Friedrich Wilhelm IV. und Deutschland

Friedrich Meinecke
1902 Historische Zeitschrift  
Friedrich Wilhelm IV. und Deutschland. Bon Ariedrich Weinecke. Deutschland, König Friedrich Wilhelm IV. und die Berliner März revolution. Bon Felix Rach fahl. Halle a. S ., M. Niemeyer. 319 S . Wie haben die preußischen Herrscher des 19. Jahrhunderts innerlich zu jenen politischen und geistigen Triebkräften und Par teien gestanden, die den preußischen Staat an die Spitze Deutsch lands geführt, die ihn überhaupt in den vollen Strom des nationalen Lebens geleitet haben? Es ist von hohem Reize, zu
more » ... von hohem Reize, zu sehen, wie gegenüber jedem der drei in Betracht kommenden Monarchen verwandte Fragen gestellt werden mußten und zu Untersuchungen in großem Stile geführt haben. Am wenigsten Streit ist bisher um Kaiser Wilhelm I. gewesen, für den Erich Marcks, als Erster eigentlich, die Frage nicht nur präcis gestellt, sondern auch gleich mit allen Finessen, wenn auch gewiß noch manchen Abtönungen Raum lassend, beantwortet hat. Wie heiß ist dagegen um Friedrich Wilhelm III. gestritten worden. Augenblicklich herrscht ja hier Waffenruhe, aber manche Anzeichen deuten darauf, daß der Kampf bald wieder aufgenommen werden wird. Frisch entbrannt ist er dagegen um die Einschätzung Friedrich Wilhelms IV., vor allem um sein Verhältnis zur natio nalen Einheitsbewegung und zum Gedanken der preußischen Hegemonie. Den Reigen eröffnet ein Aufsatz von Max Lenz über 1848 (Preuß. Jahrbücher März 1898), welcher Front macht gegen Sybels und Treitschkes Urteile. Bismarcks Andeutungen Historische Zeitschrift (Sb. 69) N. F. Sb. LIII. 2 Brought to you by | INSEAD Authenticated Download Date | 10/26/18 7:39 AM über den "latenten deutschen Gedanken" Friedrich Wilhelms IV. wiesen bann weiter auf diese bisher zu wenig beachtete Ader in dem seltsam gemischten Gestein dieser Persönlichkeit hin. Kosers solide und vorsichtige Untersuchung (Hist. Ztschr. 83, 43 ff.) brachte wertvolles Quellenmaterial für die deutsche Politik des Königs unmittelbar vor der Märzrevolution zu Tage. Nun geht es sprungweise aufwärts zu einer ganz neuen und über raschenden Auffassung der Märzrevolution und der Haltung des Königs vor und in derselben. Wir sollen sie, so wird uns ge lehrt, fortan als ein Glied in der Kette seiner deutschen Politik verstehen. Sie erklärt es, daß er am 19. März zurückgewichen ist vor der besiegten Revolution. Max Lenz hat das zuerst im Apercu ausgesprochen (a. a. O. S . 539), sein begabtester Schüler Hermann Oncken hat die These mit vielem Geiste aufgenommen und gegen die in den bisherigen Bahnen bleibende Untersuchung von Busch über die Märztage durchgesuchten. D as Moment der persönlichen Schwäche des Königs, mit der man bisher, wie er meint, die Vorgänge im Königsschlosse am 18. und 19. März erklärt habe, drängt er stark zurück und setzt an seine Stelle eine innere politische Zwiespältigkeit des Königs als Ursache seiner Halbheit und seines Schwankens. Und nun kommt gleich hinterher Rachfahl mit noch schwererem Geschütz, mit einer eindringenden Analyse der deutschen Politik des Königs vor der Märzrevolution und einem umfassenden quellenkritischen Verhör über den 18. und 19. März. Er will keine "Rechtfertigung" des Königs im ge wöhnlichen Sinne geben, aber sein Buch wirkt thatsächlich als solche. Hatten Sybel und Treitschke übereinstimmend geurteilt, daß des Königs preußisches Staatsgefühl allezeit schwächer ge wesen sei als seine unbestimmte