherweise zwei Köpfe -recte: Schädel -hat, ist kaum bekannt: Obwohl die Ruhe der (des) Toten unanfechtbar ist, sind Friedhofsverwaltungen dies betreffend je nach Berühmtheit ihrer Kunden wenig gesetzes treu, aber nutzungsberechtigt. Schon 1826, 21 Jahre nach Schillers Tod, wurde das Massengrab geöffnet, um die Gebeine Schillers zu identifizieren. Doch man rettete lediglich einen Kopf -Schädel -, in welchem sogleich Schiller erkannt wurde, denn er war, masstechnisch,
more » ... der grösste. Goethe stellte den Schädel seines Freundes unter einer Glasglocke auf, besang ihn in einem Altersgedicht («Bei der Betrachtung von Schillers Schädel») und wurde später zusammen mit diesem Kopf in der Fürstengruft beigesetzt. 1911 entzündete sich ein Streit darüber, ob dieser Schädel nun tatsächlich derjenige Schillers sei. Der Anatom August von Froriep grub erneut in Weimars Kassengewölbe und fand über 60 Schädel, von denen ihm einer als der echte galt («Gegraben unter wissenschaftlichem Schutz: Besichtigung/Ausbettung/Mazeration/Wiedereinbettung»). Von nun an gibt es also zwei Köpfe Schillers. Doch der Streit geht weiter, denn mittels DNA-Analysen, im Vergleich zu Schillers Schwester Christophine, soll demnächst die Zuordnungsfrage geklärt werden: Fürstengruft/Froriep? Warum nur dieser Hang zur Kopfmesserei? Leichter als das Gehirn lässt sich bekanntlich der Schädel messen und deuten. Schädelhalter, Schädelstativ, Tasterzirkel zu Messung, Schädelindex und ein ausgeklügeltes Arsenal anthropologischer Handgriffe (Ohrenhöhe/Längen-Breiten-Index/Jochbogenbreite u. v. a.) sollen ausschlaggebend für die Gehirnkapazität sein. Unschuldig am Tatbestand von Kopfgrössen sind wir nicht: Denn schon zu Lavaters Zeitenfür ihn steht ausser Zweifel, dass Stärke und Schwäche eines Charakters aus Form und Grösse des Kopfes erkennbar sind; nebenbei: auch Goethe liest in Schädeln wie in Büchern -sind Schädelgrösse mit Intelligenz gekoppelt. Aus dieser unheilvollen Allianz entstanden Zuchtwahl, Rassenhygiene und schliesslich: Selektion an der Rampe. Und wieder steht ein Schweizer an vorderster Front: der Schädelsammler und -vermesser Otto Schlaginhauf, Anthropologieprofessor in Zürich. Aus diesen Tatsachen lässt sich eine absonder liche Geschichte der Verirrungen
doi:10.4414/bms.2008.13368 fatcat:l673c46g4rhxthbv7c42afkgyq