Der Wert des Kaninchenfleisches für die Volksernährung

H. Raebiger
1916 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Halle a. S. Geheimrat S e h o tteli u s in Freiburg j. B. hat in dieser Wochenschrift wiederholt den Wert des Kaninchenileisches für die Volksernährung einer Besprechung unterzogen und in seinem letzten Artikel (1915 Nr. 24) u. a. auch die Niihrwerte kritisiert, die das Fleisch zweier in unserem Bakteriologischen Institut gemästeter Schlachttiere nach der Analyse der hiesigen Agrik. -chemischen Kontrolistation aufzuweisen hatte. Leider läßt mich die infolge Beamtenmangels eingetretene
more » ... getretene Arbeitsüberhäufung erst jetzt auf den gerade nicht von Wohlwollen für die Kaninchenzucht getragenen Aufsatz zurückkommen. Die mir über die Nährstoffe des Kaninchenfleisehes bekannten Angaben gehen verhältnismäßig weit auseinander. Nach einer Analyse Dr. Ströbers sind im Kaninchenfleisch 75 % Wasser und 25 % feste Bestandteile enthalten. Nach Kö rugs "Chemie der menschlichen Nahrungs-und Genußmittel" betriigt der Wassergehalt 66,85 % und der der festen Bestandteile 33,15 %. Im Hinblick darauf hielt ich im Interesse der Produzenten und Konsumenten erneute Untersuchungen des Fleisches von Schlachtkaninchen für zweclunäßig und habe m. E. die gewonnenen Zahlen in dem von S e ho t t e 1 i u s angezogenen Artikel in Nr. 47/1911 der Landwirtschaftlichen Mitteilungen für die Provinz Sachsen und die NachMrstaaten auch richtig angegeben, denn es wurde in dem Fleisch der in der hiesigen Kontrollstation vom Abteilungsvorsteher Or. W. Nau ma n n analysierten beiden ausgeschlachteten Kaninchen ein Wassergehalt von 59,85 % neben 40,15 % festen Stoffen ermittelt. In den 40,15 % waren enthalten 20,20 % stickstoffhaltige Substanzen (Eiweißkörper), 18,85 % Fett, llO % Salze und sonstige stickstoffreie Stoffe. Da sämtliche Stoffe für die Ernahrung wertvoll sind, ist es keine Unrichtigkeit, wenn Dr. Poppe, der Schriftleiter des "Kaninchenzüchter", die genannten festen Substanzen als Nahrwerte bezeichnet. Mag der Wassergehalt des Kaninchenfleisches auch innerhalb der durch Fütterung, Rasse und Alter der Tiere gegebenen Grenzen Schwankungen unterliegen, so geht aus den Untersuchungsergebnissen doch klar hervor, daß wir in dem Kaninchenfleisch ein äußerst wertvolles Nahrungsmittel zu erblicken haben, das bei richtiger Zubereitung an Schmackhaftigkeit dem Kalb-und Hühnerfleisch kaum nachsteht. Wer sich nicht schon in der Friedenszeit davon überzeugt hat, den haben die Kriegsjahre sicher zu der Erkenntnis gebracht, daß die Kaninchenzucht über das Stadium der "Liebhaberei" hinaus und da Fleisch dazu berufen ist, an Stelle des gelegentlichen Kaninchenbratens" ein Volks. nahrungsmittel in des Wortes bester Bedeutung zu bieten. Es gewinnt als solches gerade deshalb an Wert, weil sich bei der großen und schnellen Vermehrbarkeit d r Tiere rascher als bei jeder anderen Tierzucht Erfolge erzielen lassen und weil Kaninchen überall gehalten werden können, in jedem Hofe und in dem kleinsten Garten. In Würdigung dessen fördert das Preußische Landwirtschaftsministerium seit einigen Jahren die Schlachtkaninchenzucht durch Bereitstellung namhafter Summen, und auch die Landwirtschaftskammern haben es sich schon immer angelegen sein lassen, diesen Teil der Kleintierzucht im Interesse der Fleischversorgung aufs tatkräftigste zu unterstützen. In einem ministeriellen Erlasse wird besonders darauf hingewiesen, daß durch die Ausdehnung der Kaninchenzucht der zurzeit sehr knappe Futtermittelmarkt nicht erheblich in Anspruch genommen wird, denn die Ernährung der Tiere ist ohne Zufütterung von Körnern leicht durchzuführen, da in erster Linie Abfälle aus Haus und Garten, Ueberreste aus Gemiisehandlungen und Markthallen, Kehricht der Wochenmärkte, Küchenabfiille der Städte, Grasschuitt der städtischen Rasenflächen und alles sonstige Gelegenheitsfutter (z. B. Unkräuter aller Art) unter Beigabe von etwas Heu Verwendung finden können. Die den Küchenabfällen entnommenen Kartoffelschalen (61,30 % Kohlehydrate, 6,63 % Fett, 10,2 % Rohprotein, davon 4,91 % verdauliches Eiweiß) bilden im gekochten Zustande ein besonders gutes Kraftfutter. Es läßt sich mithin die Kaninchenhaltung im Rahmen der verfügbaren, billigen und zum Teil kostenlos zu erhaltenden Futtermittel durchf uhren. Das Kaninchen ist aber nicht nur kein Kostverächter, sondern stellt auch hinsichtlich seiner Stallungen keine großen Anforderungen und übersteht den Winter leicht, da es gegen Kälte sehr widerstandsfähig ist, wenn es nur trocken, also sauber, und zugfrei gehalten wird. Berücksichtigt man ferner, daß die Kaninchen in sechs Monaten schlachtreif sind, läßt sich ohne weiteres auf eine günstige Rentabiitätsberechnung nicht nur für den Einzelzüchter, sondern auch für Großbetriebe schließen. Nach des Badischen Tierzuchtinspektors H i n k Berechnung kann man mit einer Ausgabe von rund 52 M jährlich 150 Pfund Kaninchenfleisch erzeugen. Das Pfund Fleisch kommt also auf 34,7 Pf. zu stehen'). Daß aber auch in Kriegszeiten noch eine rationelle Kaninchenzucht möglich ist, beweist z. B. die Rentabilitätsberechnung von Wassermann, des Schriftführers der Eisenbahner-Kaninchenzuchtvereinigung in Kassel, der die Erzeugung eines Pfundes Kaninchenfleisch in seiner kleinen Züchterei bei einem Reingewinn von 82,70 M mit 70 Pf. ansetzt.2) Andere erfahrene Züchter berechnen das Pfund Fleisch auch heute noch mit 60 -65 Pf. So weist Stadtbaurat La u m er nach, daß für die städtische Kaninchenzuchtanstalt in Quedlinburg') bei ihrer Angiiederung an das Waisenhaus die jährliche Gesamtausgabe für Futter sich pro Tag und Tier nur auf 1 Pf. stellt, wenn das Fleisch zu 60 Pf. für das Pfund verkauft wird. Dabei setzt er den Gewinn aus der Feilverwertung nur mit durchschnittlich 20 Pf. pro Fell an, obwohl die vom Deutschen Reichsverband der Kaninchenzüchter im November y. J. gegründete Fellnutzungsgesellschaft nach den im ,.Kaninchenzüchter" veröffentlichten Preisberichten für lufttrocken aufgespannte, haarfeste, rohe Feue je nach Qualität und Größe 0,40-1,30 M zahlt. Was eine planmäßige Kaninchenzucht besonders vom Standpunkt der Volksernährung bedeutet, lehren folgende statistische Daten, die sich auf das Königreich Sachsen beziehen. Hier war nach der Zeitschrift für Fleisch-und Milchhygiene (1915 H. 9) im Jahre 1913 ein Tierbestand von 56 000 Kaninchen vorhanden. Davon wurden im Laufe des Jahres geschlachtet und zum Verkauf gestellt oder im eigenen Haushalt verzehrt 51 500 Stück. In Gewichtsmasse umgerechnet, bedeutet dies für das Königreich Sachsen einen Bestand von 230 000 oder einen Konsum von 20 600 kg in dem genannten Berichtsjahre. Den Wert der Tiere, das Pfund zu 40 Pf. (Friedenspreis) angenommen, berechnet die genannte Statistik auf 165 000 M. Dazu tritt noch als Erlös für verkaufte und verwertete Kaninchenfelle ein weiterer Betrag von 40 000 M. Die statistischen Erhebungen vom 1. Dezember 1915 ergaben für das Königreich Sachsen sogar 653 824 Kaninchen. Es ist bemerkenswert, daß trotz des Futtermangel eine so große Anzahl von Tieren durch den Winter gebracht werden konnte. Was die Schlacbtkaninchenzucht unschwer zu leisten vermag, geht deutlich aus Be ec ks Artikel in der Halleschen Zeitung vom 17. April y. J. über "Die Fleiscliversorgung der Städte" hervor, der mit folgendem Mahnwort unseres anerkannten Kleintierzüchters schließt: Wenn nur 2000 Arbeiterfamilien in einer Stadt sich mit Abfällen der eigenen und der benachbarten Wirtschaften je zehn Schlachtkaninchen großziehen möchten, so entspräche das einer Fleischmenge von 1000 Zentnern, die nur wenig Entstehungskosten verursacht hätten." Durch ständig unterhaltene öffentliche Verkaufsstellen für Kaninchenfleisch wird sich in dieser Beziehung weiteres erreichen lassen, noch mehr aber durch eine nie erlahmende Belehrung der Bevölkerung seitens aller der Kreise, denen die Volksernährung am Herzen liegt. Wir müssen die tatkräftige Förderung der Schlachtkaninchenzucht in dieser ernsten Zeit als eine nationale Aufgabe betrachten! Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0028-1135191 fatcat:wiwyrepfkbedjeq2mb24rlw4km