German COVID-19 Snapshot Monitoring (COSMO) - Welle 11 (12.05.2020) [article]

Cornelia Betsch, Lars Korn, Lisa Felgendreff, Sarah Eitze, Philipp Schmid, Philipp Sprengholz, Lothar Wieler, Patrick Schmich, Volker Stollorz, Michael Ramharter, Michael Bosnjak, Saad B. Omer (+8 others)
2020
Risk perceptions down at pre-lockdown level, acceptance of measures related to worries about individual economic situation Risk perceptions are still declining, as is the acceptance of the measures; both dropping to the before-lockdown level. 89% keep a distance of 1.5m, 86% wash their hands for 20 seconds and follow the hygiene rules, 79% wear masks. 21% find the measures exaggerated (more men), on the other hand, 31% find the lifting of the measures (rather) exaggerated; in between, 41% are
more » ... between, 41% are undecided (more women in the latter groups). The last two groups perceive a higher risk and show more protective behaviour. However, those who think that the measures are exaggerated differ from the other two groups on almost all variables: they are less informed, trust the authorities less, feel lower risk, perceive the outbreak as media hype and tend to believe in conspiracy theories (both habitually and specifically related to corona). Importantly, they also have greater personal worries about their financial situation, their jobs, and worry that the gap between the rich and the poor will increase. There is also a greater desire for demonstrations against the measures. Of all respondents, 11% are prepared to take part in such a demonstration. The regulation of a possible local lockdown in case of 50 new infections in 7 days is well accepted by 62% of the respondents. 70% of all respondents think a 2nd wave is (rather) likely. Most respondents expect the second wave in 2 months. Ziel Ziel dieses Projektes ist es, wiederholt einen Einblick zu erhalten, wie die Bevölkerung die Corona-Pandemie wahrnimmt: wie sich die "psychologische Lage" abzeichnet. Dies soll es erleichtern, Kommunikationsmaßnahmen und die Berichterstattung so auszurichten, um der Bevölkerung korrektes, hilfreiches Wissen anzubieten und Falschinformationen und Aktionismus vorzubeugen. So soll z.B. auch versucht werden, medial stark diskutiertes Verhalten einzuordnen. Diese Seite soll damit Behörden, Medienvertretern, aber auch der Bevölkerung dazu dienen, die psychologischen Herausforderungen der COVID-19 Epidemie einschätzen zu können und im besten Falle zu bewältigen. Alle Daten und Schlussfolgerungen sind als vorläufig zu betrachten und unterliegen ständiger Veränderung. Ein Review Team von wissenschaftlichen Kolleg/innen sichert zudem die Qualität der Daten und Schlussfolgerungen. Trotz größter wissenschaftlicher Sorgfalt und dem Mehr-Augen-Prinzip haften die beteiligten Wissenschaftler/innen nicht für die Inhalte. Dieses Kapitel fasst alle Ergebnisse zusammen und gibt Empfehlungen; die Abbildungen dazu finden sich in den Einzelkapiteln weiter unten. Analyse der 11. Datenerhebung (12.05.-13.05.2020). Die Datenerhebungen finden wöchentlich dienstags und mittwochs statt. Die 1014 Befragten wurden aus einem durch die Firma Respondi (https://www.respondi.com/) rekrutierten und gepflegten Befragtenpool (sog. Online-Panel) so gezogen, dass sie der Verteilung von Alter, Geschlecht (gekreuzt) und Bundesland (ungekreuzt) in der Deutschen Bevölkerung entsprechen. Sorglosigkeit: Risiko und Verhalten 2 Die Risikowahrnehmung (insbesondere die wahrgenommene Erkrankungswahrscheinlichkeit) und Angst um die eigene Gesundheit sinken, ebenso die Akzeptanz der Maßnahmen. Diese sinken fast auf das Niveau von vor dem Lockdown. Es zeigt sich eine auffällige Parallelität der Mobilität (erfasst mit Mobilfunkdaten) und der Aussage, dass man die Maßnahmen übertrieben findet. Seit letzter Woche ist die Akzeptanz für Maßnahmen, die stark in die Rechte der Menschen eingreifen, signifikant gefallen. Dass Demonstrationen gestattet sein sollen ist immer noch wenig gefordert, im Vergleich zu Ende April aber gestiegen. Ärger, Frust