Ueber Schußverletzungen peripherischer Nerven1)

Frieda Reichmann
1915 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Von verschiedenen Autoren ist mit Recht darauf liiiigewiesen worden, daß die Zahl der in diesem Kriege beobacliteten Schu l3verletzungen des peripherischeri Nervensystenis auffallend groß ist. Einige sprechen die Durchschlagskraft der modernen Geschosse2), andere die fortgeschritteiiere und aufmerksamere neurologisehe Diagnostik als Ursache dafür an. Schon im Balkankriege ist von verschiedenen Beobachtern eine zwischen 0,75 als Minimum und 3,2 % als Maximum schwankende Beteiligungsziffer der
more » ... igungsziffer der Nervenschüsse an den Verwundungen uberhaupt berechnet worden. lieber den jetzigen Krieg liegen, soweit es mir bekannt ist, noch keine zahlenmäßigen Angaben vor. In der hiesigen Klinik konnte ich bisher 60 Falle von peripherischen Nervenlähmungcn genauer untersuchen, teils stationäres Material, teils Patienten, deren po]iklinische Untersuchung mir durch das Entgegenkommen der Herren i) Vortrag. gehalten im Verein f. wiMsensell. Heilk. z. Königsberg L l'r. am 22. II. ll5. ) Lotech, D. ni. W. 1913 5. GOl, und später zitierte Autoren. Chefiirzte und Orclinierenden Aerzte der hiesigen Lazarette criniiglicht wurde. Ich sah I I Nervenschussc an der unteren, 49 an der oberen Extrernität. Als Erklärung für die überwiegende Beteiligung der oberen Extremitiiti) kommen die gröflere Exponiertheit und die topographisch bedingten geringeren Ausweichmöglichkeiten2) der Nervenstiinune der obereti Extremitlit in Betracht. Für die Sc}iullverletxungeii der unteren Extremität möchte ich mit Oppenheim, 1)enk2) und Oekonomakis) die besonders starke Vulnerabilitüt des N. peroneus als bemerkenswert hervorheben, die ja durch die ErfahnIngen bei infektiöeii Nervenerkrankungen, z. B. der Polyneuritis, schon wohlbekannt ist5) . Ich untersuchte sechs Schu (iverletxungen des Iscliiadikus stammes, die vorwiegend Ausfallserscheinungen im Peronealgebiet boten ; und zwar ist e bald sofort am stärksten getroffen, bald bilden siels dic übrigen Scliätligungeu zurück, während die Läsion des Permiens hartnäckig bestehen bleibt. Ja, ich möchte Ihivn sogar einen Fall reigen. in dem eine Schußverletzung des Plexus selbst sich soweit ruruekbildete, daff ,jetrt, 3, Monate nach der Verletzung, im wesentlichen motorische, sensible und trophiscbc Stôrungeii lin ( ebiet des Peroiieus bestehen. Der Patient bietet auch noah in anderer Richtung 1nterese, da das (eschoß, das nach Lage der Eixi-und Ausschußhffnung quer von vorn nach hinten durch das Abdomen gegangen Sein niull, keinerlei peritonitischc oder Darnierscheinungen verursacht hat. Von den übrigen von mir beobachteten Scliußlälimungeii der unteren Extremität entfällt ein weiterer auf den Plexus lumbalis, einer auf den Plexus sacralis, dessen sensible Aeste fast isoliert getroffen sind, zweimal wurdesi isolierte Peroneusverletzungen festgestellt . Unter den Schußlähniungen der oberen Extreinität befinden sich 11 Mediarius-, 10 Ulnarislähniungen, 2 Ulnarisund Medianuslähniungen, 7 isolierte, 3 mit Medianus-und Musculocutaneu.s-Parese kombinierte Radial islähmungen, eine Axillarisparese und 18 Plexusschiüsse. Die starke Beteiligung des Plexus wird von alleii Autoren übereinstimmend hervorgehoben. Beiüg] ich des Verhältnisses der Armnerven untereinander weichen meine Beobachtungen von allen mir sonst bekannt gewordenen Ergebnissen ab, da durchgehend eine überwiegende J3eteiligung des N. radjahs beobachtet wurde, so von Spielmeyer) in diesem Kriege unter 105 peripherischen Lähmungen allein 37 isolierte Radiahisparesen. Verliältnisniä lug selten sind die Sehnt lllähmuiigen sekundäre Folgen anderer primärer Schädigungen, wie Frakturen, Aneurysmen und anderer Gefäßverletzungen. Meist ist die Läsion eine direkte. Was ist tints in deis Fällen von primärer Lähmung nach Nervenschußverletzungen als eigentliche Ursa cli e de r Pa rese anzusehenl Diese Frage ist deshalb außerordentlich bedeutsam, weil durch zahlreiche Operationsbefunde nachgewiesen ist, daß es siels nur in wenigen Fällen tins cinc wirkliche Durch-schieBung der betroffenen Nerven handelt. Legt man die Nerven an der Sehußstelle frei, so findet man sie vielmehr in der größeren Zahl der Fälle von stark koniprimiercndem Narbengewebe umwachsen, aber nach dessen Lösung in ihrer Kontinuität erhalten und makroskopisch intakt. Der starke Druck des iii der Umgebung des Nerven dutch Schulherletzung zerstörten mid narbig geheilten Gewebes oder der Druck organisierter lokaler Blutungen kann also in solchen Fällen als Ursache der Leitungsunterbrechung angesehen werde n. Doch erhebt sich bei solchen Befunden die Frage, wodurcis es denn direkt nach der Schu Ilverletzung Vor Ausbildung cies Narbengewebes zur sofortigen Lähmung gekommen ist. Spiel me ye r nimmt an, dM3 cine primäre grobe Quetschung oder ein kleiner partieller Einrill iii den Nerven durch das vorbeigehende Cescholf hervorgerufen werden kann, dessen an siels gute spontane Heilungstendenz durch den sekundären Narbendruck und -Zug verhindert wird. Gerulanos betont, daß auch die einfache frische i)urchtränkung
doi:10.1055/s-0029-1191172 fatcat:uxeqdkuvmjawtmidllz4jrdlcu