KULTURGESCHICHTE UND GESCHICHTE

W. Goetz
1910 Archiv für Kulturgeschichte  
Auf den Aufsatz von W. Goetz im ersten Hefte des Jahrgangs des Archivs hätte ich wohl Grund, in jeder Hinsicht genauer einzugehen Ich habe auch alsbald nach Erscheinen dieses Heftes der Redaktion einen dementsprechenden Artikel eingereicht Gleichwohl erwies sich eine Aufnahme dieses Artikels in das zweite Heft, auf die ich bei der Schwere des Angriffs Wert legen mußte, als nicht möglich. Ich wurde um Kürzung meines Manuskripts auf ein Drittel seines Umfanges ersucht. Ich habe mich diesem
more » ... mich diesem Ersuchen zu fügen gehabt. Unter den bestehenden Umständen ist es unmöglich, auf die allgemeinen Fragen einzugehen, die der Artikel von Goetz behandelt. Im ganzen kann ich mich ja über die, wenn auch widerwillig, vorgetragene Anerkennung meiner bisherigen bescheidenen Lebensarbeit nur freuen. Und wer wird nicht verstehen, daß ich das Positive betone. Grundsätzlich stehen wir auf der gemeinsamen Basis dessen, was Goetz Kulturgeschichte nennen will und ich seit längerer Zeit Kultur-und Universalgeschichte genannt habe, und sind uns des Unterschiedes dieser Grundlage von der Grundlage des historischen Denkens im 19. Jahrhundert wohl bewußt. Dabei versichert Goetz, daß in der Richtung, wie er, große Teile der jüngeren Generation überhaupt denken. Daß von dieser Basis aus die Frage nach Kulturzeitaltern natürlich verschieden beantwortet, jedenfalls aber überhaupt beantwortet werden muß, wird Goetz noch an sich erleben: es liegt in der Konsequenz der generellen Auffassung. Nicht minder liegt in ihr, daß dabei die Entwicklung des Typismus eine große Rolle spielt. Aber auch das läßt sich aus ihr mit Leichtigkeit ableiten und erleben, daß die Gesamtvorstellungen einer letzten, universalgeschichtlichen Anschauung zudrängen, und daß nunmehr der Typismus fruchtbar wird zur Erkenntnis des letzthin Singulären Der Fehler der bisherigen Forschung ist vielfach der, daß man das Singulare direkt sucht. Das führt zu Intuition im mystischen Sinne, zu Meinungskrisen, zu unsicherm Flimmern der Ergebnisse. Erst durch das Mikro-und Makroskop des Typischen hindurch wird das wahrhaft Singuläre augenscheinlich. In einer Forschung, die den hier angedeuteten Weg geht, sehe ich die Versöhnung der bestehenden Gegensätze. Darin, daß eine solche Forschung sich wesentlich den geistigen Faktoren zuwenden und daß sie auch deshalb schon in einer psychologischen Auffassung der Geschichte fundamentiert sein muß, bin ich mit Goetz einig. Gegenüber dieser Gesamtansicht will das, was Goetz gegen einige Dissertationen, wie man zu sagen pflegt, "aus meiner Schule" mit Vehemenz vorträgt, wenig bedeuten. Auf seinen leidenschaftlichen Ton, der sich in dem eben berührten Zusammenhang bis zum Absprechen der Wissenschaftlichkeit und zum Vorwurfe "bösen Gewissens" steigert, gehe ich nicht ein Man muß mir die Anschauung zugute halten, daß Archiv für Kulturgeschichte. VIII. 2. χ -Brought to you by | Nanyang Technological University Authenticated Download Date | 6/24/15 3:41 PM
doi:10.7788/akg-1910-jg15 fatcat:no26zdarmzeqlidqgsr4y6xvkm