Die expressionistischen Fresken im Landesmuseum für Vorgeschichte (Halle Saale)

Ingrid Schulze
2018
Zu den wenigen, wenngleich nur teilweise auf uns gekommenen expressionistischen Wand malereien gehört ein Freskenzyklus von 1918 im halleschen Landesmuseum für Vor geschichte. Geistiger Schöpfer des heute noch erhaltenen Bildfrieses ist der aus München stammende Architekt Paul Thiersch ). Er war 1906 Assistent und Bürochef hei Peter Behrens -damals Direktor der Düsseldorfer Kunstgewerbeschule -gewesen und hatte ein Jahr später die gleiche Funktion hei Bruno Paul in Berlin übernommen. Von hier
more » ... rnommen. Von hier aus erfolgte 1915 die Berufung zum Direktor der Handwerkerschule in Halle. Ihre Umwandlung in eine Kunstschule, die späterhin weit über die Grenzen des damali gen Deutschland hinaus berühmt wurde, ist in erster Linie der Leitung von Thiersch zu verdanken. Seine eigene, hauptsächlich am Vorbild von Behrens geschulte Architektur auffassung wies zunächst vorwiegend klassizistische Züge auf. Ein entschiedener Wandel in dieser Hinsicht trat erstmals 1918 bei den Wandmaleien für das nach Plänen des Archi tekten Wilhelm Kreis bereits vor dem ersten Weltkrieg errichtete hallesche "Provinzialmuseum für Vorgeschichte" zutage. Daß der spätexpressionistische Freskenzyklus frühzeitig die Aufmerksamkeit der Kunst wissenschaftler erregte, verrät ein 1919 erschienener Band von Wilhelm Waetzold (1919, S. 101) über "Deutsche Malerei seit 1870". Dort heißt es: "Zwei Mächte fand Paul Thiersch 1918 in Halle vor, mit denen seine Wandmalerei sich auseinandersetzen sollte, mit denen sie leben muß; erstens die Ivreisschc Bauform: Karg in Geist und Linien, fortifikatorisch kahl und gehallt, zweitens den Bauinhalt: Denkmale unserer Vorzeit, das vorgeschicht liche Museum, über streng ornamentale, an versteinertes Baumwerk erinnernde Treppenlaufbcgleitung, fast kristallinisch starre Bildungen, steigt die Malerei auf zum Figürlich-Freien und Beseelten des oberen Wandschmuckes. Eddastimmung ist gemeint. Noch un differenziertes, nackt barbarisches Sein, Leben, Wachsen, Leiden, Sterben, Bestattetwer den, Urdasein in herbe Formen gegossen, Schicksale, deren Linien einfach und rätselvoll zugleich wie Piunen sind. Nur wer in sich den Sinn für das überpersönliche, Unerbittliche und Verflossene entdeckt, findet Zugang zum Gehalt dieser Bilder, deren Form noch mehr Versprechung als Erfüllung, eher Problem als schöne Lösung ist." Vor allem das sich beiderseits der Treppe emporwindende Gezweig der Weltenesche Ygdrasil faszinierte durch seine oft bizarr anmutende Formenvielfalt (Taf. 102,2,3). Der Baum war so angelegt, daß er, gleichsam in unergründlichen Tiefen wurzelnd, zusammen mit dem doppelten Treppcnanlauf anslieg. Angesichts des hier waltenden Phantasiereich tums liegt es nahe, sich an die auf mannigfache Weise ineinander verschlungenen und kreisenden Ornamente des keltischen und germanischen Tierstils, aber auch an das Ast werk in der deutschen Architektur und Plastik der Spätgotik zu erinnern. Der Kunsthisto riker Wilhelm Worringer, einer der geistigen Mitbegründer des Expressionismus, hatte
doi:10.11588/jsmv.1984.0.52714 fatcat:oi7hbm2kgvhpjgo36qla32gafy