Die akute infektiöse stomatogene Hepatose1)

Felix Pielsticker
1921 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
in Essen. M. H.! Ende Juni d. f. beobachtete ich in Essen Fälle. die unter erheblichem allgemeinen Krankheitsgefühl und lokalen Brust-und Bauchschmerzen im wesentlicheneine offenbar akut entstandene Lebervergrößerung bei subikterischer Färbung der äußeren Bedeckungen darboten. Dazu ließ sich fast ohne Ausnahme der Befund einer Zahnfleischentzündung erheben, sodaß sich der Zusammenhang zwischen ihr und der Lebererkrankung geradezu aufdrängte. Die Zahl dieser Erkrankungen vermehrte sich im lull
more » ... hrte sich im lull in auffallender Weise, erreichte Ende Juli bis Anfang August ihren Höhenunkt und fiel dann bis Anfang September steil ab; seit Mitte September habe ich keinen Fall dieser Krankhèit mehr beobachtet; sie hnpi also wohl mit der Hochsomnjerwiirme zusammen. Intelligente Kranke konnten häufig den Beginn ihres Leidens auf den Tag genau angeben; es hub dann meist mit leichtem Frieren und eintägiger Temperatursteigerung an; ein Arzt maß am 1. Krankheitstag 38,5° Achseltemperatur. Bei anderen Kranken entwickelte sich der Leberschmerz mehr-schleichend, aber immer in wenigen Tagen; sie suchten erst den Arzt auf, als der für Rheumatismus gehaltene Schmerz und die Störung des Aligemeinbefindens hartnäckig bestehen blieb. Im weiteren Verlauf traten kaum mehr Temperatursteigeiurigen auf; wenigstens bojen die ambulanten Kranken keinen Anlaß, exakte Temperaturmessungen vorzunehmen. In etwa 14 Tagen, seltener nach längerer Zeit, war die Leberschwellung zurückgegangen; nur die Zahnfleischaffektjon erforderte zuweilen noch längere Behand-') Nach einem Vortrag auf dem Naturforschertag in Nauheim 1920. lung. Die Krankheit befiel wahllos beide Geschlechter, jedes Lebensalter -nur bei Säuglingen habe ich -sie nicht gesehen -und Angehörige aller Stände und der verschiedensten Berufe. Wenn in meiner Statistik vorwiegend Bergleute vorhanden sind, so entspricht das der Eigentümlichkeit der Stadt Essen und meiner ärztlichen Tätigkeit ; aber weder das 2jährige, wohlbehütete Kind des Generaldirektors, noch die gepflegte Frau-des Industriellen oder Arztes fehlen in meiner Statistik Von den erkrankten Männern waren etwa 20 o/ genötigt, ihre Arbeit zeitweilig auszusetzen; nur vereinzelt ergab sich aus äußeren Gründen die Notwendigkeit der Krankenhausaufnahme. Alle Erkrankungen gingen, soweit ich das jetzt beurteilen kann, in Genesung über. Wir haben es somit mit einer relativ leichten und bald vorübergehenden Erkrankung zu tun. lm Vordergrund des Krankheitsbildes steht die Leberaffektion. Die durch die akute Lebervergrößerung hervorgerufenen Beschwerden mögen, da sie erfahrungsgemaßsowohl subjektiv wie objektiv leicht mißdeutet werden, kurz erwahnt werden: sie bestehen in einem unbestimmten od-er schmerzhaften Druck im Hypogastrium, der sich nach Nahrungsaufnahme steigert und als -Magenschmerz angesehen wird; ferner in dem Gefühl der Schwere und Völle im Oberbauch; oder aber in Brustschmerzen (zuweilen auch links am Herzen !), die sich mit der Atmung vermehren, und in Rückensth-merzen, die bis in Schu'ter und Arm rechterseits ausstrahlen -kurz, in Schmerzen, welche durch Kapselspannung-und Zerrung der Aufhängebänder des akut gescliwollenen Organs verursacht sind. Die objektive Untersuchung stellt eine diffus vergrößerte, häufig außerordentlich vergrößerte Leber fest. Sie überragt den Rippenbogen um 1-2 Querfinger, läßt den stumpfen, runden Rand deutlich fühlen und ist stark druckemplindlich; ihre absolute Dämpfung steigt in Rückenlage bei entspannten Bauchdecken auf 10-12 cm. Mit der Lebervergrößerung geht ein leichter Ikterus einher, der fast niemals so starke Grade