Elfriede Jelinek (2004) [chapter]

Anne Fleig, Susanne Zepp, Claudia Olk
2019 Nobelpreisträgerinnen  
ist zweifellos eine der bedeutendsten und produktivsten Autorinnen des zwanzigsten Jahrhunderts und der Gegenwart. Schon der schiere Umfang ihres sich beständig erweiternden Werks ist beeindruckend, von ihren Kritikern wird sie dafür als Vielschreiberin belächelt. Jelinek selbst verarbeitet solche Urteile und Zuschreibungen in ihrem Schreiben, das stets auf ein Gegenüber bezogen ist und gleichzeitig die eigene Wirkung reflektiert. Grundlegend ist ihre Auseinandersetzung mit der Sprache, die an
more » ... er Sprache, die an sozialen und kulturellen Überzeugungen, Normen und Klischees rüttelt und damit Abstand für genaue Beobachtung und Reflexion schafft. Jelineks Spracharbeit hat insbesondere die Form dramatischer Texte verändert; sie ist dadurch sicherlich diejenige Autorin, die das deutschsprachige Theater der letzten dreißig Jahre am nachhaltigsten geprägt und gewandelt hat. Während Jelinek einer breiteren Öffentlichkeit in den 1980er Jahren durch skandalträchtige Romane wie Die Klavierspielerin (1983) oder Lust (1989) bekannt geworden ist, liegen ihre literarischen Anfänge in experimenteller Lyrik, mit der sie sich schon Ende der 1960er Jahre einen Namen gemacht hatte. Heute wird sie in der Öffentlichkeit, aber auch in der Forschung, vor allem als Theaterautorin wahrgenommen. Jelinek schreibt nicht nur wie besessen für die Bühne, sie hat sich auch immer wieder in Essays, Reden oder Regieanweisungen mit der Institution des Theaters auseinandergesetzt. Programmatische Texte wie "Ich möchte seicht sein" (1983) oder "Sinn egal. Körper zwecklos" (1997) geben schon durch ihre Titel zu verstehen, dass sie grundsätzliche Kritik am bürgerlichen Regie-und Repräsentationstheater üben, also jenem Theater, dessen Bretter 'die Welt bedeuten'. Betrachtet man frühe Theatertexte wie Burgtheater (1985) oder Krankheit oder Moderne Frauen (1987), aber auch aktuelle Stücke wie Die Schutzbefohlenen (2014) oder Am Königsweg (2017), das sich mit der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA auseinandersetzt, dann sieht man nicht nur Jelinek auf dem Weg von Wien ins Weiße Haus, sondern kann daran auch ermessen, wie sehr sich die Welt -und mit ihr das Theater -in den letzten dreißig Jahren politisch, sozial und kulturell verändert hat. Jelineks Werk kann als Seismograph dieser Veränderungen verstanden werden. Erstaunlicherweise wird Jelinek in ihrem Schreiben nicht müde, diese Veränderungen zu kommentieren, zu reflektieren oder auch parodistisch zu sezie-Open Access. © 2019 Anne Fleig, publiziert von De Gruyter. Dieses Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 Lizenz.
doi:10.1515/9783110619034-011 fatcat:kw6t66tksnhibcjbsemm7wy56y