Ueber die Natur des physiologischen Reizes1)

Paul Grabley
1913 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Der Einwand; daß eine Theorie, solange sie nicht experimentell bewiesen, nur Hypothese bleibe und deshalb wenig Wert habe, läßt sich nur da aufrecht erhalten, wo diese Theorie den Boden der wissenschaftlichen Erkenntnis überhaupt verläßt. Ich halte die Theorie eines Problems für Notwendigkeit, wo der experimentellen Erforschung dieses Problems die Wege gesucht werden müssen. Die Substanztheorie der modernen E1ektrizittslehre ist heute allgemein anerkannt und war zunächst auch nur eine
more » ... nur eine wissenschaftliche Hypothese. Die Studien auf dem Gebiete der Elektro-Physik und Elektrô-Chemi e : Ramsay, Rutherford, Arrhenius, Herz, Nernst, Wartburg, Oswald, Van t'Hoff müssen notwendig unsere physiologischen Anschauungen beeinflussen, besonders müssen unsere biologischen Grundanschauungen eine Aenderung erfahren. Das Zustandekommen der vitalen Energie der Zelle, also des organischen Lebens überhaupt, fand bis vor kurzem, zum gro&n Teil auch noch heute, in den Lehrbüchern der Physiologie seine Erklärung in der Wärmetheorie. Die gesamte Dynamik und Energetik der lebenden Zelle wurde als Produkt der Wärmeerzeugung, der Oxydation, aufgefaßt, ohne daß die Entstehung dieser Begleiterscheinung oder dieser Aeßerung orgaùischen Lebens erklärt wurde. Die Entstehung der Energie der Zelle, sowohl der potentiellen, wie der kinetischen, ist mit der Wärmetheorie nicht erklärt. Wir können den für die Elektro-Physik wichtigsten Satz, daß Kraft, geknüpft an die Masse, Elektrizität bedeutet, direkt auf unsere physiologischen Anschauungen übertragen. Elektrizität ist ein Wort, ein Begriff, unter dem der Physiker heute Energie schlechtweg versteht. Der Versuch, den physiologischen Reiz für die Lebensbetätigung organischer Zellen zu erklären, zieht sich durch die Lehre der Physiologie wie ein roter Faden, ohne eine beinedigende Definition zu finden. Meine Anschauung physiologischer, pathologischer und therapeutischen Vorgänge stützt sich auf die Auffassung, daß die Vital-Energie bedingt und gebunden ist an die Lagerung und verschiedene Affinität der Zell-Moleküle. In der verschiedenen Affinität der Moleküle ueinander liegt die potentielle Energie, in der Verschiebung ihrer Lagerung kommt die kinetische Energie des Molekül-omplexes, der Zelle, zum Ausdruck. Oxydation und Wärmeproduktion sind Begleiterscheinungen, Aeußerungen des kinetischen Vorganges, denn alle kinetische Energie erzeugt Wärme. Um das Zustandekommen von potentieller und kinetischen Energie, sagen win schlechtweg, vonElektnizität in der lebenden Zelle, ganz gleich im Pflanzen-oder Tierorganismus, zu verstehen, müssen wir uns klarmachen, daß an dem komplizierten Aufbau den Zell-Moleküle die Atomteilchen der verschiedenen Elemente beteiligt sind. Win kennen aus der Physik die verschiedene Affinität der Elemente zueinander, die Entstehung von Elektrizität aus Voltasäule und Thermo-Elementen, aus dem Prozeß der Elektrolyse, dem Eintauchen verschiedener Elemente in bestimmte Flüssigkeiten, die Elektro-Geneten. Von diesen physikalischen Kenntnissen ausgehend, düífen wir den lebendén Zellkomplex sagen wir des leichteren Verständnisses halben, den tierischen oder menschlichen Organismus -als eine elektrische Zentrale auffassen, in der durch fortgesetzte Elektrolyse des Kreislaufs Energie entwickelt wird. Der Träger dieses Vorganges ist die uns allen sattsam bekannte physiologische Kochsalzlösung unseres Gewebes; sie stellt den Elektro-Geneten dar. Ihre NaCl-Teilchcn dienen als Ionen; eine wichtige Rolle spielen dabei die in ihn an die Proteine, Kolloide, die Fermente und Hormone der Zellen transportierten Atome der Mineral-und Metallsalze, die als Katalysatoren und lonenträger wichtig sind. Die Lösungen organischer Stoffe haben keine, oder nun minimale Leitfähigkeit, sie bekommen diese erst durch die Beimengung anorganischen Salze. Es enscheint nicht gesucht, wenn wir !Iie Zufuhr von anorganischen Salzen damit begründen, daß den Organismus Mittel zur Erzeugung elektrischer Kraft braucht. Wenn man diese Theorie ausspricht, muß man sich der Umwälzung bewußt sein, die sié logisch ausgebaut, in unsere physiologischen Anschauungen bringen muß, und man darf über Widerspruch nicht erstaunt Eein.
doi:10.1055/s-0028-1128713 fatcat:phbqkbsylvbardo2pnehhy66o4