Die verbandlose Wundbehandlung in der Friedenschirurgie1)

1921 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Während des Krieges hat man sich ausreichend davon überzeugen können, daß der übliche schematische Wundverband, zumal bei den schwer infizierten, stark eiternden Wunden, nicht immer den Nutzen bringt, den man von ihm erwartet, daß er vielmehr häufig eine Schädlichkeit darstellt, welche dem Körper die Ueberwindung einer Wundinfektion erschwert, anstatt sie ihm zu erleichtern. Denn der Verband verursacht bei den erwähnten Wunden leicht eine Zurückhaltung des Wundsekrets anstatt der erhofften
more » ... der erhofften Aufsaugung, er übt im Verein mit der ebenfalls seit Jahrzehnten schematisierten Lagerung nicht selten einen ungünstigen Druck auf das gefährdete Wundgebiet aus, und er stellt endlich eine der wesentlichen Bedingungen dar, unter denen faulige Zersetzung des Wundsekrets und die Ansiedelung (les Bacillus pyocyaneus zustandekommt. Dem gegenüber hatte das Weglassen des Verbandes, die offene oder verbandlose Wiindbehandlung, folgende Vorteile. Die Wunden sind leichter zugänglich und besser zu beobachten, der ungehinderte Abfluß der Wundabsonderung ist besser gewährleistet, Zersetzung des Wundsekrets und die Ansiedelung des Bacillus pyocyaneus ist fast stets zu vermeiden. Es fallen schmerzhafte Verbandwechsel fort, und endlich spielte während des Krieges auch die Ersparnis an Verbandstoffen eine nicht unerhebliche Rolle. -Diese sehr handgreiflichen Vorteile der verbandlosen Wundbehandlung sind auch von den meisten der Autoren, die sich darüber geäußert haben, anerkannt worden. Es ist nicht anzunehmen, daß sie nach Beendigung des Krieges wieder vergessen werden könnten. Anderseits haben sich natürlich auch Mängel und Schäden herausgestellt, welche einzelne Autoren (Seefisch, Nötzel) veranlaßten, die Bestrebungen der verbandlosen Wundbehandlung zu verwerfen, womit sie nach meiner Meinung das Kind mit dem Bade ausgeschüttet haben. Es wird sich daher verlohnen, wenn ich festzustellen suche, was von diesen Bestrebungen und Erfahrungen als dauernder Besitz in die Friedenschirurgie übernommen werden kann.
doi:10.1055/s-0028-1140607 fatcat:u6aq6dsq7jhnnarotdxjnd3fn4