und Wut durch die Maßnahmen ist weiterhin etwas geringer als vor den Lockerungen, was möglicherweise auf die Lockerung zurückzuführen ist. Gleichzeitig werden Schutzmaßnahmen etwas seltener ergriffen als letzte Woche; ein Drittel der Befragten macht Ausnahmen beim Treffen von haushaltsfremden Personen. Auch einfache Maßnahmen wie Händewaschen oder Abstandhalten gehen tendenziell zurück. Mehr als ein Drittel der Befragten hält es für (eher) unwahrscheinlich, sich anzustecken wenn sie haushaltsfremde Personen treffen, einkaufen, zum Arzt gehen oder außer Haus sind. Wer denkt, dass sich mehr Leute an die Regeln halten, hält sich auch selbst eher an Regeln. AHA Regel: 89% halten 1.5m Abstand (Abstandsregel), 86% waschen sich 20 Sekunden die Hände (Hygiene-Regel), 79% tragen eine Maske (Alltagsmasken-Regel). Personen, die die Maßnahmen generell übertrieben finden (n = 213), halten sich deutlich seltener auch an diese einfachen Alltags-Maßnahmen als alle anderen (die die Lockerungen übertrieben und zu früh finden (n = 318) und Personen, die indifferent sind (n = 413)). • Empfehlung: Das Beibehalten neuer Routinen sollte unterstützt werden. Verhaltenswissenschaftler können hier wertvolle Tipps geben. • Empfehlung: Positive soziale Normen sollten vermittelt werden: wer hält sich wie an die Kontaktbeschränkungen, welche gelten noch trotz Lockerungen? Maßnahmen oder Lockerungen ablehnen Bei der Einschätzung der Maßnahmen und Lockerungen scheint es zwei Lager zu geben: 21% finden die Maßnahmen übertrieben (mehr Männer), 31% finden die Lockerungen (eher) übertrieben; 41% sind unentschieden (jeweils mehr Frauen). Beim Vergleich dieser Gruppen fällt auf, dass die große Gruppe derer, die indifferent sind und die, denen die Lockerungen zu schnell gehen, ähnlich auf einer Vielzahl von psychologischen Variablen abschneiden (z.B. höhere Risikowahrnehmung) und auch ähnlich viel Schutzverhalten zeigen. Wer jedoch denkt, die Maßnahmen sind übertrieben, unterscheidet sich auf fast allen Variablen von den anderen beiden Gruppen: dieses Fünftel der Befragten ist schlechter informiert, vertraut den Behörden weniger, fühlt ein geringeres Risiko, nimmt den Ausbruch als einen Medien-Hype wahr und hängt eher Verschwörungstheorien an (sowohl habituell als auch konkret auf Corona bezogen). Sie haben größere persönliche Sorgen um ihre finanzielle Sicherheit, den Arbeitsplatz, und befürchten eher, dass die Kluft zwischen Arm und Reich größer wird. Hier ist auch der Wunsch nach Demonstrationen höher. • Empfehlung: Um die Gruppe zu erreichen, die Maßnahmen ablehnt, sollten Strategien der Risikokommunikation entwickelt werden (z.B. Betonen gleicher Werte). Die Positionen und Sorgen dieser Gruppe sollten wahr-und ernstgenommen werden. Maßnahmen, die die Kluft zwischen Arm und Reich reduzieren, können auch für die Unterstützung des künftigen Infektionsschutzes hilfreich sein. Ausstiegszenarien Insgesamt hat die Sicherstellung der gesundheitlichen Versorgung die höchste Priorität bei den Befragten. Ähnlich bedeutsam sind jedoch die eigenen ökonomischen Interessen; Einkommensverluste durch höhere Steuern und Sozialabgaben finden eine geringe Akzeptanz. Die Vermeidung einer verpflichtenden App ist weiterhin sehr wichtig. Im Setting Kita wird noch mehr als für die Schulen von den Betroffenen eine sofortige oder baldige Öffnung präferiert. Dabei ging es um die bundesweite Einheitlichkeit sowie die mögliche Übertriebenheit der Lockerungen, deren Zustimmung jeweils auf einer Skala von (1) stimme überhaupt nicht zu -(7) stimme voll und ganz zu beantwortet wurden. Krisenverhalten. In 7-10 Items wird Verhalten abgefragt, das wöchentlich auf die öffentliche Diskussion angepasst wird (z.B. Kauf großer Mengen von Lebensmitteln und Toilettenpapier oder von Zuhause arbeiten -Das habe ich bereits getan (1), Ich habe vor das zu tun (2) oder Ich habe nicht vor, das zu tun (3)). Außerdem wurde in Welle 10 explizit danach gefragt, ob die Befragten in den vorangegangenen acht Wochen häufiger als sonst im Home Office tätig