Ueber die Behandlung der Krämpfe im frühen Kindesalter

Martin Thiemich
1913 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
in Magdeburg-Leipzig. M. H. ! Klonisch-tonische Konvulsionen treten im Kindesalter ebenso wie später, ja vielleicht noch häufiger, als Begleiterscheinung anderer infektiöser Allgemein-oder organischer Zerebralerkrankungen auf. Sie bieten in diesem Falle kein spezielles Interesse dar, und es hätte wenig Sinn, über ihre Behandlung ausführlich zu reden. Ebenso wie bei Erwachsenen gibt es aber bei Kindern, und zwar am häufigsten bei denen des ersten und zweiten Lebensjahres, Krämpfe, die sozusagen
more » ... pfe, die sozusagen die Krankheit an und fur sich, nicht ein Begleitsymptom darstellen. Allerdings lltßt auch bei ihnen die eingehende ärztliche Untersuchung und Weiterbeobachtung erkennen, daß auch hier die Krämpf e nur ein Symptom sind, aber die zugrunde liegende Krankheit tritt eben nicht so offensichtlich zutage. Beim Erwachsenen gilt dies hauptsächlich von der sogenannten genuinen Epilepsie. Auch bei Kindern, sogar bei ganz jungen Säuglingen, kommt dieses Leiden vor, aber es ist doch selten im Vergleiche mit der Häufigkeit der idiopathischen Säuglingskrämpfe, der "Eclampsia infantum". Die Epilepsie des Säuglingsalters ist überwiegend nach dei negativen Seite hin charakterisiert. Klonisch-tonische Konvulsionen, meist von wenige Minuten langer Dauer und mit Verlust des Bewußtseins einhergehend, die sich in kürzeren oder längeren Intervallen tage-, wochen-oder monatelang wiederholen, ohne daß jemals eine zureichende Ursache oder ein anderes Krankheitssymptom nachweisbar ist, nennen wir Epilepsie und finden gewöhnlich eine Bestätigung dieser Diagnose darin, daß der weitere Verlauf dem der Epilepsie entspricht, d. h. daß allmählich andere Zeichen eines Gehirnleidens auftreten. Auch hinsichtlich der Therapie gleicht diese Epilepsie des frühen Kindesalters der des gleichen Leidens im späteren Alter. Hier wie dort ist das Bro m in seinen verschiedenen Verbindungen noch heute das souveräne Mittel, wenngleich zugegeben werden muß, daß die Prognose der kindlichen Epilepsie trotz frühzeitiger und kunstgerechter Bromdarreichung um so ungünstiger ist, je früher epileptische Insulte einsetzen.1) Die epileptischen Konvulsionen bilden aber, wie gesagt, nur einen kleinen Bruchteil der scheinbar selbständig auftretenden Krämpf e des frühen Kindesalters; in der weit überwiegenden Mehrzahl der Fälle handelt es sich um ein Leiden, das nicht nur negativ, wie die Epilepsie, sondern positiv durch seine Abhängigkeit von einer wohl umschriebenen und im Intervall meist leicht aufzudeckenden Konstitutionsanomalie charakterisiert ist. Diese Anomalie, in einer mechanischen und elektrischen Uebererregbarkeit der peripherischen, motorischen (und sensiblen) Nerven bestehend, wird heute allgemein als "Spas mophilie" (spasmophiler Zustand, Heubner, spasmophile Diathese, Fi n ke 1st e in) bezeichnet; für die auf ihrem Boden erwachsenden klonisch-tonischen Konvulsionen sollte der früher wahllos für alle möglichen Krämpf e des Kindes-1) Auf die Frage der gehäuften "Absencen", ihre noch strittige Zugehörigkeit zur Epilepsie und auf ihre Prognose gehe ich nicht ein. Begründet von Dr. Paul Börner VERLAG: GEORG THIEME LEIPZIG Raberisteinplatz 2 Nr. 12 BERLIN, DEN 20. MÍRZ 1913 39. JFtHRQFING alters gebrauchte Name "Eclampsia