Die Bedeutung exogener Faktoren für die Entstehung der Schizophrenie1)

Leopold Bürger
1920 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
In der Frage, welche Bedeutung die exogenen Faktoren für die Entstehung dcr endogenen VerblödLing und insbesondere der Schizo phrenie besitzen, besteht zur Zeit eine für deii Praktiker unhaltbare Unsicherheit. Manche Psych j ate r erkennen exogciicn Fakk)rcIl iicIit iiui cule veiscliliminerude und auslösende, sondern auch eine ätiologische Bedeutung für d:c Entstehung der Schizophrenie zu, andere lehnen alles ab, oder sie wollen nur eine auslösende oder verschlimmernde Bedeutung anerkennen.
more » ... ung anerkennen. Wieder andere lassen die Frage völlig offen. Es ist daher die Frage. wohl berechtigt: Rechtfertigen unsere Kenntnisse über das Wesen der Schizophrenie den oben erwähnten ablehnenden Standpunkt? Wir müssen uns stets vor Augen halten, daß das Wesen der Schizophrenie uns völlig unbekannt Ist. D i e w j s s en s c h a ft I I c h e n o ruiidlagen sind äußerst dürftig. Die pathologische Anat o m i e des Nervensystems Ist wenig durchforscht, die übrige fast völlig unbekannt. Entwicklungshemmungen in den Rindenschichten des Gehirns dürften zunächst von Bedeutung sen. K r a n kh a f t e n V e r ä n d e r u n g e n in der Rindenschicht bestimmter Hirn. teile hat man weiterhin ganz besonders großen Wert beigelegt. Es finden sich b a I d a k u te Ve r ä n d e ru n g e n an den Nervenzellen und Fibrillen, besonders der zweiten und dritten Rindenschcht, z. B. Blähungen der Kerne und Zerfalserscheinungen dcs Zelleibes. Bald sind chronische sklerotsche Zustände vorliaiideii. Häufig-sehen wir Eiiilagerun lipoider Abbaustoffe in die Gewebe, besonders um die GefüBe. Die Glia ist an den Veränderungen in Form starker Wucherungen beteiiigt. W a I t e r fand besonders iii der Markleiste und in den unteren Zeilschichten der Rinde kleine, ziemlich scharf abgegrenzte Gliaherde mit geringer Hypertrophie in der Umgebung. Im übrigen ist das Nervensystem ebenso wie alle Körperorgane bei Schizophrenie noch ungenügend durchforscht. Die weiteren Ergebfisse der wissenschaftlichen Forschung sind ebenfalls sehr dürftig. Besonders die Resultate der Abderhaldenschen Methode sind nur mit Vorsicht zu verwenden. Viel reichlicher sind bei der Schizophrenie die Namen und die Theorien, die sich ohne große Mühe aufstellen lassen. Die 1. Theorie ist die Selbstvergiftungstheorie. Irgendwo im Körper entwickelte Gifte sollen die Krankheit verursachen. Die 2. Theorie nimmt eine mangelhafte Entvicklung des Gehirns an, das infolge seiner, sei es angeborenen oder erworbenen krankhaften Veranlagung den einwirkenden Schädlichkeiten, endogenen sowohl wie exogenen, nicht gewachsen ist. Die 3. Theorie stützt sich auf die F r e u d schen Lehren und speziell auf die Lehre von den Komplexen. Keine Theorie vermag uns alle Erfahrungstatsachen restlos zu erklären. Die Aetiologie der Schizophrenie scheint keine einheitliche zu sein. Bald dürfte Selbstvergiftung vorliegen info'ge krankhafter, angeborener oder erworbener Veranlagung des oder der Giftherde, bald wird das angeboren oder erworben, krankhaft veranlagte Nervensystem den endogenen oder exogenen Schädigungen nicht gewachsen sein oder den Giftherd ungünstig beeinflussen. In nicht seltenen Fällen dürften beide, Giftherd und Nervensystem, abnorm sein. Ob unsere Theorien stimmen, wissen wir n!cht. Nehmen wir aber einmal an, sie stimmten, haben wir dann ein Recht, äußeren Faktoren, wie Schädeltraumen, peripherischen Traumen, Verbrennungen, Verbrühungen, Guten, Infektionskranklieten, ja selbst psychischen Traumen jede Bedeutung, selbst die einer auslösenden Gelegenheitsursache, abzusprechen? Oder müssen wir ihnen wenigstens jede ätiologische Bedeutung aberkennen? Stellen wir uns auf den Standpunkt, daß eine, Selbst. vergiftung vOrliegt, so sind wir meines Erachtens, wie schon Berger hervorhebt, keineswegs berechtigt oder gar verpflichtet, nun äußeren Momenten jede ursächliche, auslösende oder verschlimmernde Bedeutung abzusprechen. Berger weist mit vollem Recht auf eine Reihe physiologischer Tatsachen hin, de uns zur Vorsicht mahnen sollten, so z. B. auf die Abmagerung bei Hunden nach Zerstörung bestimmter Hirnteile, auf die Gewichtszunahnie in gewissen Stadien der Paralyse, auf die Bedeutung der Hypophyse und der Glandula pinealis, (lie doch auch dem Gehirn zugehören, für die innere Sekretion, auf die dem Sympathikus übergeordneten Zentren im Mittelhirn, Zwischenhirn und auch im Großhirn selbst. Dabei läßt Berger die indirekten Schädigungen des Nervensystems und die direkten Schädigungen der Giftherde völlig unberücksichtigt. Nc lt m cii w I r a b e r, wie ich, an, daß eine mangelhafte sei es ererbte, sei es intrauterin oiler im Leben erworbene krank hafte Anlage (les tiiihekanntn Giitherdes oder des Nervensystems vorliegt, die den normalen inneren Umwälzungen des Körpers einerseits und äußeren Schädigungen anderseits nicht gewachsen ist. Wie sollen wir uns dann stellen? Ich glaube, wir sind auch dann nicht berechtigt, äußeren Momenten eine ätiologische ver-1) Nach einem am 20. y. 1920 in der Hufelandischen Gesellschaft gehaltenen Demonstrationsvortrag. Dieses Dokument wurde zum persönlichen Gebrauch heruntergeladen. Vervielfältigung nur mit Zustimmung des Verlages.
doi:10.1055/s-0029-1209997 fatcat:yzujtvs4fnchzbjoewka5lzira