Begeisterung für Deutschlands Einigkeit, so werden wir jetzt von Rachfahl belehrt (S. 27): "Eben weil ihm die preußische Machtstellung allzu gering er schien, hat sich seiner der deutsche Ehrgeiz bemächtigt." Folge richtig wird auch das Verhältnis des Königs zu Österreich um gewertet. Sybel hatte gesagt: "Die Bruch mit Österreich war für seine Gesinnung eine Unmöglichkeit," -Treitschke: "Der Gedanke, im Kampfe mit Österreich die Führung der Nation für Preußen zu fordern, lag gänzlich außerhalb seines Gesichtskreises." Rachfahl gibt zwar zu, "daß seine deutsche Politik vor 1848 daran krankte, daß sie die Unmöglichkeit der Teilnahme an einem Brought to you by | INSEAD Authenticated Download Date | 10/26/18 7:39 AM deutschen Gesamtstaate für Österreich nicht zur Gebühr würdigte" (©. 272). Bald genug aber sei ihm die Binde von den Augen gefallen, und in der ersten Hälfte des M onats März sei dann der große Umschwung der deutschen Politik Preußens erfolgt: "Man hat sich von Österreich) losgesagt, um die deutsche Frage ohne und daher gegen Österreich zu lösen" (S. 71). Das Patent vom 18. März 1848 ist demnach "nicht im wesentlichen als ein Akt der Konzession, erzwungen durch den revolutionären Schrecken, vielmehr als ein Akt der Aggressive, und zwar im Ringen mit Österreich um die Vorherrschaft in Deutschland aufzufassen" (S . 105). Und den Konstitutionalismus, der ihm von Haus aus zuwider war, nahm er an, um die Nation zu gewinnen. Der Köyig sei denn auch durch den Ausbruch der Revolution nicht aus der Fassung gekommen, die Zeugnisse über seine persönliche Schwäche und Gebrochenheit seien unglaubwürdig. Auch von einer inneren politischen Zwiespältigkeit, wie sie Oncken noch annimmt, will Rachfahl nichts mehr wissen. Um die Popularität, die er für feine deutschen Ziele braucht, sich zu erhalten, paktiert der König mit den Aufständischen. Eine Politik im großen Stile sei das zwar nicht gewesen, aber eine an sich sehr wohl verständliche. Der bekannte Rückzugsbefehl am Vormittage des 19. M ärz sei dann allerdings auf Rechnung des Königs zu setzen und in einem Momente nervöser Gereiztheit und Übereilung erfolgt, aber die eigentliche Katastrophe, die "Avilierung des Königs und der Armee" sei nicht durch diesen Befehl an sich, sondern durch den Trotz des Generals von Prittwitz, der ihn sinnwidrig ausführte, heraufbeschworen worden. Diese neuen Auffassungen Onckens und Rachfahls, beide energisch durchdacht und mit größtem Geschick vorgetragen, gehen wie gesagt auf ein Apercu ihres alten Lehrers Lenz zurück. Aber auch Lenz knüpft hier, wie so oft in seinen kühn und geist voll hingeworfenen Urteilen, an einen Vorgänger, an seinen Meister Ranke an. Dieser hat auch schon geurteilt, daß in des Königs Seele "die preußisch-deutsche Idee doch immer die Ober hand über die Anerkennung des alten Vorranges an Österreich hatte".1) J a , noch mehr, Ranke bringt auch die Erklärungen des ') Briefwechsel Friedrich Wilhelms IV. mit Buttsett S . 208 (Sämtliche Werke 49/50, 477). Brought to you by | INSEAD Authenticated Download Date | 10/26/18 7:39 AM ») o. a. O. S. 280 (S. W. 49/50, 525). Brought to you by | INSEAD Authenticated Download Date | 10/26/18 7:39 AM >) Preuß. Jahrbücher M ärz 1902, S . 541. E s soll übrigens nicht verschwiegen werden, daß Delbrück das über die deutsche Politik des Königs Gesagte nicht durchweg billigt. Leider spricht er sich darüber nicht näher aus.
doi:10.1524/hzhz.1902.89.jg.17 fatcat:b5hwhsxtbjahblelvkqsbdlfoa