infantum" reserviert bleiben. Wenn also im folgenden von Eclampsia infantum die Rede ist, so sind immer solche Krämpfe gemeint, die zwar scheinbar idiopathisch (ohne Meningitis, krampferregende Gifte etc.) auftreten, bei denen aber die genaue Untersuchung des Kindes eine Spasmophilie enthüllt. Ohne ausführlich auf diesen Zustand, dessen Pathogenese die moderne Pädiatrie noch lebhaft beschäftigt. einzugehen, sei kurz hervorgehoben, daß das am leichtesten zu prüfende Zeichen seines latenten Bestehens das sogenannte Fazialisphänomen ist. Wir verstehen bekanntlich darunter das Auftreten einer kurzen Zuckung in allen oder wenigstens mehreren vom N. facialis versorgten Muskeln einer Gesichtshälfte, wenn der Nerv in seinem Verlauf durch die Wange, am besten etwas unterhalb des Jochbogens, mit dem Perkussionshammer oder mit dem gekrümmten Finger beklopft wird. iDa die blitzartige Zuckung nur an der ruhenden mimisehen Muskulatur deutlich ist, durch deren Innervation beim Weinen oder Lachen aber mehr oder minder vollkommen verdeckt wird, so hat Lust empfohlen, in solchen Fällen die Prüfung der mechanischen Uebererregbarkeit am N. peroneus an dem bekannten E r b sehen Punkte neben dem Fibulaköpfchen vorzunehmen; das dabei auftretende und wenigstens in den ersten beiden Lebensjahren für Spasmophilie beweisende "Peroneusphänomen" besteht in einer blitzartigen Hebung des äußeren Fußrandes. In ähnlicher Weise hat Ibra hi m durch Beklopfen des N. radjahs am Oberarm ein "Radialisphäno men" auslösen können und zur Prüfung empfohlen. Beide letztgenannten Reizphänomene sind übrigens im Vergleich mit dem von Chvostek zuerst beschriebenen Fazialisphänomen nur bei stärkeren Graden der Uebererregbarkeit auslösbar, ihr Fehlen schließt also die Spasmophilie noch weniger aus als das Fehlen des Fazialisphänomens. Viel empfindlicher und deshalb in zweifelhaften Fällen unerläßlich ist das Ergebnis der galvanisohen Untersuchung, am besten am N. medianus in der Ellenbeuge. Da die Prüfung immerhin außer dem notwendigen Instrumentarium einige Uebung voraussetzt und in der täglichen ärztlichen Praxis, selbst in der Sprechstunde, kaum häufig angewandt werden wird, soll ihre Methodik und die Beurteilung ihrer Ergebnisse nicht genauer geschildert werden. Wer sich für diese, von Mann und The mich zuerst (1900) angestellten Untersuchungen, die übrigens die ganze moderne Entwicklung des Spasmophiliestudiums erst ermöglicht und in die Wege geleitet haben, interessiert, sei auf die modernen Lehrbücher der Kinder-heillçunde1) und für Einzelheiten auf das Handbuch der Krankheiten des Nervensystems im Kindesalter von Thiemich und Zappert2) verwiesen. Bemerkt sei nur, daß bei Uebererregbarkeit besonders die Kathodenöffnungszuckung (Ki z) gesteigert erscheint, sodaß die Minimaizuckung in den vom N. medianus versorgten Muskeln (besonders am Daumenballen) schon bei Stromstärken unter 5 Milliampère (oft schon bei 1,0 Milliampère oder darunter!) eintritt, während normalerweise erheblich stärkere Reize (6-8-10 Milliampère und mehr) dazu erforderlich sind. Ebenso sei erwähnt, daß zu den klinischen Manifestationen der Spasmophilie neben der "Eklampsie" der Laryngospas mus und die T e t an je sowie eine gesteigerte Disposition zu plötzlichen Todesfällen durch Herzstillßtand ("Herztetanie", Ibrahim) gehören. Mag auch die ,Çmanifeste
doi:10.1055/s-0028-1128254 fatcat:aoh4apffbzaldgkvki5oebj37m