waren. Falschmeldungen. Mit offenem Antwortformat werden die Teilnehmenden gebeten, von Falschmeldungen zu berichten (Sind Sie auf Informationen über das neu aufgetretene Coronavirus gestoßen, bei denen Sie nicht sicher sind, ob sie richtig oder falsch sind?), 3-5 Nennungen sind möglich. Punktuell werden zusätzliche Dimensionen erhoben. Risikowahrnehmung Influenza. In Welle 2 und 3 werden die Fragen für Wahrscheinlichkeit, Schweregrad und Anfälligkeit (Brewer et al. 2007) auch für Influenza gestellt. Ausbruchsbezogene Ängste. Ab Welle 3 werden in 9 Items (z.B. Aufgrund der jetzigen Corona-Situation, wie viele Sorgen machen Sie sich, dass die Gesellschaft egoistischer wird?) krisenspezifische Ängste erhoben. Die Antworten reichten von Sehr wenig Sorgen (1) -sehr viele Sorgen (7) ). Verschwörungstheoretisches Denken. In Welle 3 wird die Tendenz, Verschwörungstheorien zu glauben (z.B. Es geschehen viele sehr wichtige Dinge in der Welt, über die die Öffentlichkeit nie informiert wird. Stimmt sicher nicht (1) -stimmt sicher (7) ) erhoben (Bruder et al. 2013 ). Überzeugung zu Verschwörungstheorien. In Welle 10 wurde erhoben, wie stark die Befragten an Verschwörungstheorien zum Thema COVID-19 glauben (z. B. Das Virus wird absichtlich als gefährlich dargestellt, um die Öffentlichkeit in die Irre zu führen). Dabei wurden diese dazu aufgefordert, zu sechs verschiedenen Theorien auf einer siebenstufigen Skala (stimme überhaupt nicht zu (1) -stimme voll und ganz zu (7)) zu bewerten (Imhoff & Lamberty, 2020). In Welle 11 wurde sowohl die Tendenz zu verschwörungstheoretischem Denken als auch die Überzeugung zu Verschwörungstheorien abgefragt. Resilienz. In Welle 4, 5 und 8 wird Resilienz mittels der Brief Resilience Scale (z.B. Ich brauche nicht viel Zeit, um mich von einem stressigen Ereignis zu erholen. stimme überhaupt nicht zu (1) -stimme voll und ganz zu (5), Smith et al, 2008) und Corona-spezifischen Items (z.B. Während der Pandemie weiß ich, dass ich mich nicht unterkriegen lasse. Stimme überhaupt nicht zu (1) -stimme voll und ganz zu (7)) Lebenszufriedenheit. Mit einem Item (Wie zufrieden sind Sie gegenwärtig -alles in allem -mit Ihrem Leben? ganz und gar nicht zufrieden (1) -ganz und gar zufrieden (7)) wurde ab Welle 4 die Lebenszufriedenheit erhoben. Beurteilung offizieller Verfügungen. Ab Welle 5 wurde in 8 Items erhoben, ob Maßnahmen als offizielle Verfügungen erkannt werden (z. B. Welche der folgenden Maßnahmen sind offizielle Verfügungen, um die Ausbreitung und die Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus zu verhindern?) Dabei wird dies beispielsweise für die Einhaltung von Sicherheitsabstand, Selbst-Quarantäne und die Meidung öffentlicher Orte sowie anderer Personen abgefragt. Die Antwortoptionen beinhalten (1) Ja, (2) Nein und (3) Weiß nicht. Häusliche Gewalt. In Welle 6 wurden Teilnehmende zunächst nach ihrem Beziehungsstatus gefragt. Falls sie diese mit Ja beantworteten, wurde geprüft, ob sie im gleichen Haushalt wie ihre Partner oder Partnerinnen leben sowie ob und wie viele Kinder vorhanden sind. Im späteren Verlauf der Umfrage wurden drei generelle Fragen zu Konfliktsituationen (Streit, körperliche Auseinandersetzung, Gefühl von Bedrohung) gestellt. Außerdem wurde Teilnehmenden je nach Gruppe vier (Kontrollgruppe) oder fünf Aussagen (Experimentalgruppe) präsentiert, die mit Ja oder Nein beantwortet werden konnten (z. B. Ich habe schon einmal die AfD gewählt oder Ich oder ein anderes Haushaltsmitglied haben innerhalb der letzten zwei Wochen mein Kind/meine Kinder geohrfeigt, geschlagen oder getreten). Um Anonymität zu gewährleisten und sozialer Erwünschtheit vorzubeugen, sollte dabei nur die Gesamtzahl der bestätigten Aussagen eingegeben werden. Mit den beiden Frageformaten wurden so insgesamt alle fünf Dimensionen der Conflict Tactics Scale (Strauss, 1979) abgefragt, die häufig genutzt wird, um Gewalt innerhalb von Familien zu erheben. Dabei handelte es sich um physische Auseinandersetzung
doi:10.23668/psycharchives.3022 fatcat:ttu6s52tmrhilizxv3znrhuoma