Möglichkeiten und Grenzen der Selbsthhilfeförderung in Indonesien

I. Guinand, E. Akyeampong
1992 Geographica Helvetica  
Die Hoffnungen der Modernisierungstheoretiker der 50er Jahre, Entwicklung in der Dritten Welt durch die Umwandlung «traditioneller» Gesellschaften in «moder¬ ne» Gesellschaften nach westlichem Vorbild zu errei¬ chen, konnten nicht erfüllt werden, da die erhofften Sikkereffekte der wirtschaftlichen Entwicklung, welche die ärmeren Bevölkerungsschichten hätten erreichen sollen, ausgeblieben sind. Auch die damals existierenden Ansät¬ ze zur Förderung lokaler Dorfgemeinschaften, die unter dem
more » ... ie unter dem Begriff «Community development» bekannt wur¬ den, haben bezüglich der Förderung und Besserstellung marginalisierter Bevölkerungsgruppen ihre Ziele weitge¬ hend verfehlt. Einer der Hauptgründe dafür war unter an¬ deren die mangelnde Stratifikation der Zielgruppen, die allzu oft dazu führte, daß sich die dörflichen Eliten und die traditionellen Führer zusammentaten und von den Entwicklungsprojekten am meisten profitierten. Somit trat der erhoffte Abbau der Disparitäten zwischen den einzelnen Schichten innerhalb der Dorfgemeinschaften nicht ein, und die auf traditionellen Strukturen beruhen¬ den Ungleichgewichte wurden perpetuiert oder sogar noch verschlimmert. Diese Erfahrungen haben Anfang der 80er Jahre zur Einsicht geführt, daßfalls mit einer armutsorientierten Entwicklungsstrategie die Basis er¬ reicht werden sollinnerhalb von Dorfgemeinschaften weitere Stratifikationen wie beispielsweise Handwerker, Händler, Frauen, Bauern usw. vorgenommen werden müssen, um damit die Zielgruppe zu erkennen, welche der Hilfe am meisten bedarf. Aufgrund dieser Erkenntnis entstanden unter dem Begriff des «Selbsthilfeansatzes» (der «Hilfe zur Selbsthilfe» propagiert) neue, armutsorientierte, partizipative Entwicklungskonzepte mit Pro¬ grammen auf der Mikroebene und «Bottom up»-Planungsverfahren. Der Selbsthilfeansatz Der Selbsthilfeansatz kann als Synthese früherer Ent¬ wicklungsstrategien verstanden werden und vereint di¬ verse, bereits in anderen Konzepten verwendete Ent¬ wicklungselemente und -aspekte wie beispielsweise «small is beautiful», «Entwicklung von unten», «self-reli¬ ance», «soziale Entwicklung», «zielgruppenorientierte Entwicklung» oder «angepaßte Technologie». Der Selbsthilfeansatz behandelt aber vorwiegend ein Ele¬ ment der Armutsbekämpfung: die Förderung der Selbst¬ hilfe der Armen. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern be¬ rücksichtigt der Selbsthilfeansatz aber vermehrt die so¬ ziale Schichtung einer Gesellschaft oder Gemeinschaft. Die Anpassung von Projekten an lokale Gegebenheiten ist dabei von größter Relevanz. Zentrales Anliegen der Hilfe zur Selbsthilfe ist die Bildung produktiver, selbstän¬ dig funktionierender, lokaler Ökonomien als Vorausset¬ zung nachhaltiger gesellschaftlicher Entwicklung (kör¬ ten 1989: S. 13). Hilfe zur Selbsthilfe soll der Armutsbe¬ völkerung vermehrt den Zugang sowohl zu zusätzlichen immateriellen Ressourcen (wie z. B. Know-how) als auch zu anderen Ressourcen wie Krediten, Rohstoffen, Land, Wasser usw. ermöglichen (verhagen 1987: S. 15). Zu den zentralen Komponenten des Selbsthilfeansatzes gehören die Selbsthilfeförderungsinstitutionen, die Hilfe zur Selbsthilfe in die Praxis umsetzen. Dabei wird die These vertreten, daß regierungsunabhängige Entwick¬ lungsorganisationen (NGO Non-Governmental Or¬ ganization)1 als Selbsthilfeförderungsinstitutionen effek¬ tiver und effizienter als staatliche Entwicklungsinstitu¬ tionen Aufgaben im Bereich der Selbsthilfeförderung übernehmen könnten, weil sie sowohl die ideologische Grundhaltung als auch die institutionelle Kapazität be¬ sitzen, um die Bedürfnisse der Ärmsten zu berücksichti¬ gen und in ihre Projekte zu integrieren. Der Grundgedan¬ ke der Hilfe zur Selbsthilfe ist folgender: Durch die Initi¬ ierung und Förderung von Selbsthilfe entstehen positive Rückkoppelungseffekte innerhalb der Zielgruppe, wel¬ che wirtschaftliche, politische und soziokulturelle Ent¬ wicklungen auslösen, die im Endeffekt zu vermehrter Selbständigkeit, zur Verbesserung der Lebensbedingun¬ gen und Lebenserwartung sowie zu einer angemessenen Form von Wohlstand innerhalb der Zielgruppe führen. Weiter wird angenommen, daß eine von ihrer Selbsthilfe¬ forderungsinstitution finanziell und strukturell unab¬ hängig gewordene Selbsthilfeorganisation oder -gruppe selbst die Rolle einer solchen Institution übernehmen und ihrerseits neue Selbsthilfevereinigungen gründen würde. Die damit überflüssig gewordene «Initial-Selbst¬ hilfeförderungsinstitution» könnte sich nach erfüllter Aufgabe zurückziehen und ihre Aktivitäten in andere geographische Gebiete verlegen und dort ihre Dienste anbieten. In diesem Szenario würde die Selbsthilfe nach einer gewissen Zeit lokal bzw. regional selbsttragend.
doi:10.5194/gh-47-71-1992 fatcat:lmlh6zbfwzfvxp2qt5h2wkjiaq