Ueber die Tuberkuloseinfektion durch den Verdauungskanal

A. Heller
1902 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Tuberkulose durch den Verdauungskanal ist für die durch Koch's bekannten Vortrag in London jetzt brennend gewordene Frage über die Identitiit oder Nichtidentität der menschlichen und der Rindertuberkulose von einer, wenn auch nicht entscheidenden, doch sehr grossen Wichtigkeit geworden. Mit der Entscheidung der Frage, ob sich die Tuberkulose des Menschen auf Rinder übertragen lässt, im bejahenden Sinne, Ist noch keineswegs die umgekehrte Frage, ob sich die Rindertuberkulose auf den Menschen
more » ... uf den Menschen übertragen lässt, im gleichen Sinne entschieden. Hier sind wir auf die Beobachtung am Menschen angewiesen, da die einzig sichere Entscheidung durch Experimente am Menschen nicht zulässig ist. Ein einziges Experiment an einem einzigen Menschen, wie es Gar nault an sich vornehmen will, hat sehr wenig Werth. Koch hat bekanntlich als einen Beweis gegen die Identität die grosse Seltenheit einer primären Darmtuberkulose beim Menschen angeführt. Ich habe darauf hingewiesen, dass die aus gewöhnlichen Tuberkulosesektionen gewonnenen Zahlen wenig werth sind, weil bei fortgeschrittener Tuberkulose die Entscheidung über die Eingangspforte fast unmöglich Ist. An einem einwandsfreien Material habe ich gezeigt, wie ungewihnlich häufig besonders im Kindesalter die Infektion gerade durch den Verdauurigskanal ist. Ich muss gestehen, dass ich durch das zahlenmässige Ergebniss selbst überrascht war, obwohl ich selbstverständlich den allgemeinen Eindruck von der Häufigkeit hatte. Gegenüber den widersprechenden Angaben von Koch und seinen Gewährsmännern war es mir von grossem Werthe, zu sehen, dass auch andere sorgfältige Beobachter zu ganz ähnlichen Ergebnissen kommen, wie ich. Bei der grossen Bedeutung der Frage erlaube ich mir, diese Zahlen hier mitzutheilen, da sie nur gelegentlich einer anderen Untersuchung zur Veröffentlichung gekommen sind. Councilman, Mallory und Pearce1) haben als Nebenbefunde bei 220 Fällen von Diphtherie, fiber weLhe sie eingehenden Bericht erstatten, auch die zufälligen Tuberkulosebefunde gegeben. Ich stelle sie zum Vergleiche neben die meinen und daneben noch die von A. Baginsky2) neuerdings gegebenen: Diphtheriefälle 714 220 806 Darunter Tuberkulosefälle 140 35 144 = % der Diphtheriefälle 19,6 16 17,8 Darunter Tuberkulose durch die Verdauungsorgane 53 13 6 = % der Diphtheriefälle 7,4 5,9 0,7 = % der Tuberkulosefälle 37,8 37,1 4,1
doi:10.1055/s-0028-1138950 fatcat:feejctbv3rgy3cbzif3mp2zuiy