Die Behandlung der Wanderniere

P. Fürbringer
1911 Deutsche Medizinische Wochenschrift  
Der Inhalt unseres Themas trägt einen ausgeprägt konservativen Zug. Die literarischen Beiträge der letzten Jahre sind nichts weniger als reichlich geflossen. Immerhin hat sich die Physiognomie, wie sie die zumeist der letzten Jahrhundertwende angehörigen speziellen Lehrwerke geboten, nach mancher Richtung so wesentlich gender, daß sich eine dem neuesten Standpunkte Rechnung tragende zusammenfassende Darstellung für die Zwecke des Praktikers wohl lohnt. Es liegt mir fern, die Klinik unseres
more » ... Klinik unseres Leidens eingehender zu zeichnen oder mich gar auf langatmige theoretische Erörterungen einzulassen. I)och kann ich nicht umhin, kurz einen seit einem Vierteljahrhundert viel diskutierten, u. a. wieder Anfang 1909 in unserer Medizinischen Gesellschaft unter manchem Widerstreit der Meinungen behandelten Zustand zu besprechen, dessen Verquickung mit der Wanderniere der praktischen Fingerzeige nicht entbehrt. Ich meine die Glénardsehe Enteroptose bzw. Splanchnoptose -der neuerdings oft gehörte Terminus "Viszeralptose" liegt mir als hybrider weniger -, jene Lagerveränderungen, Senkungen der Baucheingeweide, deren funktionelle Symptome sich zunächst unter dem bunten und wechselnden Bilde einerseits der nervösen Dyspepsie, anderseits der allgemeinen reizbaren Schwäche äußern. Ein häufiges und wichtiges Glied stellt eben unsere "Nephroptose" dar, die wieder eine sekundäre Eigenreihe von Störungen unter der Form vielgestaltiger Beschwerden bedingt. Obenan stehen schmerzhafte, bald auf die Nierengegend be.schränkte, bald nach verschiedenen Richtungen ausstrahlende Unterleibssensationen, das Gefühl, als ob sich etwas losgelöst habe, des Drucks, der Schwere, zumal bei Bewegungen und sonstigen Erschütterungen (Fahren, Reiten, Tanzen etc.) und zur Zeit der Menstruation, endlich tabesähnliche Schmerzen und Schwäche in beiden Beinen. Es begreift sich, daß die Verschränkung dieser Beschwerden mit jenen der begleitenden Gastro-und Koloptose sowie den -nicht selten auch sekundären -bunten Uebergangs-und Mischformen von Hysterie und Neurasthenic die Entscheidung, welcher Anteil durch die Wanderniere als solche verursacht ist, mißlich, ja unmöglich gestalten kann. Bis in die neueste Zeit fortgesetzte Forschungen haben nun zu einer Beurteilung dieses Glériardschen Gesamtbildes als einer angeborenen konstitutionellen Krankheit sui generis bzw. einer eigenartigen körperlichen Minderwertigkeit geführt. Sie finden in der neueren Literatur diese ursprunglich als Asthenia universalis congenita bezeichnete Konstitutionsanomalie vielfach als enteroptotischen Entartungstypus, paralytischen und phthisischen Habitus, Infantilismus benannt, oder doch mit den letzteren verglichen. Gekennzeichnet ist die anatomische Abnormität, soweit die Ungunst der Fi-103 N / (VERLAG: GEORG THIEME . LEIPZI6IRABENSTEINPLATZ Z Th LLV3 xationsverhältnisse für unser Leiden in Betracht kommt, durch flachere, nach unten offene Nierennischen. Ihre Träger pflegen sich durch schlanke Figur und schmalen, besonders unten engen Brustkorb, sowie Mobilität der zehnten Rippe auszuzeichnen. Allein es wäre verfehlt anzunehmen, daß diese ererbte Disposition regelmäßig vorhanden sei oder gar im Löwenanteil der Fälle als solche, ohne Beteiligung anderer Faktoren, die Wanderniere herbeiführte. Vielmehr kann sie auch is o li e r t vorkommen und durch mechanische Ursachen e r w o r b e n werden. Rücksichtlich der letzteren hat sich die seither so hoch bewertete Rolle des Bauchfells als Träger und Befestiger des Organs als unhaltbar erwiesen und ist mit gutem Recht durch jene des intraabdominellen Drucks ersetzt worden. Der bedeutungsvollste Faktor, der für unser therapeutisches Handeln garnicht hoch genug gewürdigt werden kann, bleibt die krankhaft herabgesetzte Energie der Bauchmuskulatur im weitesten Sinne des Wortes. Neben diesem Abhängigkeitsverhältnis, das seinen drastischen Ausdruck in der besonderen Häufigkeit unserer Störung bei oftgebärenden Frauen (Hängebauch, Diastase der Recti) findet, bewahrt die gleichfalls wichtige Rolle des von außen wirkenden Drucks (des Mieders oder Gürtels) ihr Recht. Andere Faktoren wie Fettschwund und Trauma treten, als mitwirkende wie vollgültige, im allgemeinen zurück. Sehen wir nunmehr zu, welche ursächlichen Heilanzeigen die vorstehenden Erörterungen liefern und wie ihnen entsprochen werden kann. Daß wir die Indikationen, welche die eigentliche Therapie der angeborenen, mit anatomischen Anomalien einhergehenden Splanchnoptose stellt, nicht erfüllen können, liegt auf der Hand. Indessen dürfen Sie nicht außer acht lassen, daß in nicht wenigen Fällen erst der Hinzutritt der schädlichen funktionellen
doi:10.1055/s-0028-1130644 fatcat:fcxz4greynghnck3q2rbqyxnlq