erreicht, daß gemeinhin von einer Gelbsucht gesprochen werden könnte; vielmehr prägt sich dieser Subikterus am deutlicbsfen an den Augapfelbindehäuten aus. Demgemäß fehlte das Bilirubin fast ausnahmslos -im Ham ; dafür ließ sich regelmäßig Urobilin bzw. Urobilinogen in krankhaft vermehrter Menge in den dunkelbernsteingelben Urinen nachweisen-. Ich stellte durchweg am frischgelassenen I-lam die Urobilinogenorobe mit dem Ehrlichschen Aldehydreagens an ; bezeichne ich die Stärke der Probe so, wie sie Umber beim Scharlach angegeben hat, so war sie in der Mehrzahl der Fälle mitteistark, in der Minderzahl stark oder schwach. Sie erreichte meist erst am 4.-5. Tage nach dem Auftreten der Leberschwellung ihren Höhepunkt und dann zweifellos Grade, die in den angegebenen Stärken nach meinen Kontrolluntersuchungen an vielen anderen Patienten als pathologisch anzusehen sind. Mit der längeren Dauer der unbeeiñflußten Erkrankung nahm die Urobilinausscheidung zu. Der Wert des Nachweises von Urobilin oder seines Chromogens im Ham scheint mir danach für die Erkennung von Leberaffektionen recht erheblich zu sein. Irgendeinen Anhalt dafür, daß ein-vermehrter Blufzerfall stattgefunden hatte. fand ich nicht. Offenbar liegt die Sache so, daß von den ins Blut ausgeschwemmten Gallebestandteilen das Bilirubin von den festen Geweben völlig aufgesogen wird und nur das Urobilin bzw. Urobilinogen im Ham erscheint. Die Farbe des Stuhls blieb stets normal. Kein Patient konnte mir berichten, daß die Fäzes heller geworden seien. Das läßt darauf schließen, daß die normale Gallenabsonderung itt den Darm keine wesentliche Störung erlitten hatte. Trotz ihrer Geringfügigkeit machte die Cholämie erhebliche Beschwerden : Kopfschmerzen, Muskelschwäche, Unlust zu körperlicher -und geistiger Arbeit beherrschten den Kranken, ferner eine auch ihm auffallende Reizbarkeit; der Appetit lag danieder. der Stuhl war angehalten, häufig im Sinne einer spastischen Obstination; der Magen zeigte sehr häufig Brechneigung, besonders bei Frauen, die dann mehrfach eine beginnende Gravidität annahmen. Diese Vaguswirkung am Magendarmkanal blieb auffallenderweise am Herzen Fast durchweg aus; eine Bradykardiekonnte ich nur vereinzelt feststellen. -Wenn ich nun noch erwähne, daß Brust-und Bauchorgane sonst nichts Abnormes boten, daß der Urin stets frei von Eiweiß und abnormem Sediment war, daß die Milz weder perkussorisch noch palpaforisch sich als vergrößert nachweisen ließ, so wäre das klinische Bild erschöpft. Diese isolierte Erkrankung der Leber fällt offenbar aus dem Rahmen des üblichen katarrhalisehen Ikterus -heraus, der, wie wir wissen, eine noch recht unklare Gruppe ätiologisch verschiedener Krankheiten umfaßt. Die oft starke-Vergrößerung des Organs ist sicher nicht durch Stauung in tien größeren Gallen-wegen bedingt. Die-akut einsetzende diffuse Schwellung des Organs, die nur subikterisch zu nennende Ausschwemmung von Galle ins Blut, der Nachweis von pathologisch vermehrtem Urobitiri im Ham, das Fehlen von Blutzerfall und von Kreislaufstörungen, alles dies weist darauf bin,-die Erkrankung im Drüsenparenchym selbst zu suchen, ganz gleichgültig, ob wir uns den Subikterus nun durch Paracholie oder durch Qallenthromben entstanden denken -wollen. Ich habe die Vorstellung gewonnen, daß das Parenchym degenerativ erkrankt ist, im Sinne der trüben Schwellung und Fettdegeneration der Pathologischen Anatomen, wofür wir im Scharlach und in der Pneumokokkenpneumonie die geläufigsten Vorbilder haben; nur daß es sich hier um septische Allgemeininfektionen, in meinen Fällen wn eine 17.Mrz 1921 DEUTSCHE MEDIZINISCHE WOCI-IENSCHRIFT 289 Heruntergeladen von: NYU. Urheberrechtlich geschützt.
doi:10.1055/s-0028-1140506 fatcat:ojhslondkvbyldzyz6ve3xmpjq