Ueber den Werth der Urethroskopie für die Diagnose und Therapie der chronischen Gonorrhoe

H. Wossidlo
1894 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
111 der letzten Zeit ist die Frage des Werthes der Urethroskopie für Diagnose und Therapie der Gonorrhoe, sowie über die Vorzilge der verschiedenen endoskopischen Instrumente vielfach discutirt worden. Da dieselbe jedoch noch zu keinem befriedigenden Abschluss gebracht worden ist, so hoffe ich durch meine nachfolgenden Erorterungen die Lösung der Frage um einen Schritt weiter zu fördern. In erster Linie muss betont werden, dass wohl niemand zur Stellung der Diagnose der acuten Gonorrhoe
more » ... n Gonorrhoe endoskopirt. Allerdings empfiehlt Feleki') in Budapest die abortive Behandlung des Trippers durch endoskopische Application von Höllensteinlösung mittels Aufpinselung auf die erkrankte Urethralschieimhaut. Ich weiss aber nicht, ob er viele Nachfolger finden wird, da sich unter den meisten Autoritäten wohl die Ueberzeugung Bahn gebrochen hat, dass man die acute Urethritis gonorrhoica möglichst wenig irritirend behandeln soli. Zur Stellung der Diagnose sowohl, als auch zu therapeutischcii Zwecken wird die Urethroskopie vornehmlich bei der chronischen Goiiorrhoe angewandt. Wir wollen zunächst die Frage der Diagnose der chronischen Gonorrhoe betrachten. Von den meisten Autoren wird bekanntlich die Diagnose der chronischen Gonorrhoe hauptsächlich aus dem Nachweise der mehr oder weniger starken Seeretion, der Filamente und vor allem der Gonococcen in diesen gestellt und der Schwerpunkt auf den G o n o e o e e e nbefund gelegt. Die Endoskopie wird dann auch noch so nebenbei als diagnostisches Hiilfsmittel von mehr oder weniger zweifelhaftem Werthe angeführt, doch wird sie nicht als essentiell betrachtet. Zweifellos muss die Untersuchung der Secrete sowie der Flden im Crin auf Gonococcen jeder anderen voraufgehen. Durch den gelungenen Nachweis der Gonococeen in dem Secrete oder in den Faden ist die Diagnose der chronischen Gonorrhoe und der noch bestehenden Infectiosität gesichert. Wie aber allgemein zugegeben wird und die Versuche von Goll und Anderen erwiesen haben, ist der Gonococcenbefund bei der chronischen Gonorrhoe ein inconstanter. Man kann die Tripperfaden oder Eitertropfen der chronischen Gonorrhoe häufig mehrere Tage und Wochen lang untersuchen, ohne Gonococcen zn finden. Ja es kann der Fall eintreten, dass dieselben unter Umstlnden einen oder mehrere Monate hindurch nicht mehr nachzuweisen sind, um dann. bei nicht völliger Heilung wieder aufzutreten. Der negative Gonococcenbefund erlaubt uns keinen Schluss, so beweisend auch der positive ist. Aus dem Auftreten der Fäden können wir wohl schliessen, dass noch Desquamation und entzilndliche Exsudation bestehe, aber sie beweisen noch nicht, ob die Blennorrhoe noch virulent ist oder nicht. In vielen Fkllen, wo wir Andrologen nicht imstande waren, Gonococcen zu finden, findet doch noch Infection statt, und der Gynäkologe ist dann imstande, dieselbe nachzuweisen, wo wir beim Manne völlige Heilung angenommen haben. Neisser hat deshalb empfohlen, in solchen Fällen durch Injectionen einer Lapislösung die Eiterung wieder anzufachen. Durch diese Eiterung wird eine Desquamation dei obersten Zelllagen bedingt, und es gelingt dann hitufig, auf diese Weise in dem Secret noch Gonococcen nachzuweisen; dieselben sind gewissermaassen wieder mobil gemacht. Allein es giebt immerhin noch eine Anzahl von Fällen, wo es trotz häufiger und durch Wochen fortgesetzter Untersuchungen und mehrmaliger künstlicher Exacerbation nicht gelingt, Gonococcen nachzuweisen, und wo doch der Process noch nicht abgelaufen ist, was sich nicht selten durch eine Ansteckung der Frau kundgiebt. Wir dürfen deshalb die Diagnose der chronischen Gonorrhoe nicht auf das Vorhandensein oder Fehlen der Faden und Gonococcen allein stützen, sondern müssen uns nach anderen diagnostischen Hülfsmitteln umthun. Kurz will ich nur der Untersuchung durch Sonden erwähnen. Mit Hulfe der Knopfsonde oder des Otis'schen Urethrometers kann man wohl feststellen, dass man in der Harnröhre auf Hindernisse stösst, man kann wohl die Lage und Grösse von Infiltrationen bestimmen, aber über ihre anatomische Beschaffenheit kann man mittels dieser Instrumente nichts aussagen. Das kann man nur mit dem Endoskop. Die Veränderungen, welche die Gonorrhoe in der Urethra hervorruft, bestehen in solchen des Epithels, der Drüsen und des subepithehalen Bindegewebes. Es handelt sich um Infiltrationen des Biudegewebes verschiedener Mächtigkeit nut entschiedener Tendenz zum Uebergange in schrumpfendes Bindegewebe, uni Entzündungen und Schwellungen der Litt r é 'sehen Drüsen und Mo rg a gn i'schen Krypten und Drüsenabscesse. Diese pathologisch-anatomischen Veränderungen kann man ende skopisch nachweisen. Wir sehen bei der chronischen Gonorrhoe entweder vermehrten Glanz des Epithels bei leichter Schwellung der Mucosa, oder verminderten Glanz bei stärkeren Infiltrationen des Schleimhautgewebes; wir sehen die Ausführungsgänge der Drüsen deutlicher hervortreten oder vergrössert und entzündlich geschwellt, wir finden Drüsenabscesse. Ob e rl a en der 2) unterscheidet zwei Arten von Erkrankungsgradeii. Der erste Grad umfasst die mucösen Katarrhe oder weichen Infiltrationsformen. Endoskopisch sieht man in diesen leichtesten Graden vermehrten Glanz der Oberfläche, in stärker ausgebildeten Fällen mattes und höckriges Aussehen derselben. Die kranke Partie ist stärker geröthet als die gesunde, die Schleimhaut gewulstet, die Längsfaltung grob. Anstatt sechs bis zehn kleiner Fältchen in der Centralfigur sieht man vier bis 1) Centralbiatt für die Krankh. der Ham-und Sexualorgane Bd. V, Heft 5, 1894. ) Lehrbuch der Urethroskopie. Leipzig, Georg Thieme. Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0029-1206063 fatcat:cw6x66angrcixmsufs6dptj6ey